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Editorial

Editorial Ausgabe 94/Januar 2018, 1. Quartal

Liebe Leserin, lieber Leser!

Dieser Tage konnte ich im Buch ,Der schmale Grad der Hoffnung‘ von Jean Ziegler meinen Blick in das Innere der UNO werfen und nachlesen, dass so gut wie alle wichtigen Gesetze, die Politiker über zehn Jahre von 2004 bis 2014 verabschiedeten, dem Kapital gedient haben. Nicht den Lebensbedingungen der Menschen, nicht dem Erhalt der Umwelt, nicht der Regulierung der Finanzmärkte und anstatt auf steuerliche Entlastung von Arbeit zu setzen wurden die Steuerrechte zum Vorteil der Unternehmen reformiert.

Wen wundert es da, dass der deutsche Landwirtschaftsminister sich nicht um die Meinung der Mehrheit seiner Bundesbürger schert und sich dem Druck der 95 Prozent konventioneller Landwirtschaft beugt, die ohne Glyphosat ihre Arbeit völlig neu denken müsste? Die Pestizidlüge bleibt weiter ein unbewältigtes Thema!

Wer mit einer Revolution rechnet, verpasst den Wandel. Veränderung kommt nicht auf einen Schlag. Vor fast einem Vierteljahrhundert haben wir die bioPress-Redaktion gegründet mit dem Ziel, Bio für alle zugänglich und bezahlbar zu machen. Ein viel weiterer Weg, als wir uns das vorstellen wollten.

Dass die Agrochemie innerhalb kürzester Zeit um sich greifen konnte und seither die Landwirtschaft beherrscht, ist, anders als bei uns, der Profitgier geschuldet. Und die Tatsache, dass die Bauern die mit der Agrochemie mögliche Produktivität nicht selbst finanzieren können, hält sie im Würgegriff. Das erklärt auch den Spagat von Landwirtschaftsminister Schmidt.

Die Bio-Branche kann nicht allein mit der Entwicklung von Weisheit in Berlin rechnen und alle Hoffnungen nur auf Veränderungen an den Spitzen setzen. Politiker tun was sie können. Nur, viel ist es nicht!

Auch das Verharren an den Gewohnheiten hilft nicht. So wenig wie der Fachhandel die Bio-Vermarktung alleine bewältigen kann, so wenig nützt den Lebensmittelkaufleuten das Warten auf die Versorgung mit ausreichender Vielfalt an Bio-Produkten durch ihre herkömmliche Vorstufe. Die orientiert sich - wie Minister Schmidt - an der 95 Prozent-Mehrheit. Umgesetzt wird nur, was in die Strukturen passt: Die Vielen unten werden beherrscht von den Wenigen ganz oben! Und das natürlich mit der größtmöglichen Bindung und Abhängigkeit.

Ökologische Lebensmittel wurden zuerst belächelt, dann bekämpft und heute wird versucht, die guten Eigenschaften zu assimilieren, um daraus den gewohnten Profit in die immer gleichen Taschen zu stecken. So erreichen die auf ökologischen Landbau umgestellten Bauern keinen Millimeter mehr Freiheit.

Jede Revolution frisst ihre Kinder. So schafft auch die digitale Revolution Ungewolltes. Der Lebensmittelhandel kann beispielsweise über globales Denken hinaus lokal und regional handeln. Das Verbringen der Lebensmittel vom Feld auf den Teller geht plötzlich neue Wege und macht möglich, was vor der digitalen Welt vom Einzelnen so nicht leistbar war. Die zentralen Kräfte zerbröseln.

Die qualitätsorientierten Lebensmittel-Einzelhandelskaufleute mit dem Wunsch nach echter Vielfalt und Alleinstellungsmerkmalen in den Regalen können sich neu organisieren. Dabei werden sie unterstützt von neuen Strukturen. Nicht mehr zentral sondern desk-top ist angesagt! Eigene Warenwirtschaften werden unterstützt von unabhängigen Datenbanken. Bio, Vielfalt, regional und lokal, Delikatessen oder Frische auch direkt vom Acker in Rumänien oder dem Orangenhain in Spanien bieten ungeahnte Möglichkeiten. Mit den digitalen Plattformen und moderner Logistik muss Bio nicht mehr den Assimilierungsstrukturen der Zentralen folgen.

Bio musste sich im letzten Jahrzehnt nicht den vorhandenen Lebensmittel-Vermarktungsstrukturen anpassen. Wer qualitativ gute Bio-Lebensmittel anzubieten hatte, konnte auch an den Zentralen vorbei direkt in die Märkte liefern. Bio war - und ist auch heute noch - so rar und dabei stark nachgefragt, dass niemand der Massenstruktur gehorchen muss(te)!

Die Bio-Hersteller können ihre Produkte direkt in die Regale steuern. Bauern müssen ihre Qualitätsernten nicht mehr auf dem großen Haufen der Aufkäufer abliefern, sondern, wie heute schon viele Kaffeebauern das vorleben, einen eigenen Marktzugang auf hohem Qualitätsniveau schaffen. Neue, unabhängige Strukturen entstehen vom Acker direkt zum Verbraucher. Verpassen Kaufleute diesen Zug, gewinnen die Paketdienste, zumal, wenn sich Amazon noch dazugesellt.

Der Mainstream weist die Richtung von Bio im Handel. Eine neue Untersuchung zeigt, welche Warengruppen noch weit hinter ihren Bio-Absatzmöglichkeiten zurückliegen. Mit einfach gängigen Bio-Produkten, weil lange haltbar, sind die Regale heute gepflastert mit Doubletten ohne Ende! Wer die gesamte Angebotsbreite in seine Regale schafft, gewinnt im Rennen um die Kunden. Das zeigen die Bio-Vollsortimenter im Fachhandel und im LEH. 60 Prozent werden mit frischen Lebensmitteln umgesetzt, so die Spitzenkaufleute. Sollte das ausgerechnet bei Bio-Lebensmitteln anders sein?

Erich Margrander
Herausgeber


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