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Glyphosat

Glyphosat – auch ein Thema für Bio-Lebensmittel?

Zum Thema Glyphosat gibt es praktisch nichts, was noch nicht gesagt ist und auch praktisch niemanden, der sich bislang nicht dazu geäußert hat – zumindest in der sogenannten „Fach“-Welt.

Grundsätzlich hat dieses Thema vermutlich in der Biopress(e) auch nichts verloren, denn der Wirkstoff ist bekanntermaßen im Rahmen des ökologischen Landbaus nicht zugelassen und sollte somit – abgesehen von unvermeidlichen beziehungsweise erklärbaren Spuren – auch nicht in Bio-Lebensmitteln nachzuweisen sein.

Betrachtet man dann noch die in den letzten Jahren stark zunehmende Intensität und Dichte der Rückstandsanalysen, so ist grundsätzlich Entwarnung angesagt. Soweit die Theorie.

Praktisch ist es jedoch so, dass Glyphosat eben nicht im Rahmen der üblicherweise durchgeführten sogenannten ‚Multimethode‘ nachgewiesen werden kann, sondern gezielt darauf geprüft werden muss, sofern ein gesteigertes Interesse an der Information besteht. Bei Kosten, die in etwa den halben Preis der für mehr als 500 Wirkstoffe anzuwendenden Multimethode betragen, musste die Wichtigkeit der Prüfung auf Glyphosat in der Vergangenheit schon bedeutend sein, um freiwillig darauf zu prüfen.

Zwangsläufig werden bei der Gelegenheit beim Autor Erinnerungen an türkische Bio-Linsen im Herbst 2010 wach. Seinerzeit waren flächendeckend Gehalte im Milligramm-Maßstab keine Seltenheit. Heutzutage würde man bei vergleichbaren Fällen ‚Food Fraud‘ (Lebensmittelbetrug) auf breiter Front beklagen. Die damalige Ausnahmesituation etablierte – lange vor der politischen Wiederzulassungs-oder-doch-nicht-Debatte – Glyphosat als integralen Bestandteil des Prüfplans von Qualiätssicherern in der Bio-Branche.

Wirkungsweise des Herbizids

Glyphosat ist unabhängig davon weltweit einer der am meisten eingesetzten Pflanzenschutzmittelwirkstoffe. Es gehört zur Gruppe der Herbizide, umgangssprachlich auch als ‚Unkrautvernichtungsmittel‘ bezeichnet. Sein breites Wirkungsspektrum als nicht selektives Herbizid und ein günstiger Preis machen seine Verwendung – nicht nur für den Hobbygärtner – so attraktiv.

Die Wirkungsweise besteht darin, dass Glyphosat ein Enzym hemmt, das in Pflanzen für die Bildung der Aminosäuren Phenylalanin, Tyrosin und Tryptophan essenziell ist und bei Mensch und Tier nicht vorkommt.
Glyphosat wird hauptsächlich zur Bekämpfung von Wildkräutern (Unkraut) und zur Sikkation (Vorerntebehandlung, Beschleunigung des Reifeprozesses) wie im Falle der eingangs angesprochenen Linsen verwendet.

Glyphosat im Urin

Menschen und Tiere können folglich über Lebensmittel und Futtermittel Glyphosat aufnehmen. Da Glyphosat vom Körper schnell wieder ausgeschieden wird, wurden auch erwartungsgemäß Spuren des Wirkstoffs im Urin nachgewiesen.

Die bisher nachgewiesenen Glyphosatkonzentrationen im Urin weisen laut Bundesamt für Risikobewertung (BfR) nach derzeitigem Stand der Dinge allerdings zwar nicht auf eine gesundheitlich bedenkliche Belastung von Anwendern oder Verbrauchern mit Glyphosat hin, werden jedoch andererseits berechtigterweise von Umweltverbänden und -organisationen hinterfragt.

Es stellt sich unabhängig davon, bei derartigen Diskussionen vor dem Hintergrund sich stets verbessernder Analytik, die Frage, inwieweit die Gesellschaft bereit dazu ist, Rückstände möglicherweise gesundheitsbeeinträchtigender Stoffe oder auch nur das Wissen darum, zu akzeptieren.

Nur als Randnotiz sei erwähnt, dass die zu Zeiten der Linsen-Diskussion in 2010 „übliche“ Bestimmungsgrenze für Glyphosat von 0,1 mg/kg nahezu flächendeckend für die allermeisten Lebensmittel auf ein Zehntel davon – 0,01 mg/kg gesenkt wurde.

Abbauprodukt AMPA

Bei der Bewertung von Glyphosat ist häufig auch von dessen Abbauprodukt (Metabolit) AMPA (Aminomethylphosphonsäure) die Rede. Dieses wird beispielsweise im Boden durch Mikroorganismen gebildet oder im Stoffwechsel von Pilzen, die auf glyphosathaltigem Substrat kultiviert wurden. In diesem Fall genügt bereits die Anwesenheit des Metaboliten in entsprechender Konzentration, um Rückschlüsse auf das Substrat ziehen zu können.

Der Wirkstoff Glyphosat besteht neben dem wirksamen Anion auch aus einem Gegenion. Das kann zum Beispiel Ammonium sein, welches in der Rückstandsbewertung keine Rolle spielt, oder das jüngst häufiger auftretende Trimethylsulfonium-Kation (Trimesium), das über einen eigenen sehr strengen Rückstandshöchstgehalt verfügt und in der Vergangenheit – zumindest in Deutschland – schon seit langer Zeit geregelt war.

Untersuchungen in größerer Breite dagegen sind erst in letzter Zeit zu beobachten – mit der Folge einer überraschenden Anzahl an Positivbefunden. Die Bewertung gestaltet sich hier mitunter schwierig, da Trimesium wie andere Stoffe auch gleichzeitig über andere Quellen verfügt, aus denen Rückstände in Produkten resultieren können.

Im Fokus jetzt auch Kaffee und Tee?

Weitere Informationen zu Glyphosat bietet im Übrigen das BfR, welches sich höchstwahrscheinlich ausgiebiger als ursprünglich geplant mit dem Themenkomplex beschäftigt hat.

Die stark zunehmende Prüfdichte auf Glyphosat, die deutlich größere Empfindlichkeit der Analysenverfahren und nicht zuletzt die intensive mediale und politische Diskussion haben dafür gesorgt, dass dieser Parameter zu den am häufigsten untersuchten (und nachgewiesenen) Wirkstoffen gehört, die nicht im sogenannten Multimethodenspektrum der Rückstandsanalytik enthalten sind.

Im Fokus sind inzwischen nicht mehr nur die üblichen Verdächtigen, wie Hülsenfrüchte und Getreide, sondern auch andere Produkte wie Sesam, Leinsamen, Chiasaat oder Buchweizen, bis hin zu Kaffee und Tee.

Jo Riehle, Pestizidexperte

Pestizidexperte Jo Riehle wird Karriereberater
Jo Riehle, langjähriger Pestizidexperte der Eurofins Dr. Specht Laboratorien und Sachverständiger zur Bewertung von Rückständen in Bio-Lebensmitteln, wird darüber hinaus im September in seiner Eigenschaft als Karriereberater das erste Coaching Café in Hamburg eröffnen. Der Bio-Welt selbst wird er dennoch  erhalten bleiben.
Zur Auftaktveranstaltung am 1. September im Harburger Hafen haben unter anderem der bekannte Autor und Gehaltscoach Martin Wehrle sowie die ‚Strategiepiraten‘, ein Zusammenschluss von Unternehmensberatern aus dem Hamburger  und Frankfurter Raum, ihr Kommen angekündigt.
Neben einer echten Alternative zu Seminarräumen und Besprechungszimmern für Workshops und Trainings, wird der ‚Graue Esel‘ – so der historische Name der Lokalität, die aus dem Jahre 1645 stammt – auch Kaffee, Tee sowie Kaltgetränke in Bio-Qualität anbieten. 
Riehle selbst steht für Anpassung an Veränderungen und selbstbestimmtes Leben und Arbeiten.
 

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Stichwörter: Pestizide, Glyphosat, Nachhaltigkeit, Riehle