Start / Ausgaben / BioPress 50 - Februar 2007 / Editorial 50 / Februar 2007

Editorial

Editorial 50 / Februar 2007

Liebe Leserin, lieber Leser!

Die Discounter haben den Bio-Absatz aus der Nische geholt. So oder ähnlich titelt die Presse unisono zu Jahresbeginn. Gerne schreibt sie auch, dass die Discounter die Biopreise „runter“ ziehen würden und für die Mengenentwicklung für Bio aus dem_Ausland verantwortlich seien. Interessant bei den Nachrichten ist, dass selbst die „Offiziellen“ - DBV und BMELV - gerne in dieses Horn blasen und einige Bio-Fachleute es scheinbar auch nicht besser wissen (wollen).

Richtig ist: Den Weg aus der Nische hat sich Bio selbst gebahnt. So überzeugend, dass sogar die Discounter mit Biolebensmitteln den Ausweg aus dem „immer billiger – immer besser“- Karussell suchen! Sie waren nur die Letzten. Dass sich alle auf die Bioangebote beim Discounter stürzen, ist nur natürlich. Scheint doch klar, die beiden passen nicht zusammen. Unkenrufe, die ein Biovollsortiment beim Discounter heraufbeschwören oder dies als Ziel der Discounter propagieren, sollten zwar nicht beiseite geschoben, aber auch nicht unbedingt als ernste Gefahr hochstilisiert werden.

Schauen wir auf die Reaktion der Vollsortimenter. Sie können und wollen sich von den Discountern nicht die Bio-Butter vom Brot nehmen lasssen. Also müssen sie mit der Entwicklung von guten Bio-Vollsortimenten reagieren. Die BioFach vor einem Jahr hat schon davon profitiert, das wird auch in wenigen Tagen auf der BioFach 2007 und im Herbst auf der Anuga wieder sichtbar werden. Bleibt aber weiterhin die Frage nach den Lieferanten. Hersteller finden schwerlich einen direkten Weg als Streckenlieferant - dazu haben sie meist zu wenig Artikel im Angebot. Und Bio-Großhändler wagen nicht den Sprung über den eigenen Schatten.

Bio-Vollsortimente im LEH müssen ausgewogen sein. Es passt nicht alles, was im Fachhandel zuhause ist. Hunderte Produkte reichen so wenig wie Tausende Bioartikel, wenn Salat fehlt, kein Käse zu finden ist und auch kein Fleisch oder Fisch ein vielleicht vorhandenes Brotangebot bereichert. Eine Lücke wird immer mehr gefüllt: Die Markenhersteller reagieren auf die Entwicklung. Vor sechs Jahren waren es zwölf, heute sind es viele, morgen wird jeder ein Bioangebot mitführen.

Stellt sich die Frage nach dem Überblick. Wer weiß über die Sortimente Bescheid? Wenn nicht alles passt, ein Vollsortiment nirgendwo einfach zu ordern ist und die Markenhersteller zusammengenommen auch nicht bieten, was wirklich gebraucht wird! Und wenn die Strukturen im Handel ebensowenig darauf ausgerichtet sind, ein Problem vertikal anzugehen wie unsere Lehranstalten die Beschäftigung mit dem universalen Geist - wer soll dann Wege erkennen, die vorgeben, wo Bioprodukte hingehören: Quer durch alle Sortimentsbereiche! Bio ist also kein abgekapseltes Etwas, das sich in eine Ecke delegieren lässt.
Bio hat zu tun mit Gesundheit - für dieses Gebiet sind aber nicht die Kaufleute, sondern die Ärtze zuständig? Bio hat mit der Abwesenheit von Doping, sprich Chemie zu tun - das Problem erledigen bei uns die Dopingfahnder im Sportbetrieb? Bio hat mit Natürlichkeit, also mit Natur zu tun? Das besetzen zur Zeit der Landwirtschaftsminister und der Wirtschaftsminister zusammen mit der Biotechnologie (GENlaboren) und der Propaganda über nachwachsende Rohstoffe. Gemeint ist damit die Produktion von Strom, Heizenergie und Biosprit. Erste Konkurrenz mit Lebensmittelerzeugung ist bereits sichtbar. Preisexplosionen sind die Folge und auch menschenverachtende Zerstörungen der Lebensgrundlagen von Landwirten in Kanada, USA, Südamerika, Europa und Afrika bis hin nach Indien und China.

Bio hat viel zu tun mit Genuss. Da lohnt sich der Brückenschlag vom Kaufmann zum Gourmetkoch! Bio hat auch zu tun mit Fitness und Leistungskraft. Dann sprechen Sie aufgeklärte Bürger an, die lernen zu selektieren, was echte Wellnessangebote sind! Wenn die Verbraucher ihren Supermärkten vorhalten, dass sie Schuld seien an ihrem schlechten Gesundheitszustand, werden diejenigen profitieren, die rechtzeitig Alternativen angeboten haben. Verbraucher, die anderswo weglaufen, werden sich einfinden, wo Tranzparenz im Lebensmittelangebot besteht, wo Kaufleute mit ihnen einen echten Lebensweg eingeschlagen haben.
Da kommen dann jene zu spät, die auf dem Rücken die Finger kreuzen, wenn sie über Bioprodukte reden und doch, ganz überzeugt von den gelernten, aber überkommenen Strukturen, nur das goldene Kalb anbeten. Bio des Mammons wegen wird niemanden überzeugen. In der Lebensmittelproduktion kann keiner auf ein Gaspedal treten und die Maschinen auf Hochleistung tanzen lassen!

Bio geht einher mit so was Konservativem wie Vernunft und rebelliert zugleich gegen den Ausverkauf der Lebensgrundlagen. Darin steckt das Geheimnis des Erfolgs.

Erich Margrander
Herausgeber


Ticker Anzeigen

Das könnte Sie auch interessieren