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Positionspapier der AöL

Hersteller diskutieren das Spannungsfeld Gesamtqualität

Die Sicherheit von Lebensmitteln besitzt einen hohen Nachrichtenwert und ist beliebter Inhalt von Skandalen in der Publikumspresse. Pflanzenalkaloide in Kräutern gefährden den Verbraucher, so heißt es. Dass dahinter natürliche Beikräuter stehen, die auch einen Beitrag zur Biodiversität leisten, spielt in den Berichten selten eine Rolle. Die verkürzte Darstellung und einseitige Information wird vom Leser akzeptiert. Kleinste Zahlen in Form von Grenzwerten richten dabei großen Schaden an und werden nicht mehr ins Verhältnis zur Gesamtqualität von Lebensmitteln gesetzt. Mit diesem Spannungsfeld von „Qualität und Sicherheit“ beschäftigt sich die Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AöL e.V.) in diesem Jahr. Sie stellt Ihre Fragen und Positionen in einem umfassenden Positionspapier dar, aus dem im Folgenden zitiert wird.

Ist Lebensmittelsicherheit wichtiger als Qualität? Alexander Beck, Ulrich Mautner, Andreas Swoboda

Medien, Politik und Behörden fokussieren sich bei Lebensmitteln sehr stark auf den Aspekt der Sicherheit. Sie wird in unsachgemäßer Weise gleichgesetzt mit Qualität, ist jedoch nur ein Aspekt davon. In Verbindung mit dem vorbeugenden Verbraucherschutz bedrängt das die Lebensmittelunternehmen, da schon Vermu- tungen praktische Probleme auslösen. Diese ausschließlich risikoorientierte Betrachtung tritt immer häufiger in den Gegensatz zu unserem ursprünglich ganzheitlichen Qualitätsansatz.

Es ergeben sich daraus folgende Fragen:
- Die Diskussion über Alkaloide könnte dazu führen, dass auch das letzte Kräutlein vom Acker verschwindet. Was bleibt dann von dem Qualitätsanspruch der Branche, Lebensmittel anzudienen und die Biodiversität zu fördern? 
- Freilandhaltungssysteme werden regelmäßig wegen Kontaminationsrisiken kritisiert, die durch industrielle Prozesse ubiquitär vorhanden sind. Wie wollen wir so langfristig tiergerechte Haltungssysteme etablieren? 
- Wir bewerten Risiko nicht mehr in einer Abwägung zu möglichen Nutzen. Werden wir bald in gewachsenem Schinken mittels diverser Detektionsmethoden nach Fremdkörpern suchen?

Eine ordentliche Güterabwägung zwischen Risiko und Nutzen findet nicht statt. Das zeigt auch die Diskussion um Gewürze (Zimt, Basilikum, Estragon, Fenchel). Angst und die unternehmerische Haftung bestimmen unser Denken. Es mangelt zunehmend an Kompetenz und der Fähigkeit, ein wissensbasiertes ausgewogenes Urteil zu fällen. Dadurch werden Verbraucher, Unternehmen und Behörden verunsichert und orientierungslos. In der Konsequenz erhält das synthetische Lebensmittel gegenüber dem natürlichen Lebensmittel den Vorzug, weil es angeblich risikoärmer und damit sicherer ist.

Die AöL fordert:

Eine sinnvolle, zielgerichtete Risikobewertung, der eine vernünftige und ausgewogene Güterabwägung zugrunde liegt für eine Zukunft mit natürlichen Lebensmitteln.

Wir können es uns nicht leisten, dass das „Messen können“ in immer kleineren Dimensionen als technologischer Fortschritt zu immer größeren Vertrauensängsten führt und die Angstökonomie zur alleinigen Bestimmungsgröße für Qualität wird.

Letztendlich geht es um die Fragen, wie viel Freiheit sich unsere Gesellschaft zutraut, wo der Einzelne Verantwortung übernehmen muss und in welchen Themen es tatsächlich notwendig ist, dass der Staat seine Fürsorgepflicht entfaltet.

Schlussfolgerungen

Wir müssen die Debatten über Lebensmittelsicherheit versachlichen. Die Güterabwägung muss besser werden. Der Begriff Qualität muss sauber vom Begriff Sicherheit differenziert werden. Alle Beteiligen am Meinungsmarkt sollen darüber nachdenken, welche Schäden durch die Angstökonomie und Desorientierung entstehen können – für den Einzelnen und für die Gesellschaft.

Behörden sollten in Zusammenarbeit mit Unternehmen und Verbraucherorganisationen Risiken bewusster abwägen. 
Wir regen an, mehr Gesamtverantwortung für eine nachhaltige Ausrichtung unserer Gesellschaften zu übernehmen.

Interview mit  Dr. Alexander Beck, Geschäftsführender Vorstand der AöL:
Dr. Beck, in dem AöL-Positionspapier haben Sie geschrieben, dass „Qualität und Sicherheit“ sehr oft vermischt werden. Was bedeutet das?
Wir sind der Meinung, dass diese Begriffe in der Verbraucherschutzpolitik oft gleichgesetzt werden. Dabei ist Sicherheit nur ein Aspekt der Qualität.

Das Konzept des vorsorgenden Verbraucherschutzes in Verbindung, insbesondere mit der beschleunigten Auffindung neuer „Kontaminanten“ in Lebensmitteln und der sich kontinuierlich verbessernden Analytik, führt zu immer neuen Problemfällen für die Behörden, die Unternehmen und für den Bürger.

Was gestern noch genussvoll verspeist wurde, ist morgen krebserregend und nicht mehr verzehrfähig. Lebensmittel zeichnen sich nur noch durch das Fernbleiben von Rückständen aus. Positive Qualitätsmerkmale sind eher „nice to have“. Sie werden keinesfalls als notwendig und schon gar nicht als ernstzunehmende Kriterien betrachtet. Lebensmittel sind dazu da, um Menschen zu ernähren und die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit zu fördern. Sie vermitteln „Leben“ und das gerät vollkommen aus dem Blick.

Welche Konsequenzen hat das Vorsorgeprinzip für Lebensmittelunternehmen?

Dieses Vorsorgeprinzip führt in der Konsequenz dazu, dass oft bereits eine „Anfangsvermutung“ zu weitreichenden Folgen für die Wirtschaftsbeteiligten führen kann. Die Behörden nehmen dabei eine unglückliche Rolle ein. Sie treffen zunehmend selbst keine Entscheidungen mehr.

Sie warnen vor Haftungsrisiken bei Nicht-Einhalten und machen die Unternehmen öffentlich verantwortlich. Das mag richtig sein. Doch Freiheit muss auch von den Behörden „ausgehalten“ und von den Unternehmen mit Verantwortung gefüllt werden. Denn sonst führt dies dazu, dass Lebensmittel, die vor wenigen Jahren noch ohne Beanstandung verzehrbar waren, plötzlich entsorgt werden müssen.

Kleine und mittelständische Unternehmen sind mit den ständig wechselnden Kontaminationsproblemen (Stoffe, Rückstände usw.) und den Konsequenzen überfordert.

Gibt es ein Beispiel für eine unsachgemäße Güterabwägung bei Bio-Lebensmitteln?

Ein sehr gutes Beispiel ist das Thema Dioxin im Fett der Kälber aus Mutterkuhhaltung. Es ist unstrittig, dass Dioxin extrem kritisch zu bewerten ist. Tiere aus der Muttertierhaltung (das trifft auch für Ziegen und insbesondere Schafe zu), weisen immer höhere Kontaminationsrisiken für Dioxine auf im Vergleich zu Tieren aus reiner Stallhaltung.

Das liegt daran, dass unsere Umwelt fast überall mit Dioxin belastet ist. Soll die Folge daraus sein, unsere Tiere nur noch im Stall zu halten? Wo doch ein Freilandhaltungssystem fast symbolhaft für Tiergerechtigkeit steht. Eine sinnvolle Güterabwägung ist hier zwingend. Letztendlich findet diese Ihren Ausdruck in einem Grenzwert der eine Line zieht. Hoffentlich Ärgstes verhindert ohne die Freilandhaltung zu verbieten.

Warum ist es wichtig, sachgemäß abzuwägen?

Um Güter korrekt abzuwägen, müssen Risiken bewertet und der Nutzen abgeschätzt werden. 

Um Risiken zu bewerten, bedarf es der Risikoanalyse. Sie fragt, ob das Risiko, das von einer Ware, einer Dienstleistung oder dem Betrieb einer Produktionsanlage ausgeht, unter den gegebenen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen akzeptabel ist. Sie fragt auch, ob eventuelle Restrisiken vertretbar sind.

Dieses „Gegeneinander-Abwägen“ von potentiellem Nutzen und möglichem Risiko, gilt es, im Auge zu behalten. Wie diese Abwägung stattfindet, ist dann entweder Ergebnis individueller Ausrichtung oder - auf staatlicher Ebene - Ergebnis gesellschaftspolitischer Prozesse. 
Das Papier sowie weitere Informationen zum Thema stehen zum Abruf berreit: http://www.aoel.org

 


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