Start / Ausgaben / BioPress 74 - Februar 2013 / Der Herr der Piwis

Wein

Der Herr der Piwis

Volker Jörger bringt Freiburger Züchtungen in die ganze Welt

Dr. Volker Jörger vom Staatlichen Weinbauinstitut Freiburg kennt seine Piwis und tut alles dafür, dass pilzwiderstandsfähige Rebsorten Aufsteiger werden. Auf 3.500 Hektar in 35 Ländern sind die 14 Piwis im Versuchsanbau und zum Teil für den normalen Anbau freigegeben. Davon die Hälfte auf biologisch bewirtschafteten Rebflächen. In Dänemark werden 35 Hektar angebaut, in Schweden zwischenzeitlich über 50 Hektar und selbst in Norwegen stehen rund zwei Hektar bei Bergen. In den Niederlanden befinden sich mehr als 300 Hektar, die tiefste Lage acht Meter unter dem Meeresspiegel im eingedeichten Gebiet. „Der Jahrgang 2011 hat in Norwegen 90 Grad Öchsle gebracht“, berichtet Jörger.

Sieben rote und sieben weiße pilzwiderstandsfähige Sorten stehen zur Verfügung. Die weißen Trauben heißen Merzling, Johanniter, Helios, Solaris, Bronner, Souriginier Gris und Muscaris. Die roten sind der Baron, Prior, Monarch, Cabernet Cortis, Cabernet Carol, Cabernet Carbon und Cabernet Cantor.

In Italien ist der Bronner seit 2008 in die nationale Sortenliste eingetragen. „Der Bronner hat dort richtig Furore gemacht. Er hat in einem nationalen Wettbewerb für edel- süße Weine wiederholt den ersten Platz belegt“, erzählt Jörger. Frankreich lässt den Bronner ebenfalls zu, interessiert sich zusätzlich, wie auch Italien, für Solaris, Souvignier Gris, Muscaris, Prior, Monarch und Cabernet Cortis.

Darauf ist das Staatliche Weinbauinstitut in Freiburg stolz. „Wir sind weltweit das einzige Institut, das sich mit einer solch großen Anzahl von pilzwiderstandsfähigen Rebsorten in der Weinbaupraxis von über 35 Ländern etabliert hat. Das ist eine Innovation aus Baden-Württemberg, die dem Weinbau bereits zur Verfügung steht“, informiert Jörger.

Jörger macht Piwis bekannt

Dieses Jahr fliegt Jörger nach Neuseeland und Australien. Er ist dort als Botschafter in Sachen Piwis unterwegs: „Wir wollen Piwis in aller Munde bringen. Rebschutz durch Spritzen ist nur ein Notbehelf.“ Rebschutz von innen durch die pilzwiderstandsfähigen Sorten ist eine biologische und umweltschonende Form der Regulierung der Rebkrankheiten. Vor 1860 wurde in den Weinbergen nicht gespritzt, da die Rebkrankheiten erst danach aus Amerika eingeschleppt wurden.

Das Staatliche Weinbauinstitut Freiburg erprobt zudem mit dem Minimalschnitt ein neues Erziehungssystem für die Reben. Die Spaliererziehung ist in den baden-württembergischen Anbaugebieten das vorherrschende System. Mit den Piwis Johanniter und Cabernet Carol wird das System getestet.

Der Minimalschnitt verringert die Arbeitsstunden im Weinberg von rund 300 auf etwa 30 Stunden pro Hektar. Das reduziert die Kosten für den Anbau von 1,05 Euro auf rund 30 Cent pro Liter Wein. Um vermarktbare Qualitäten zu erreichen, muss beim Minimalschnitt der Ertrag reduziert werden. Die Mostgewichte liegen dann zwischen fünf und zehn Grad Öchsle unter dem Spalieranbau. Mit dem Minimalschnitt lassen sich Weine für den Preiseinstieg und das mittlere Segment herstellen. Mit diesem low input-System ließen sich auch Bio-Weine wettbewerbsfähiger produzieren.

Piwis sind marktgerecht

„Irgendwann muss der Winzer den Wein gegen Geld tauschen“, bringt es Jörger auf den Punkt. Dem Verkaufserfolg stehen auf dem deutschen Markt die gelernten pilzanfälligen Sorten wie Gutedel, Riesling oder Spätburgunder gegenüber. Zusätzlich müssen die Weine seiner pilzwiderstandsfähigen Rebsorten die Anforderungen des Marktes erfüllen: Die Basis, Schoppenwein und Sonderprodukte muss ein Weingut abdecken. Das leisten die Piwis in ihrer Sortenvielfalt heute bereits. 

Zu den Basis-Weinen zählt der fruchtige Johanniter, der dem Riesling ähnlich ist. Bronner und Merzling sind mit den Burgunder-Weißweinen vergleichbar. Die resistente Sorte Muscaris erinnert schon vom Na­men an den Muskateller mit ausgeprägtem Bukett und ist sowohl als Schoppenwein für Besen-, Straußwirtschaft und den Fernsehabend als auch für Beerenauslese und Eiswein geeignet.

Beim Rotwein sind Baron und Prior geschmacklich im Bereich des Blauen Spätburgunders angesiedelt, einem Pflicht-Artikel in einem badischen Weinsortiment. Der Monarch erinnert  an Dornfelder-, Lemberger- oder Syrah-Weine. Die Gruppe der schweren Rotweine nach romanischer Art können Cabernet Carbon, Cabernet Cortis oder Cabernet Cantor abdecken, die vom Namen an den Cabernet Sauvignon erinnern. Der farbintensive Piroso bietet sich als Cuvée-Partner für Rotweine mit stabiler Farbe an.

Weinproben belegen die Qualität. Dabei werden Piwis und Standardsorten zusammen getestet. „Bei Blindverkostungen schneiden die Piwis in 70 Prozent der Beurteilungen besser ab als die Weine aus pilzanfälligen Standardsorten“, weiß Jörger. Jetzt muss es noch über die Zunge in die Köpfe der Weintrinker.

Bei einer Dauerkultur wie Reben sind Dekaden die Einheit der Zeit. Da gibt es stetige Veränderungen. So waren Müller-Thurgau und Kerner in den 70er beliebt. Heute ist der Kerner aus den Weinregalen verschwunden. Neue Sorten wie der Dornfelder sind in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren stark geworden.

Die Piwis erreichen hohe Qualität bei stark reduziertem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Die Möglichkeit zur Anwendung von low input Systemen mit pilzwiderstandsfähigen Rebsorten bringen neue Möglichkeiten für die Wettbewerbsfähigkeit im Weinbau. Der nachhaltige Trend in der gesamten Lebensmittelwirtschaft führt im Weinbau weg vom Kupfer und somit hin zu den Piwis. Daran führt kein Weg vorbei. Den widerstandsfähigen Sorten gehört die Zukunft. 

Anton Großkinsky


Ticker

Das könnte Sie auch interessieren

Hygge Glühweine von Voelkel

Weniger süß, dafür winterlich-facettenreich

Hygge Glühweine von Voelkel

Als „reine Lehre in Rot und Weiß“ präsentiert Voelkel seine neuen Glühweine. Statt auf Zucker und Aromen setze die Naturkostsafterei auf charaktervolle Bio-Weine und erlesene Gewürze wie Zimt, Nelke und echte Orangenschalen und überzeuge so mit einem weniger süßen, dafür aber winterlich-facettenreichen Geschmacksbild. Die Neuheiten im Hygge-Sortiment beinhalten zehn Volumenprozent Alkohol.

18.08.2022mehr...
Stichwörter: Wein

Demeter-Weingut Zwölberich: Neue Wege der Partner-Kommunikation

B2B-Marken-Event für Händler und Weinkenner

Hersteller und Anbieter von Bio-Lebensmitteln mussten während der Pandemie neue Wege der Kommunikation und des Vertriebs suchen. Dass sich dazu selbst bei einem sinnlichen Produkt wie Wein digitale Wege eignen, zeigte das Demeter-Weingut Zwölberich mit einer exklusiven Online-Weinverkostung. Per Zoom sollten Händler, Gastronomen und private Weinkenner gemeinsam eine Auswahl der aktuell frisch abgefüllten Nahe-Weine kennenlernen und sich über ihre Geschmackseindrücke austauschen können.

15.03.2022mehr...
Stichwörter: Wein

Erste Sana Slow Wine Fair in Bologna

Neue Messe für nachhaltige Qualitätsweine

In einer Kooperation von Slow Food und der Messe Bologna findet vom 27. bis 29. März die erste ‚Sana Slow Wine Fair‘ statt. Als ‚internationale Messe für guten, sauberen und fairen Wein‘ lädt sie Branchenfachleute, Winzer, Importeure, Händler, Köche und Sommeliers ein, an Tagungen teilzunehmen, sich auszutauschen und Kontakte zu knüpfen. Der italienische Bio-Verband FederBio ist als Partner beteiligt.

07.02.2022mehr...
Stichwörter: Wein