Start / Ausgaben / BioPress 70 - Februar 2012 / Bio wächst kräftig

Bio wächst kräftig

Umsatz von 6,3 Milliarden Euro prognostiziert

Ein Wachstum des Bio-Marktes im Jahr 2011 um sechs Prozent prognostizierte Wolfram Dienel, Ökoreferent des Deutschen Bauernverbandes, beim 4. Mitteldeutschen Bio-Branchentreffen in Wurzen/Sachsen. Den Umsatz mit Bio-Lebensmitteln schätzte er für 2011 auf 6,3 Milliarden Euro. Dabei gehen nach Dienel drei Prozent auf  die Absatzmenge und die anderen drei Prozent auf Preissteigerung zurück. In die Tasche der Bauern fließen davon rund 21 Prozent, also 1,3 Milliarden Euro.

Der Absatz von Bio-Lebensmitteln florierte 2011 in allen Vertriebsschienen, Naturkostfachhandel, Supermärkte und im Discount. Überproportional gewachsen ist die Frische mit elf Prozent. Der Frische-Anteil bei Bio-Produkten liegt bei 60 Prozent. Rekordwerte erzielten die Bio-Eier mit 36 Prozent Wachstum vor den Möhren und dem Fleisch mit 30 Prozent. „Bei Bio-Fleisch haben wir es allerdings mit einem kleinen Gesamtmarkt zu tun“, relativierte Dienel, auf der vom Bio-Verband Gäa organisierten Tagung. Der Bio-Anteil auf dem Fleischmarkt liegt bei etwa zwei Prozent. Bei Obst und Gemüse sind es sechs Prozent.

Bio ist schon seit vielen Jahren ein Nachfragemarkt. Die Rohstoffe werden zu einem hohen Prozentsatz importiert. „Im Jahr 2.000 hatten wir es noch mit einem Angebotsüberhang zu tun“, erinnert sich Dienel. Die Erzeuger-Preise sind ebenfalls gut. Die Bio-Schweinehalter bekommen 3 Euro pro Kilo, die konventionellen Kollegen nur 1,55 Euro. Für Bioweizen wird 39 Euro/Doppelzentner bezahlt, konventionell 18 Euro.

Geringe Umstellungsbereitschaft

Trotz guter Erzeugerpreise ist die Umstellungsbereitschaft gering. Bei einer Umfrage des Bauernverbandes sagten 85 Prozent der Bauern nein zu einer Umstellung. Dienel nennt dafür eine Reihe von Gründen: Zum Beispiel die geringe Konkurrenzfähigkeit von Bio im Ackerbau, die staatliche Förderung der Energieproduktion und die unsichere Umstellungsförderung durch die Länder.

Die Landesregierung Thüringen wollte die Umstellungsprämie abschaffen. Dem Dachverband Thüringer Ökoherz mit Geschäftsführer Alexander Seyboth gelang es, durch Lobbyarbeit den Beschluss zu kippen. Wenn die Politik den Energiewirt großzügig subventioniert und den Öko-Bauern wirtschaftlichen Risiken aussetzt, hemmt das die Bereitschaft, auf Bio-Landbau umzustellen.

Eine Umstellungskampagne, die die Stärken des Bio-Landbaus hervorhebt, forderte der Vertreter des Bauernverbandes. Die Liste der Vorteile ist lang vom Tierschutz bis zum Naturschutz.
Trotz des stetig wachsenden Absatzes stehen auch  Bio-Produkte unter Preisdruck. „Die Verbraucher geben im Durchschnitt nur zehn Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus“, erklärte Roger Ulke, Vorstand des Konsum Dresden. Die Verbrauchergenossenschaft hat in ihren 39 Märkten bis zu 2.000 Bio-Produkte im Regal, die etwas mehr als vier Prozent zum Umsatz beitragen. Ulke empfahl, Bio und regional zusammenzubringen, um Bio in der Wertschöpfungskette zu stärken.

„Bei Butter und Milch haben wir einen politischen Preis“, teilt Georg Kaiser, Geschäftsführer der Bio Company in Berlin mit. Aber es gibt Zusatznutzen wie artgerechte Tierhaltung und Rückstandsfreiheit, die den Preis als Kriterium der Kaufentscheidung zurückdrängen. Der Bio-Händler rät der Landwirtschaft zur Diversifizierung: „Nicht alle Bio-Bauern in Brandenburg müssen Kartoffeln anbauen“. Ein Netzwerk bilden und sich untereinander absprechen, verhindert eine Erzeugung am Markt vorbei. Nur so lassen sich starke Wertschöpfungsketten aufbauen.

Die Region wird groß geschrieben

Regionalität spielt eine immer stärkere Rolle. Dazu muss aber eine Struktur vorhanden sein. „In Brandenburg hat die Verarbeitung gefehlt“, nennt Kaiser ein Problem der Vergangenheit.
In Sachsen gibt es keine Bio-Molkerei. Die Bio-Milchbauern hatten keinen Abnehmer. Jetzt sammelt die Gläserne Meierei aus Rostock die Bio-Milch, die anschließend wieder nach Dresden in die Konsum-Märkte  gebracht wird.

Geschäftsführer Hubert Böhmann beklagt zu hohe Systemkosten, aber nicht wegen der sächsischen Milch. Die Bio-Molkerei erfasst 80 Millionen Kilo Bio-Milch getrennt nach Bioland, Naturland, Gäa und Demeter. „Ich wünsche mir eine gegenseitige Anerkennung der Verbände. Das spart Zertifizierungs- und  Erfassungskosten“, nannte Böhmann sein Anliegen.  

Die Erzeugergemeinschaft ÖBS (Ökobauernhöfe Sachsen) aus Dresden will die Marktfrüchte der 80 Mitgliedsbetriebe möglichst regional verarbeiten lassen und verkaufen, wie Geschäftsführer Steffen Mucha kund tat. „Wenn wir die Bilder vermitteln können, wer die Macher sind, bekommen wir andere Preise“, meinte der Bio-Spezialist.

Die Marktgemeinschaft Ökoflur setzt auf Netzwerke horizontal wie vertikal, wie Geschäftsführer Helmut Deckert ausführte. Unter den Bauern gibt es Netzwerke für Saatgut und Futter; vertikal zur ÖBS, zum Biopark und zu den tegut-Produktionsbetrieben  kff und Herzberger Bäckerei.

Die Verarbeiter sind in der Wertschöpfungskette in der Sandwich-Position zwischen Urproduktion und Handel, wie Stefan Rother von Frosta seine Position beschrieb.

Der TK-Spezialist betreibt bei Dresden ein Werk. Natürlich muss der Verarbeiter dem Landwirt einen guten Preis sichern, will er die Quelle erhalten. Rother diagnostiziert aber Überkapazitäten bei den Verarbeitern und bei den Verkaufsflächen. Das erzeugt Preisdruck. Den Handel sieht er zweigeteilt in preis- und qualitätsorientierte Unternehmen. Bio muss den Weg zu den qualitätsorientierten Lebensmittelhändlern suchen.

In den Supermärkten ist Fläche vorhanden für Bio. Aber oft fehlt die Logistik. Der Naturkostgroßhandel kann die Lücke schließen. Denn ohne Einzelhandel gibt es keine Wertschöpfungskette.

Klaus Feick von Bioland Ost sieht zwei mögliche Strategien. Die Preisstrategie setzt Kostenführerschaft voraus. Die Qualitätsstrategie verlangt Premium-Produkte. Der Mehrwert muss aber kommuniziert werden. Denn kennt der Kunde den Unterschied nicht, greift er zur preiswerteren Alternative. Der moderne Verbraucher ist aber empfänglich für Qualität und damit für Bio-Produkte.

Anton Großkinsky 


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