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Editorial

Editorial Nr. 68 August 2011

Liebe Leserin, lieber Leser!

Quo vadis Bio im Jahr 2011? Bio-Marktstatistiken sind rar geworden seit die CMA und mit ihr die ZMP nicht mehr existieren. Belastbare Marktinformationen fehlen, verbreitete Meldungen sind oft widersprüchlich. Anders in Italien und Frankreich, von dort erreichen uns zentral erhobene Daten, und die zeigen konstante Steigerungen in der Bio-Nachfrage.

Dafür wird hierzulande jede Gelegenheit genutzt, um Bio den Rang abzulaufen. Die positiven Eigenschaften von Biolebensmitteln wie Nachhaltigkeit, Mehrwert, natürlicher Geschmack oder gesundheitliche Vorteile sind allesamt auf der Agenda der Lebensmittelwirtschaft angekommen. Sie konkurrieren in vielerlei Hinsicht mit Bio, ohne die vielen Versprechen wirklich umfassend zu erfüllen. Auf diese Halbheiten müssen die Bio-Marktbeteiligten Antworten finden.

Mehr Transparenz ist gefragt. Die Biobranche darf den Blick über den Tellerrand nicht nur im Marketing einsetzen. Es muss auch danach gehandelt werden. Offenheit bei den Vertriebskanälen ist nötig. Neue Ideen müssen in einen nachhaltigen Diskurs, wenn es um die Frage der Verbreitung von Bio-Konsum geht. Es gilt, Vertrauen und Partnerschaften auch im Mainstream bei den Lebensmittel-Kaufleuten und anderswo zu erringen und nicht nur im Fachhandel, der die Verbraucher nicht flächendeckend mit Bio versorgen kann.

Konzertierte Anstrengungen zusammen mit der Politik für mehr Vertrauen auch bei den Landwirten wären angesagt. Alle wissen, dass in Deutschland viel mehr Bio gekauft als erzeugt wird. Aber die Fraktionen dümpeln neben einander her. Die einen gönnen den anderen die Teilhabe nicht. Auch die Grünen, denen ein wichtiger Entwicklungsschritt im letzten Jahrzehnt zu verdanken ist, fokussieren ihren Bio-Blick auf die eigene Klientel.

Es geht nicht nur um die regionalen Bio-Angebote. Es geht um den ganzheitlichen Ansatz. Bio-Lebensmittel sind gesund, sie unterstützen die Leistungsfähigkeit nicht nur der Schüler, auch die arbeitende Bevölkerung erkrankt und macht schlapp. Fünf am Tag hat die AOK in den 80er Jahren schon verkündet. Ja, sagen wir dazu, aber bitte ungedopt! Fünf mal am Tag chemiebelastetes Obst und Gemüse potenziert die Gesundheitsgefahren.

Anstatt gegen andere abzuschotten, wäre mehr Weitblick der Akteure und gemeinsames Handeln gefragt. Alle, die an der Biovermarktung teilhaben können und wollen, müssen ernst genommen werden. Jene zu unterstützen, die nicht im klassischen Fachhandel beheimatet sind, trägt viel mehr zur Bio-Marktentwicklung bei, als das ewige Schmoren im eigenen Saft.

Die Entwicklung hat gezeigt, dass der Deich bricht, egal wie viel dagegen gearbeitet wird. Ist es nicht besser, alle Energien in die flächendeckende Verbreitung von Bio-Lebensmitteln zu lenken? Warum sollte ein Convenience-Shop oder ein Vending-Automat im Bahnhof nicht Bio-Snacks anbieten? Welcher Bahnfahrer rennt denn um die Ecke zum Biobäcker, in der Hoffnung, dort noch ein letztes belegtes Brötchen zu erhaschen?

Vor drei Jahren sind Vending-Betreiber mit ihrer Lust auf Bio-Angebote aufgelaufen bei ihrer Suche nach Partnern. Die Naturkostgroßhändler beliefern die Supermarktbetreiber mit ihrem Biosortiment oft nur unter der Hand und bestreiten das in der Öffentlichkeit. Kein Vergnügen für die Kaufleute. Dabei freut sich jeder Bio-Produzent, auch die meisten Bauern, über jeden Abnehmer, der pünktlich bezahlt. Wie lange leistet sich die Branche noch diese Ausgrenzung anstatt an alle zu denken?

Die stürmische Entwicklung im letzten Jahrzehnt kann wieder an Fahrt aufnehmen. 20 Prozent Bio-Umsatzanteil konnte sich Renate Künast vor zehn Jahren vorstellen. Das wären rund 30 Milliarden Euro. Aktuell steht der Umsatz bei knapp sechs Milliarden. Es geht langsam, aber stetig vorwärts. Jeden Tag ordert ein(e) weitere(r) Lebensmittelkauffrau/mann zusätzliche Bioprodukte. Auch solche, die nicht bei der eigenen Vorstufe zu haben sind. Was in den Handelszentralen verschlafen wird, muss die Biobranche nicht auf der Straße liegen lassen. Drei neue grüne Landwirtschaftsminister in den Ländern könnten viel anpacken, sich auch in der Absatz-Entwicklung einmischen und versuchen Brücken zu schlagen.

Erich Margrander
Herausgeber


 


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