Fair Trade

Neues Zugpferd im Handel

Produkte mit einem Fair Trade-Label haben in den letzten Jahren enorme Wachstumsraten hingelegt. Über die ursprünglich (vor 20-30 Jahren) stark kirchlich orientierten Kreise und die Dritte Welt Läden hinaus, spricht das Thema immer mehr Menschen an. Der deutsche Handel ist eingestiegen und sucht Anschluss an die Entwicklung in England (15 Euro pro Einwohner) und der Schweiz (23 Euro pro Einwohner), wo Fair Trade ein Vielfaches an jährlichem Umsatz vorzuweisen hat. Der Vergleich mit drei Euro in Deutschland zeigt, welches Potenzial der Handel hier noch erschließen kann.


Quelle: http://www.transfair.org

Ein Grund für die steigende Verbreitung fair gehandelter Produkte liegt in der starken Präsenz in vielen Vertriebsschienen und an der gewachsenen Produktvielfalt hierzulande. Seit kurzem beschränkt sich fair gehandelte Ware auch nicht mehr nur auf Landwirtschaft und Handwerk in Entwicklungsländern, sondern hat den Sprung geschafft nach Deutschland: Faire Preise auch für deutsche Bauern.
Quelle: http://www.transfair.org

„Trotz Wirtschaftskrise wächst der Marktanteil fair gehandelter Produkte rasant“, meldete im August 2010 Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands HDE. Grund für das Umsatzwachstum sieht er auch im immer weiter zunehmenden Engagement des Handels.

Frankfurt ist seit Januar 2011 die erste deutsche „Fair Trade Town“. Sie reiht sich ein in eine Riege von weltweit 750 Städten und schmückt sich in der Presse ausgiebig damit. Fair zu sein ist schick, im Segment der ehemaligen Kolonialwaren boomt das Geschäft.

Die Einstellungen zu den Preisen verändern sich. Nachhaltigkeit macht sich auf den Weg in den Mainstream und unter dem Aspekt der Sozialkompetenz ist den fair gehandelten Produkten die Aufmerksamkeit beim deutschen Konsumentenpublikum sicher.

 

 Jahr

 Geschätzter   Umsatz/Mio. 

Jahr 

 Geschätzter   Umsatz/Mio. 

 1993 

 56 DM - 29 € 

 2002 

 51 € 

 1994 

 80 DM - 41 € 

 2003 

 51 € 

 1995 

 90 DM - 46 € 

 2004 

 57,5 € 

 1996 

 100 DM - 52 € 

 2005 

 72 € 

 1997 

 125 DM - 64 € 

 2006 

 110 € 

 1998 

 130 DM - 67 € 

 2007 

 142 € 

 1999 

 110 DM - 57 € 

 2008 

 213 € 

 2000 

 100 DM - 52 € 

 2009 

 267 € 

 2001 

 112 DM - 56 € 

   

 

Fair Trade heute

Als in den 70er Jahren kirchliche Kreise mit einem alternativen Ansatz zur Entwicklungshilfe – Handel statt Almosen – begannen, war das vor allem auf handwerkliche Produkte beschränkt. Heute wird Fair Trade mit Lebens- und Genussmitteln verbunden: Kaffee, Tee, Kakao/Schokolade und Bananen sind die mit Abstand wichtigsten Produkte. Die Produktpalette erweitert sich stetig: zum Beispiel um Honig, Fruchtsäfte, Eistees, Wein, Sportbälle, Reis und Rosen. Der Umsatz in Deutschland stieg 2009 um 26 Prozent auf 267 Millionen Euro. Waren es 2006 weltweit noch 1,6 Milliarden Euro, hat sich der Umsatz 2009 auf 3,4 Milliarden Euro mehr als verdoppelt.

70 Prozent der Fair Trade Produkte tragen auch ein Bio-Siegel. 44 Prozent der deutschen Konsumenten kennen das Fair Trade Siegel.
Der weltweite Umsatz fair gehandelter Produkte hat sich von 2004 auf 2009 vervierfacht, und nimmt damit eine immer bedeutendere Rolle im Handel ein. Wenn selbst Discounter Fair Trade Produkte für sich entdecken, stellt sich die Frage, ob der qualitätsorientierte Handel dieses Zugpferd genügend für sich nutzt.

Fairer Handel in den Industrieländern

Gerade im Milch-Bereich wird das Thema „Fair“ – hier vor allem verstanden als faire Preise für Bauern, weniger an Arbeitsbedingungen gekoppelt – immer bedeutender.

„Faire Milch von glücklichen Bauern“ titelt die Solothurner Zeitung im September 2010. Sie ist unhandlich und garantiert aus Genf: Die erste «faire Milch» der Schweiz wird als «Lait entier genevois» in 3-Liter-Packungen verkauft.

Seit sechs Jahren promotet die Upländer Bauernmolkerei ihre „Erzeugerfairmilch“ und hatte bei der Markteinführung anstatt der prognostizierten Umsatzeinbußen von 20 Prozent einen Zuwachs um 20 Prozent.

Bei der „Fair Zertifizierung“ prüft Naturland die Verarbeitungsbetriebe auf Kriterien wie soziale Verantwortung, faire Erzeugerpreise, langfristige Handelsbeziehungen, regionalen Rohstoffbezug, gemeinsame Qualitätssicherung und Förderung von Projekten. So müssen nach den Naturland Fair-Kriterien mindestens 80 Prozent der regional verfügbaren landwirtschaftlichen Erzeugnisse aus der Region kommen.

Insbesondere in den USA gibt es eine starke Bewegung, die sich für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und gerechte Bezahlung der vielen lateinamerikanischen Gastarbeiter einsetzt.

Woran erkennt man Fair Trade Produkte?

Das bekannteste Logo für Fair Trade ist das von der Fair Trade Labelling Organization (FLO) weltweit vergebene Fair Trade Logo. Dieses kann aber nur für Waren aus Entwicklungsländern verwendet werden. Neben den Zertifzierungsgebühren werden Lizenzen erhoben, die dann für Öffentlichkeitsarbeit eingesetzt werden.

Parallel dazu haben sich weitere Fair Trade Zertifizierungen entwickelt, die meist die beiden Nachteile von FLO ausgleichen, nämlich die hohen Kosten durch die Lizenzen und die Beschränkung auf wenige Produkte.

Beispielsweise hat die Bio-Stiftung Schweiz den für Entwicklungs- und Industrieländer geeigneten Standard „Fair for Life“ entwickelt, der für alle Produkte, ob Lebensmittel, Textilien oder Handwerk anwendbar ist, und nur die Zertifizierungsgebühr kostet.

Anreiz durch Neu-Produkte

Die Entwicklung der letzten Jahre war geprägt durch eine starke Ausweitung der Produktvielfalt. Hier zeigte sich eine Schwäche des Systems: für jedes Neu-Produkt musste ein neuer Standard definiert werden.

Dies führte eben auch dazu, dass weitere Standards und Labels auf den Markt kamen. Die Vielfalt an möglichen Fair Trade Auszeichnungen und Marken, die sich im fairen Handel engagieren, wird sicher noch zunehmen und den unterschiedlichen Verbraucherbedürfnissen gerecht werden.

Ausblick

Fair Trade Produkte werden weiter mit zweistelligen Raten wachsen. Die Kosten für eine Zertifizierung werden weiter sinken. Auf gesetzlicher Ebene sind Regelungen (ähnlich wie für Bio) erst in einem Zeitraum von fünf bis zehn Jahren zu erwarten. Auch der „Domestic Fair Trade“ wird zunehmend an Bedeutung gewinnen. Die Verbindung der Aspekte Bio, Fair und bei inländischen Produkten, Regionalität wird immer stärker werden. Der Handel tut gut daran, sich mit diesen Produkten beim Konsumenten zu profilieren.

Peter Schaumberger

 


 

Definition des Fairen Handels

Der Faire Handel – Fair Trade – ist eine Handelspartnerschaft, die auf Dialog, Transparenz und Respekt beruht und nach mehr Gerechtigkeit im internationalen Handel strebt. Er leistet einen Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung, indem er bessere Handelsbedingungen bietet und die Rechte benachteiligter ProduzentInnen und ArbeiterInnen - speziell in den Ländern des Südens - sichert. Fair Trade Organisationen engagieren sich – gestärkt durch Konsumenten – aktiv für die Unterstützung der Produzenten, für Bewusstseinsbildung und Kampagnenarbeit, um die Regeln und Praktiken des konventionellen Handels zu verändern.

Auf diese gemeinsame Definition einigten sich im Dezember 2001 VertreterInnen von FLO (Fair Trade Labelling Organisations International), WFTO (World Fair Trade Organization), NEWS! (Network of European Worldshops) und EFTA (European Fair Trade Association).
Einige der wichtigsten Standards des Fairen Handels sind:

 Mindestpreise über Weltmarktniveau, oft zuzüglich eines Soli-Beitrages  zur Finanzierung sozialer Investitionen.
• Die Produzenten entscheiden selbst über die Nutzung der Gelder aus dem Fairen Handel.
 Langfristige Abnahmeverträge und Vorfinanzierung durch die Importeure aus den Industrieländern.
 Keine Kinderarbeit.

Die WFTO hat zudem die „10 Principles of Fair Trade“ auf ihrer Website veröffentlicht:
http://www.wfto.com/index.php?option=com_content&task=view&id=2&Itemid=14


 


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