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Indien

Indien - Bio wächst mit großen Schritten

Erste Naturkostladenkette gedeiht

Indien befindet sich seit Beginn der 90-er Jahre auf dem Wachstumspfad – auch wenn die Wirtschaftskrise insbesondere das Wachstum der High-Tech-Industrie in diesem Jahr ein wenig drosseln wird. Mit einer Bevölkerung von einer Milliarde Menschen sorgt der Binnenmarkt mit seinem enormen Entwicklungsbedarf für ausreichende Nachfrage.

Die Bio-Branche ist rege und wächst ebenfalls beständig. In Asien mit insgesamt knapp dreiMillionen Hektar Öko-Anbaufläche hat sich Indien hinter China (1,6 Millionen Hektar) den zweiten Platz gesichert. Der moderne Ökolandbau begann in Indien Mitte der 80er Jahre mit der Zertifizierung des ersten Öko-Tees in Darjeeling. Inzwischen beläuft sich die ökologisch bewirtschaftete Fläche auf über eine Million Hektar (2008), womit Indien an sechster Stelle der internationalen Hitliste der zehn öko-flächenstärksten Länder der Welt steht. Dazu kommen etwa 1,7 Millionen Hektar Wildsammlung. Etwa 70 Prozent der  Agrarfläche Indiens hängt direkt vom Regen ab, weshalb auf dieser Fläche viele Bauern traditionell, extensiv oder sogar ökologisch wirtschaften – auch wenn dieser  Anbau nicht zertifiziert ist. Es gibt also noch viel Wachstumspotential.

Dank seiner geografischen Lage erzeugt Indien eine riesige Vielfalt an Lebensmitteln, im Vordergrund stehen aber Basmati Reis, Leguminosen, Honig, Tee, Gewürze, Kaffee, Ölsaaten, Früchte, Getreide und mehr und mehr auch verarbeitete Produkte, darunter Rohstoffe für Nahrungsergänzungsmittel. Inzwischen sind neben den Lebensmitteln ökologische Baumwolle (hier hat Indien die Türkei als führenden Erzeuger bereits abgelöst), Textilien, Kosmetik beziehungsweise kosmetische Rohstoffe von Bedeutung. 2008 betrug das Wachstum der exportierten Produkte etwa 30 Prozent. Der Umsatz liegt aber mit zirka 100 Millionen US Dollar immer noch auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau. Der Export läuft in die klassischen Märkte EU (mit Schweiz), Nordamerika, Australien, Japan, aber auch in den Mittleren Osten und nach Südafrika.

Die nationalen Öko-Richtlinien (NPOP) sind soweit an die amerikanischen USDA (NOP) sowie die EU-Vorgaben angepasst, so dass auch nach Europa und in die USA exportiert werden kann.

Es gibt ein Förderprogramm der Regierung (NPOF) für die Produktion, das Marketing, die Zertifizierung und die Marktentwicklung von Öko-Produkten. An der vierten  India Organic  2008 beteiligten sich etwa 190 Aussteller, darunter Unternehmen und Ministerien aus 28 Bundesstaaten sowie international aus 14 Ländern. Es wurden insgesamt 15.000 Besucher, davon 1.400 Fachbesucher gezählt. Im November 2009 wird die erste BioFach in Mumbai in Kooperation mit der India Organic stattfinden, um die Kräfte beider Messen zu bündeln.
Ein Unternehmen hat sich in den letzten sechs Jahren eine führende Position im Biosektor Indiens erarbeitet: Sresta Natural Bioproducts Pvt. Ltd. (http://www.sresta.com/home.html).

In Hindi bedeutet sresta "Spitzenleistung". Sresta wurde für seine erfolgreiche Entwicklung im vergangenen Jahr von 'Business Today' als eine der zehn 'hottest start up' Firmen ausgezeichnet.

Sresta organisiert und betreut nicht nur die Bauerngruppen, von denen die öko-zertifizierten Rohstoffe kommen, sondern verantwortet die Verarbeitung von den Rezepturen bis hin zur Verpackung und organisiert die Logistik – in Indien besonders für Frischeprodukte ein Nadelöhr für die Marktentwicklung. Sresta bietet höchsten Standard, der durch eine entsprechen­de Überwachung und Zertifizierung belegt wird. Diese umfasst neben der Biozertifizierung (NOP/EU) auch die ISO-, HACCP- oder BRC-Zertifizierung der Verarbeitung. Diese Kompetenz erlaubt Sresta, spezielle Produkte mit Kunden nach deren Wünschen zu entwickeln. Sresta exportiert heute bereits Biorohstoffe, Halbfertig- und Fertigprodukte nach Europa und in die USA.

Schon vor Jahren hat Raj Seelam, Gründer und Präsident von Sresta, begonnen, eine kleine Bioladenkette in Indien aufzubauen, in der die Produkte unter der Eigenmarke „24 Letter Mantra“ verkauft werden. „24 Letter Mantra“ nach der Weisheit „Tvam Bhumir Apo Analo Anilo Nabha“ (24 Buchstaben) – Erde, Wasser, Feuer, Luft und Ether sind die allein notwendigen Elemente für ganzheitliche Lebensmittel.

Neben dem Verkauf in eigenen Läden wird ein kleineres Sortiment von Produkten auch in Zusammenarbeit mit herkömmlichen Lebensmittelketten in ganz Indien verkauft. Derzeit sind dies rund 120 der 400 Spencers Supermärkte. Diese Vertriebswege werden nun mit weiteren regional orientierten Ketten ausgebaut.
Daneben finden Sresta Produkte ihren Weg in hochwertige Läden, die Kunsthandwerk sowie traditionell, ökologisch oder fair hergestellte Produkte verkaufen, wie z.B. „Mother Earth“ in Hyderabad.

Die eigenen Geschäfte der kleinen Naturkostladenkette http://www.24lettermantra.com/ öffnen an sieben Tagen der Woche von morgens bis spät abends; was in Indien allerdings Normalität ist. In Hyderabad eröffnete 2005 der erste Markt.

Inzwischen ist die Anzahl der Outlets im ganzen Land auf sieben angewachsen. Die Läden befinden sich in gehobenen Einkaufsvierteln der Mittelschicht in den Städten Hyderabad, New Delhi, Mumbai, Bangalore, Chennai, Pune und Thiruvananthapuram. Die gut ausgebildete, in der Regel aus jungen relativ einkommensstarken Familien bestehende besser situierte Bevölkerungsgruppe zeigt ein zunehmendes Interesse an Bio-Lebensmitteln.

Die Läden verfügen derzeit über ein Sortiment von rund 600 Eigenmarkenartikeln inklusive Backwaren aus der eigenen Bäckerei sowie Obst und Gemüse. Hinzu kommen zirka 40 weitere Markenartikel die direkt in Indien hergestellt und zugehandelt oder aber auch importiert werden. So findet man Hautpflegeartikel aus Frankreich, Öle aus Italien, Frühstücksartikel aus der Schweiz neben amerikanischer Babyglaskost.

Beim Betreten des Ladens stößt man in Hyderabad als erstes auf ein kleines Bistro. Hier können neben selbst gemachten Fruchtsäften, kreativen Eisbechern, Kaffee, Sandwiches und Salaten selbst gebackenes Brot, Plätzchen und Kuchen aus der eigenen Bäckerei verzehrt werden. Bei Brot und Backwaren fällt eine beeindruckende Vielfalt auf. Zwar ist das Brot „toastbrotähnlich“ verpackt und vorgeschnitten, schmeckt aber sehr frisch und hat den Geschmack von echtem Bio-Vollkornbrot. Ein von uns probierter Schokoladenkuchen schmeckte hervorragend.

Als nächstes folgt ein Frühstücksregal mit verschiedenen Cerealien, Müslis, süßen Brotaufstrichen und Süßungsmitteln. Bio-Babyglaskost fehlt auch hier nicht und schmeckt wie bei uns.

Das Trockensortiment ist besonders vielfältig. Hier fehlt kaum etwas, das der europäische Kunde nicht auch kennt. Besonders umfangreich ist landestypisch das Sortiment an Grundnahrungsmitteln wie Reis, Bohnen, Linsen, Getreide, Hirse und andere Körnerprodukte, die wir bei uns weniger in der Küche verwenden. Aber auch Pasta, verschiedenste Mehlsorten bis hin zu Mais, finden sich in den Regalen. Abwechslungsreiche Müsli-Varianten oder sogenannte Choco-Bits, die auch im deutschen Bio-Sortiment erst vor kurzem eingeführt wurden, werden angeboten.

Fruchtsäfte werden im Elopack an verschiedenen Stellen im Geschäft mit dem Angebot zwei für eins beworben. Auch Soja-Milch gibt es in vielfältigen Angebotsvarianten. Tütensuppen finden sich in den Regalen ebenso wie geröstete Nussmischungen.

Also ein durchaus vielfältiges Angebot, das manchem Naturkostfachgeschäft in Europa nur wenig nachsteht. Tee wird in den trendigen Dosen von Organic India angeboten, schließlich kommt auch dieses Produkt aus Indien – eine Innovation, die noch gar nicht so lange am Markt existiert. Hier zeigt sich wieder einmal, dass in einem Land wie Indien die Gegensätze zwischen Stadt und armer Landbevölkerung sehr groß sind. Auf der einen Seite die Menschen, die sich kaum das Nötigste zum Leben leisten können und auf der anderen Seite, kaum 500 Meter entfernt, gibt es die neuesten Produktinnovationen  zu kaufen.

Wer Verpackungsmüll sparen möchte, kann sich Reis und Bohnen auch selbst aus großen Körben abfüllen. Plastikmüll ist ein riesiges Problem in Indien. Zwar fährt ab und zu ein Müllwagen durch die Strassen, doch viel zu selten, wie einem scheint.

Und so landet der Müll entweder am Straßenrand, wo sich die heiligen Kühe darauf legen, oder er wird morgens vor der Haustür einfach verbrannt. Kurz vor dem Ausgang wartet dann noch eine Abteilung mit frischem Obst und Gemüse, wobei hier auch, deutlich ausgezeichnet, konventionelle Artikel zur Komplettierung des Sortiments verkauft werden. Nach Aussagen von Herrn Seelam ist die Aufnahme von bestimmten konventionellen Artikeln noch notwendig, weil sie entweder in ökologischer Qualität nicht ausreichend sicher verfügbar oder, wie zum Beispiel Säfte, zu teuer sind. Das ergänzende Angebot hilft, Kunden zu binden, die ihre Einkäufe dann doch weitgehend in einem 24 Letter Mantra-Laden bestreiten können.

Für die natürliche Körperpflege gibt es neben indischen Basisprodukten wie Seifen auch ein kleines Bio-Sortiment der Marke Biolane. Diese vorrangig für die Babyhautpflege konzipierten Artikel werden aus Frankreich importiert. Auch auf Kundeninformation und Kundenfeedback wird bei 24 Letter Mantra Wert gelegt. So zeigt eine Tafel die Preise für konventionelle und ökologische Gemüsearten an. An einer anderen Stelle werden Kunden aufgefordert, Vorschläge zur Verbesserung zu machen. Von diesem Angebot wird auch rege Gebrauch gemacht.

Wie in fast allen Entwicklungs- oder Schwellenländern sind frische Lebensmittel recht preiswert.

Viele große internationale Firmen haben inzwischen auch Indien als kostengünstige Produktionsplattform entwickelt. Insbesondere die Software-Industrie hat hier Fuß gefasst. Diejenigen, die in dieser Branche eine Anstellung gefunden haben, verdienen weit besser als der Rest der einheimischen Bevölkerung. Vor allem diese Verbraucher gehören zu der Zielgruppe der Naturkostbranche.

Die ärmere Bevölkerung des Landes allerdings kann sich oftmals kaum die billigsten Lebensmittel auf den lokalen Märkten leisten. Die Verdienst- und Lebenssituation der indischen Bevölkerung driftet extrem stark auseinander. Aber auch im Bereich Armutsbekämpfung und Produktionsentwicklung in Indien engagiert sich Sresta. Das in Hyderabad beheimatete Unternehmen, organisiert und betreut zusammen mit freiwilligen Helfern von Nicht-Regierungs Organisationen (NGO) Bauerngruppen in ländlichen Gebieten und verantwortet die Erzeugung der Öko-Rohstoffe von der Zertifizierung bis hin zur Verarbeitung und Verpackung.

Sresta exportiert bereits Bio-Rohstoffe, Halbfertig- und Fertigprodukte nach Übersee und ist sowohl NOP wie auch EU zertifiziert. Professionelle Hilfestellung bekommt das Unternehmen von Organic Services, einem Deutschen Strategie- und Beratungsunternehmen. Organic Services unterstützt Sresta in seiner Entwicklung allgemein, kümmert sich aber insbesondere um die Produktentwicklung sowie um die Markteinführung der Produkte.

Für den Export bietet die indische Firma Sresta Natural Bioproducts neben Rohstoffen Halbfertigprodukte sowie ein Sortiment von Convenience-Produkten aus der regionalen indischen Küche an: Indische Fertiggerichte, Chutneys, Pasten, Soßen, Gewürze, Fruchtsäfte und Pürees, IQF (individually quick frozen) und das typisch indische Brot (Pappads). Ein Sortiment an verzehrfertigen Produkten befindet sich in der Einführung bei Whole Foods in den USA, während die Einführung in verschiedenen Ländern Eu­ropas, vor allem im klassischen Naturkosthandel, in der Vorbereitung ist. Mit der zunehmenden Nachfrage nach sogenannten „ethnischen“ Lebensmittellinien wird auch das Sortiment Sresta’s seine Kunden finden.

Markus Rippin und
Gerald Herrmann


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