Start / Ausgaben / BioPress 60 - August 2009 / Bio-Kompetenzzentrum setzt Akzente

Anuga

Bio-Kompetenzzentrum setzt Akzente

Begleitprogramm auf der Anuga 2009 in Köln weist in die Zukunft

Mehr denn je ist die Präsentation von Bioangeboten auf der Anuga notwendig und wichtig. In den letzten drei Jahren stand Bio überall im Handel auf der Tagesordnung und man hat dort „Strategien“ gesucht und entwickelt, die Bio in die Systeme integrieren sollen. Zwischenzeitlich ist das Thema bei den Strategen „überholt“. Andere, neue Themen stehen an. Bio ist jetzt wieder eines von vielen Pflänzchen, das nach der Aussaat einfach von allein weiter wachsen soll.

Ohne ständige Aufmerksamkeit wird Bio keine nachhaltige Entfaltung im Supermarkt erleben. Der Druck von Außen – und damit ist nicht nur die Verbraucherseite gemeint – muss dauerhaft aufrecht erhalten bleiben.

Eine flächendeckende Bioversorgung ist Voraussetzung für mehr ökologischen Landbau. Die Verbraucher kaufen nur ein, was in den Regalen steht. Wenn Bio im LEH nicht von selbst zündet und auf dem vom „System“ erwarteten Niveau funktioniert, fällt das Interesse und fallen die Aktivitäten zurück. Anders als im Fachhandel, der sich auf Bio konzentriert und beständig am Thema dran bleibt.

Die Supermarktbetreiber müssen vorort in ihren Märkten aktiviert werden, gute Filialleiter wie selbstständige Kaufleute. Das Biogeschäft darf nicht bei den Einkäufern stecken bleiben. Sie denken nur strategisch, nicht wirklich wie Einzelhändler. Es braucht die Händler mit Sortimentskenntnissen, die Bio in die Hand nehmen.

Eine Messe bietet die seltene Gelegenheit, Lebensmittelkaufleute außerhalb des Einflusses ihrer Vorstufen zu erreichen. Hier suchen Sie Neues und den Zeitgeist zu ihrer Orientierung. Dass Bio noch inmitten des Geschehens steht und ein Dauerbrenner ist, soll die Anuga deutlich machen und zeigen, warum das so ist.

Erst in Zeiten, in denen Bio nicht im Fokus der Strategen steht und die Aufmerksamkeit von alleine auf sich zieht, zeigen sich die nachhaltigen Einstellungen und Wirkungen.

Auf der Anuga ist Bio seit 2001 mit erfolgreichen Programm­veranstaltungen vertreten, 2003 folgte dann die Sonderschau „Voll-Bio“. Die Präsentation von erstmals mehr als 80 Marken für den LEH mit rund 1.200 Bioprodukten hat damals viel Aufmerksamkeit für Bio auf einer konventionellen Lebensmittelmesse auf sich gezogen.

Heute liegt der Anteil des LEH am gesamten Bioumsatz bei 57 Prozent oder 3,6 Milliarden Euro, ein guter Grund für Koelnmesse bzw. die Anuga, das Thema Bio so hoch zu hängen wie Feinkost. Die über Jahre entwickelte Biopräsenz auf der größten internationalen Lebensmittelmesse soll auch 2009 wieder sinnvoll genutzt werden und weltweit Zeichen setzen.

Bio-Kompetenzzentrum mit Akzenten

Die Themen im Bio-Begleitprogramm setzen zukunftsweisende Akzente. Die Verantwortlichen im Handel sollen sehen, dass Nachhaltigkeit nicht heute kommt und morgen vor sich hindümpelt: Bio ist lebendig und mehr als ein Trendthema für die Marketingabteilung.

Vor wenigen Jahren gab es die „Bioecke“ oder den – professionell ausgedrückt – Bioblock mit rund 200 bis 300 Artikeln. Gut war, wer zehn Meter Blöcke voll mit Bio angeboten hat. Ein Block, ob klein oder groß, ist leicht zu handhaben, eine Palettenlieferung mit Bio an einen Platz ist schnell eingeräumt. Bioangebote ziehen sich jedoch durch alle Sortimentsbereiche, und so drängt Bio raus aus dem Ghetto und rein in die Sortimente. Der Arbeitsaufwand zahlt sich aus in dynamischerem Umsatzwachstum.

Heute schaffen Bio-Vollsortimente Raum für Vielfalt und Glaubwürdigkeit auch im Bioangebot der Supermärkte und diese Entwicklung muss weiter gehen bis Bio-Vielfalt flächendeckend zu finden ist.

Nachhaltigkeit macht Sinn

Der Montagmorgen auf der Anuga steht ganz im Zeichen von Bio und Nachhaltigkeit: Zum Auftakt wird Prof. Dr. Ulrike Detmers, Miglied der Geschäftsleitung bei Mestemacher, um 10 Uhr einen Vortrag  zu Nachhaltigkeitsstrategien in der Lebensmittelproduktion halten.

Anschließend diskutiert eine Runde unter der Moderation von Prof. Ulrich Köpke über „Bio-Lebensmittel für Sicherheit, Genuss und Wohlbefinden“. Die Teilnehmer im Podium sind Urs Niggli, FiBL-Direktor, Dr. Georg Eysel-Zahl Vorstand der Sarah Wiener Stiftung, Zukunftsforscher Dr. Eike Wenzel, der die Sinnwelten erforscht sowie Friedrich Lehmann, dessen Großhandel Lehmann Natur mit dem Slogan wirbt: Die Natur ist die bessere Pharmazie.

Bio ist mehr als eine Warengruppe, die einen Block im Supermarkt darstellt. Natürliche, ökologische Lebensmittel bieten Zusatznutzen für die Verbraucher. Sie stellen für die qualitätsorientierten Kaufleute und auch die Gastronomie und Großverpfleger einen Mehrwert dar, der hilft, sich vom Wettbewerb abzuheben und zukunftsweisende Kundenbindungen herzustellen.

In dem Fachgespräch wird diskutiert über die unterschiedlichen Sinnhaftigkeiten der Bioangebote und die Wertigkeit von Lebensmitteln.

Die Verbraucher entwickeln mehr Selbstbewusstsein und stimmen mit den Füßen darüber ab, welche Angebote zukunftsfähig sind. Verkaufen allein über den Preis gehört der Vergangenheit an. Trendangebote wirken immer nur kurzfristig. Was aber ist Nachhaltigkeit bei Lebensmitteln? Geht es dabei um mehr als einen Slogan im Marketing?
Die Supermarktbetreiber und die Köche werden den Verbrauchern zukünftig Antworten geben müssen zu den Inhaltsstoffen ebenso wie über die Herkunft und Entstehung der Produkte. Und es wird ihrer Verantwortung zugeschrieben, welche Sortimente geführt werden oder was auf der Speisekarte steht und auf die Teller kommt.

Bio-Genuss statt Prestigedenken

In ihrem Impulsvortrag um 11:15 Uhr „Die Zukunft des Genusses“ beleuchtet Buchautorin Hanni Rützler die heute unterscheidbaren Genusswelten.

Die sich anschließende Diskussionsrunde befasst sich mit dem Thema: „Esstrends verändern den Supermarkt: Bio – Tausendsassa der Sinnmärkte“. Moderator Carol Haest leitet das Gespräch mit Hanni Rützler, dem Bio-Berater Chrisoph Soika sowie einem Einzelhändler - Peter Wehrmann aus Nordrhein-Westfalen hat zugesagt - und einem namhaften Vertreter des Handels: Aus Mexico-City kommt Mauricio Arnábar G.,  Vice President  Merchandising bei Wal-Mart de Mexico.

Sinn- und Genusswelten ersetzen in Zukunft den Prestige-Konsum. Nicht mehr „die Marke“ ist gefragt, sondern Inhalte spielen eine wichtige Rolle. Hinterfragen ersetzt blinden Konsum. Dieses Lebensgefühl prägt die Biobranche von Anfang an.

Die Antworten müssen zu den Erwartungen der Verbraucher passen, Verführen allein genügt bei weitem nicht mehr. Und umgekehrt können Angebote bewusstseinsbildend wirken, wenn es chic wird, nur noch sinnvolle  Produkte zu konsumie­ren. So wurde die Verbindung Lust, Genuss und Bio bereits Mitte der 90-er Jahre zur Erfolgsgeschichte.

Bio hat vor der Feinkostbranche Fragen nach dem Inhalt und die Lust auf Genuss in einer Antwort zusammen geführt und dabei nachhaltige und faire Produktion zum Entscheidungskriterium für den Kauf gemacht: Natürlich genießen ohne Reue!

Produkte mit Herkunftsnachweis, möglichst aus der Region, sind ebenso gefragt wie ethnische Produkte oder ursprüngliche, hierzulande unbekannte Getreide wie Amaranth oder Quinoa. Lebensmittel aus Soja, Reis oder Hafer (-getränke oder -desserts) bedienen den Vegetarier- und Gesundheitstrend, gesunde Getränke werden erfunden als Massenprodukt oder uralte wie Kom­bucha wiederentdeckt als Gesundheitsbrunnen.

Einzelhändler und Köche müssen ihre Verbraucher und Gäste neu entdecken und zukünftig sehr genau auf die Etiketten ihrer Sortimente oder die Rohstoffe für ihre Küche schauen. Wer Verbraucherfragen beantworten und auf ihre Wünsche eingehen will, kommt nicht daran vorbei, sich zusätzliche Kenntnisse anzueignen und Bioprodukte einzuführen. Bio im Regal erklärt zwar nichts von selber, auch hier muss ständig Produktwissen aktualisiert und die Befindlichkeit der Verbraucher weiter erforscht werden. Der Vertrauensvorschuss in Biolebensmittel hilft aber ersatzweise die fehlenden Kenntnisse zu überbrü­cken. Gefragt ist in Zukunft mehr Authentizität: Natürliche Lebensmittel, kurze Wege oder faire Handelsbedingungen sind Voraussetzungen für Glaubwürdigkeit und gute Geschäftsergebnisse.

Sichere Lebens­mittelproduktion

Die Frage „Gentechnik – warum muss und wie kann sich der Bio-Markt da raushalten?“ stellt Moderator Bernward Geier auf der Anuga am Dienstagmorgen unter anderen an Joseph Wilhelm, Vorstand Rapunzel Naturkost AG, Thomas Dosch, Bioland- Präsident und Dr. Franz Ehrnsperger, Inhaber Neumarkter Lammsbräu.

Die ökologische Landwirtschaft produziert nicht nur natürliche und gesunde Lebensmittel. Sie verhindert auch die lebensbedrohende Erosion der Böden, die wir dem massiven Einsatz von künstlichen Dünge- und chemischen Pflanzen“schutz“mittel zu verdanken haben.

Wer Lebensmittelproduktion allein den Industrien – Lebensmittelhersteller, Chemie und Gentechnik – überlässt, nimmt in Kauf, dass in Deutschland weiterhin durchschnittlich pro Kopf und Jahr 15 Kilo Bananen, 18 Kilo Tomaten und 20 Kilo chemische Zusatzstoffe verzehrt werden. Die massive Gesundheitsbelastung durch falsche Ernährung steht heute nicht mehr wirklich in Frage. Wie können mittelständische Lebensmittelhersteller mit ökologischen Produkten ein Gegengewicht zu Konzernen bilden?

Gesund leben

Leidet bisher „nur“ die Gesundheit so besteht die Gefahr, dass die grüne Gentechnik in Zukunft die Lebensgrundlagen als Ganzes bedroht. Wir leben schon seit Jahrzehnten mit der falschen Behauptung, ohne den Chemieeinsatz in der Landwirtschaft würden die Ernten nicht ausreichen um die Menschheit zu ernähren.

Seit die Gentechnik einen Platz in der Wissenschaft eingenommen hat, soll es auch ohne deren Einsatz in der Landwirtschaft nicht mehr gehen. Halten gentechnisch veränderte Pflanzen etwa die Erosion auf oder tun sie etwas für die gefährdete Gesundheit?
Kunstdünger und chemische Pflanzenschutzmittel verdrängen in Wirklichkeit die Arbeitskräfte vom Acker und verschaffen einigen wenigen Konzernen enorme Gewinne. Die Gentechnik setzt mit Hilfe ihrer Patente auf noch mehr Abhängigkeit und gefährdet dabei rücksichtslos die Lebensgrundlagen aller.

GVO hilft der Welt nicht weiter

Die Verbraucher wehren sich instinktiv gegen diese Entwicklung. Sie verstehen in unserer aufgeklärten Zeit den Zusammenhang zwischen Gesundheit und unbelasteten Rohstoffen und setzen auf transparente Produktion. Am Point of Sale fällt die Entscheidung von Tag zu Tag weiter zugunsten der natürlich gesunden, schmackhaften und ungedopten Alternativen.
Wie es um den Einsatz von GVO in der Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion steht und welche Chancen Hersteller und Kaufleute mit Alternativen haben, wird die Diskussionsrunde mit ausgewiesenen Fachleuten aus der Biobranche deutlich machen.

Öko-Drinks

In einem Expertengespräch über „Öko-Drinks erobern die Getränkewelt“ diskutieren Moderator Bernward Geier mit Bionade-Geschäftsführer Peter Kowalsky, Oliver Nordmann, Inhaber der Strahlsunder Brauerei (angefragt), Getränke-Berater Manfred Mödinger und Rabenhorst-Geschäftsführer Klaus-Jürgen Philipp (angefragt).

Getränke sind haltbar, wie die Kaufleute sich das bei Lebensmitteln gerne wünschen, aber sie lassen sich nicht einfach in eine Tüte verpacken. Es braucht Rückgabe oder Entsorgungssysteme und das ist nur mit Getränkeverlegern und Großhändlern zu schaffen, die Biogetränke in ihr Angebot mit aufnehmen. Verzuckerte und mit Aromen „getrimmte“ Limoden bestimmen den konventionellen Getränkemarkt. Sie sind billig, konkurrieren sie doch mit Leitungswasser, das spotbillig, aber ohne Geschmack ist.

Die Bio-Getränkewelt wurde viele Jahre lang dominiert von Säften. Auf 120 verschiedene Sorten bringt es ein Bio-Saftanbieter in seinem Sortiment. Allein mit dieser Vielfalt lässt die Bio-Getränkebranche alle herkömmlichen Anbieter weit hinter sich. Dann kam Bionade. Peter Leipold hat sie in den 90-er Jahren als preiswertes und dabei gesundes „Volksgetränk“ erfunden und mit großem Erfolg gegen die „Zuckerwässer“ auf dem Markt durchgesetzt.

In der Zwischenzeit gibt es Alternativen mit höchstem Anspruch an den Faktor Gesundheit. Auf der anderen Seite tauchen am Markt jedoch auch billigere Produkte auf, die zwar grundsätzlich noch die Biokriterien einhalten können, von Seiten der Zusätze jedoch fragwürdig erscheinen können.

Neben Limonaden und Säften bereichert außerdem Alkoholisches jeder Couleur das Bio-Angebot – Bier, Wein, Sekt und Champagner, Liköre und auch Hochprozentigeres wie Cognac, Korn, Gin, Rum, Whisky oder Wodka. Bio-Getränke vom Supermarkt für Zuhause sind ebenso gefragt wie die Bio-Alternative in der Gastronomie. Neu ist eine Initiative „Qualitätsgemeinschaft Bio-Mineralwässer“, die Premium Mineralwässer weit über dem gesetzlichen  Qualitätsstandard auf den Markt bringen.

Bioland auf der Anuga

Am Dienstagnachmittag wird  Dirk Vollertsen  Geschäftsleiter Produkt & Markt, Bioland  einen Vortrag mit dem Titel „Bio-Lebensmittel machen Sinn" halten.

Das IFOAM-Trade Forum am Montag steht unter dem Mot­to: Unser Bio-Beitrag zu einer besseren Welt. Wie die bessere Bio-Welt aussieht,  zeigen Erzeuger, Hersteller und Handel, die Conrad Thimm vom Trade Forum eingeladen hat.

Match-Making unter dem Dach vom IFOAM Trade Forum

Am Dienstag organisiert die IFOAM im Pressezentrum Ost ein Organic Match-Making  für  Exporteure und Importeure. Geschäfte anbahnen in einer entspannten Atmosphäre ist das Ziel. Bio-Unternehmen mieten einen Tisch für einen halben Tag und haben so einen Platz für Treffen.

Erich Margrander


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