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Editorial

Editorial Ausgabe 59/Mai 2009

Liebe Leserin, lieber Leser!

Trotzt Bio wieder der Krise wie 2001? Kaufleute denken anders als ihre Vorstufen. Sind sie mutiger oder einfach näher an den Kundenwünschen und sehen daher klarer? Die wirtschaftliche Schieflage als Folge der Finanzkriese wird noch viele treffen, jedoch nicht alle.

Die Deutschen geben nur rund zwölf Prozent ihrer Einkommen für Lebensmittel aus. Da gibt es also viele andere Dinge des täglichen Bedarfs, an dem gespart werden kann, wenn gespart werden muss. Vorerst können wir davon ausgehen, dass das eigene Wohlbefinden nicht unbedingt geopfert wird auf dem Altar der Selbstkasteiung. Auch die Menschen mit geringerem Einkommen können sich Bioprodukte leisten. Sie müssen jetzt vielleicht noch mehr saisonal und regional denken, auf günstige Angebote achten und dabei ein Rotkraut dem Feingemüse vorziehen und die eine oder andere Flasche Wein auslassen.

Wer sich wertschätzt - und das werden viele der Biokonsumenten sein - wirft nicht so schnell die Flinte ins Korn.  Die vielgepriesenen, von Marketingleuten neu entdeckte Zielgruppe der LOHAS verhalten sich eher atypisch. Sie lassen sich weniger leicht durch Krisenmeldungen von ihrer Einstellung abbringen.

Bioangebote sind heutzutage in allen Vertriebswegen vom Hofladen über Reformhäuser bis zum Bio-Supermarkt gefragt. Lebensmittelhandwerker in Metzgereien, Bäckereien und in der Gastronomie bedienen die Nachfrage ebenso wie Feinkosthandel, qualitätsorientierte Lebensmittelkaufleute oder der Nahversorger um die Ecke. Discounter bieten ein Rumpfsortiment in Bioqualität, das bei aller Beschränkung für eine  Haushaltung ausreichend erscheint. Neben Croissants sind Müsli, Kaffee, Tee, Brot, Käse, Wurst und einige Obst- und Gemüseartikel zu kriegen. Und sie werden gekauft, auch von einer Zielgruppe, an die bei ökologischen Lebensmitteln niemand so recht denkt.

Einer breiten Distribution folgt jetzt die Entwicklung von Breite und Tiefe im Sortiment. Schließlich wollen sich gestandene Kaufleute nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. Wo sich Anstrengung lohnt, wollen sie dabei sein und es besser machen als andere. Krisen werden immer auch als neue Chance begriffen und gerade die aktuelle verlangt das seit Jahrzehnten vernachlässigte Umdenken hin zu mehr Nachhaltigkeit zum Schutz von Natur und einem gesünderen, erfüllten und zukunftsfähigem Leben.

Die letzte Ära galt dem Überleben, heute bemühen sich die Menschen um mehr Lebensgenuss. Die Avantgarde konfrontiert ihre Umwelt mit eigenen, verantwortungsvollen  Wertvorstellungen und sucht neue Wege, weg vom „immer billiger - immer besser“! Versprechungen, dass ohne eigene Anstrengung viel raus kommen kann, werden hinterfragt. Selbst dort, wo Vorteile durch Ausbeutung realisierbar wären, regt sich ein neues eigenständiges Gewissen, dem immer mehr Verbraucher folgen und das im durchaus eigenen Interesse.

Es gibt viele Gründe, das „immer weiter so“ zu überdenken und sich als Kaufmann/ Kauffrau zu fragen, was kann ich, was muss ich anders machen? Wie lässt sich die Ignoranz der Systeme überwinden, die überwiegend an den Beschränkungen des Bestehenden festhalten und Vielfalt im Angebot verhindern, weil sie nicht in die Zentralgeschäfte passen? Regionalität und kurze Wege lassen sich eben besser vorort als aus der Ferne organisieren. Ein Angebot, das sich von der Masse abhebt, verlangt Eigeninitiative.

Beispiele in der Handelslandschaft zeigen, dass Vielfalt möglich ist und dass es sich lohnt, den Verbraucher in den Mittelpunkt des eigenen Handelns zu stellen. Zentrale Führung und Einbettung in große Einheiten mögen Sicherheit versprechen, sie neigen jedoch zur Erstarrung und bieten immer mehr vom Gleichen! Wer selbst anpackt, finden zum Beispiel auf dem Großmarkt ein breiteres Bio-Obst- und Gemüseangebot, Regionalanbieter oder ausgefallene Bio-Sortimente und kann damit punkten. Das heißt dann mehr Lieferanten auf dem Hof und manchmal auch unüberwindbare Hürden, die nur in der Vernetzung mit anderen bewältigt werden können.
Das Ergebnis wird sich dann aber sehen lassen: Wettbewerbsvorteile, zufriedene Kunden, mehr Spaß an der Sache und eine sichere Zukunft. „Vielfalt statt Einfalt“ im Bio-Angebot könnte sich lohnen.

Erich Margrander
Herausgeber


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