Dünger
Nährstoffe auf Abwegen: Raus aus der Dünger-Falle
Podiumsdiskussion über die Abhängigkeit durch fossilen Dünger, die Folgen für die Umwelt und das Thema Ernährungssicherung
Die Landwirtschaft in Europa ist bei der Versorgung mit mineralischen Düngemitteln stark auf Importe angewiesen – zugleich belasten Düngerherstellung und -einsatz die Umwelt. Ist Kali aus Deutschland ein Weg aus der Abhängigkeit vom globalen Düngemittelmarkt? Wie lässt sich das Problem der Überdüngung in den Griff bekommen? Und kann Ökolandbau die Welt ernähren? Kontrovers diskutiert wurden diese Fragen bei einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung und des grünen Europa-Abgeordneten Martin Häusling.
„500 Millionen Euro hat Brüssel zur Verfügung gestellt, um Landwirte für den höheren Düngemittelpreis zu entschädigen“, leitete Häusling in die Veranstaltung ein. Eine Dürrehilfe sei dagegen nicht beschlossen worden. Nach wie vor werde Stickstoffdünger aus Russland und Belarus importiert, Phosphat aus Nordafrika. Auf der anderen Seite stehe die Grundwasserbelastung durch Nitrat. Die Grenzwerte der EU-Nitratrichtlinie würden von Deutschland seit Jahrzehnten nicht eingehalten.
Auf der Suche nach Nährstoffen
Wie kam es zum erhöhten Einsatz von Stickstoffdünger und zur heutigen Abhängigkeit? Vom Weg der Landwirtschaft vom Brandrodungswanderfeldbau bis zur fossilen Düngung erzählte Kerstin Hoppenhaus, gelernte Biologin und Autorin des Buches ‚Die Salze der Erde‘, das 2024 mit dem NDR-Sachbuchpreis ausgezeichnet wurde. Dass mit der Ernte Nährstoffe weggenommen werden, die anschließend wieder zugegeben werden müssen, sei schon früh erkannt worden. Zu Beginn der Sesshaftigkeit wählte man für den Anbau daher nährstoffreiche Flusstäler, auch stickstoffbindende Leguminosen wurden bereits früh angebaut.
Im 19. Jahrhundert geriet die Bodenfruchtbarkeit allerdings zunehmend unter Druck. „Die Böden waren völlig degradiert“, erzählte Hoppenhaus. In dieser Zeit entwickelten Carl Sprengel und Justus von Liebig die Mineralstofftheorie, nach der sich Pflanzen von anorganischen Nährstoffen wie Nitrat, Phosphat und Kalium ernähren – die Grundlage für mineralische Düngemittel. Um 1800 herum entdeckte Alexander von Humboldt die Bedeutung von Guano – den nährstoffreichen Ablagerungen von Seevögeln – als Dünger und gilt damit als Wegbereiter der Dünger-Importe aus Südamerika. Rund 100 Jahre später wurde die Ammoniaksynthese nach Haber-Bosch entwickelt – ein industrielles Verfahren, mit dem sich Ammoniak aus Stickstoff und Wasserstoff herstellen lässt. „Das war ein Gamechanger – plötzlich stand beliebig viel Stickstoff zur Verfügung“, erklärte Hoppenhaus. Zur Zeit des 1. Weltkriegs wurden die Produktionskapazitäten von Stickstoff, der nun für die Herstellung von Sprengstoff benötigt wurde, enorm ausgebaut.
Stickstoffdünger: billig, effektiv – und folgenschwer
Um nach dem Krieg die Versorgung mit Stickstoffdünger zu organisieren und die landwirtschaftliche Produktion zu fördern, kam es 1919 zur Gründung des Deutschen Stickstoffsyndikats. Die meisten Betriebe waren damals allerdings noch kleinbäuerlich und hatten kein Interesse an Kunstdünger, berichtete Hoppenhaus. Weswegen das Syndikat eine regelrechte „Umerziehungskampagne“ gestartet habe.
Nach dem 2. Weltkrieg wurden im Zuge der Grünen Revolution vor allem in den USA gigantische Ertragssteigerungen erzielt. In Indien wurden laut Hoppenhaus bis 1972 14 neue Ammoniakfabriken gebaut. „Stickstoff war billig und massenhaft verfügbar“, so die Biologin. Heute würden weltweit pro Jahr um die 220 Millionen Tonnen reaktiver Stickstoff in Umlauf gebracht.
„Das Problem: Der Dünger bleibt nicht auf dem Acker“, so Hoppenhaus. Als Folge der Eutrophierung (unerwünschte Anreicherung von Nährstoffen in Gewässern) wachsen Algen, die Sauerstoff verbrauchen – nicht nur in Flüssen und Badeseen, sondern auch in der Ostsee. Die Biodiversität wird geringer, der Bestand an Dorschen ist bereits eingebrochen – „Es ist eine Katastrophe“, stellte Hoppenhaus fest. „Die Küstenfischerei in der Ostsee kann eigentlich einpacken“. Ähnliches passiere in allen großen Becken, es handle sich um ein Problem globalen Ausmaßes.
Stickstoff als Frage der Fruchtfolge
Dass es auch anders gehen kann, machte Martin Häusling deutlich, der bereits im Jahr 1988 den Gemischtbetrieb seiner Eltern auf Bio-Landwirtschaft umgestellt hat. Auf 30 Prozent der Fläche werden Leguminosen wie Klee und Luzerne angebaut, wodurch „wahnsinnige Bodenverbesserungen“ möglich seien. „Für den Ökolandbau ist Stickstoff in erster Linie eine Frage der Fruchtfolge“, erklärte Häusling.
Nährstoffmangel gebe es nicht zu beklagen. Zum Hof gehören 150 Hektar Fläche und 150 Kühe, deren Ausscheidungen zu 100 Prozent wieder eingesetzt würden, sodass ein geschlossener Kreislauf entstehe. „Wir müssen Tierhaltung und Bodennutzung wieder zusammenbringen“, betonte Häusling. Das Soja-Eiweißfutter in der Landwirtschaft werde heute fast komplett aus Südamerika importiert. „So funktioniert Welternährung auf Dauer nicht“, stellte der Grünen-Politiker klar.
Die Produktivitätsfrage
Dass es momentan unmöglich sei, die wachsende Weltbevölkerung ohne Mineraldünger zu ernähren, behauptete Josef Wiebel, der das Agrarsegment bei K+S, einem Bergbauunternehmen in Kassel mit den Schwerpunkten Kali- und Salzförderung, leitet. In der Regel seien die Nährstoffkreisläufe auf landwirtschaftlichen Betrieben nicht geschlossen. Das Ertragsniveau hält Wiebel im Ökolandbau für nur halb so hoch wie bei konventionellen Betrieben. Für eine hochproduktive Landwirtschaft brauche es eine hohe Nährstoffkonzentration im Boden.
Es gelte allerdings, bei der Anwendung von Stickstoff und Phosphat Bedarf und Anwendung in Linie zu bringen, sodass die Dünger nicht das Grundwasser belasten. Die Aufnahme der Pflanzen müsse mit dem Nährstoffangebot im Boden synchronisiert werden. „Ich bin ein großer Verfechter von geschlossenen Nährstoffkreisläufen und ausgewogener Düngung“, so Wiebel.
„Hunger ist ein Verteilungsproblem“
Auch bei Kali aus Deutschland handle es sich um einen endlichen Rohstoff, bemerkte Häusling, und wies zugleich auf den „Kollateralschaden“ des Kaliabbaus hin: die hohe Salzbelastung der Werra. Es solle daher so wenig wie möglich eingesetzt werden.
Zwar sei Ökolandbau ohne Mineraldünger in manchen Gegenden Deutschlands schwer umzusetzen, auf dem eigenen Hof liege das Ertragsniveau jedoch bei 90 Prozent eines konventionellen Betriebs. Und in tropischen Regionen könne eine Bio-Landwirtschaft samt geschlossenem Kreislauf noch deutlich erfolgreicher etabliert werden.
„Hunger ist ein reines Verteilungsproblem und hat nichts mit Düngung zu tun“, betonte Häusling. Das meiste Getreide gehe in die Viehhaltung. 20 Prozent der Äcker in Deutschland würden für Biogasanlagen und Agrotreibstoff verwendet. Und nur 70 Prozent des Erzeugten werde konsumiert. „Weltweit wäre so ein System eine ökologische Katastrophe.“
Agrarökologie als Landwirtschaft der Zukunft
Eine wissenschaftliche Erwiderung auf die Zweifel am Ökolandbau hatte auch Reinhild Benning, politische Leiterin für Landnutzung und Agrarökologie bei der Deutschen Umwelthilfe, parat, die sich vom Publikum aus beteiligte. So habe sich der Weltagrarbericht der UN bereits im Jahr 2008 für Agrarökologie ohne synthetische Dünger als vielversprechendstes Konzept für die Ernährung der Zukunft ausgesprochen. Fossile Energie werde knapper und teurer und für die Gewinnung von Stickstoffdünger sei eine Menge Energie nötig. Die Vereinten Nationen empföhlen daher, Lebensmittel möglichst unabhängig von energieintensiven Düngemitteln zu erzeugen.
Benning hob außerdem den Wert des Bodens für die Ernährungssicherung besonders hervor. Er sei mehr als ein Nährmedium, brauche eine gute Wasserhaltefähigkeit und müsse künftig vermehrt Extremwetterereignisse abpuffern. „Mit humusmehrenden Pflanzen zu arbeiten, ist ein wissenschaftliches Gebot, um die Klimaresilienz zu verbessern“, so Benning.
Nährstoffrecycling gegen Rohstoffknappheit?
Eine Lösung mit Blick auf die Endlichkeit von mineralischen Ressourcen stellte Simone Apitz, Vorsitzende der ‚Deutsche Phosphor-Plattform‘, vor, die im Phosphorrecycling aktiv ist. „Der Mensch nimmt mit der Nahrung Phosphate auf“, erklärte Apitz. Wie andere Schad- und Nährstoffe reicherten sich diese im Klärschlamm an und könnten von dort zurückgewonnen und wieder für die Herstellung von Düngemitteln nutzbar gemacht werden, sodass sich die Stoffkreisläufe schließen. Bei einem „bedachten“ Einsatz von Phosphor hält Apitz es für möglich, den Dünge-Bedarf mit recyceltem Phosphor abzudecken.
Auf das Problem der übermäßigen Tierhaltung verwies aus dem Publikum Friederike Schmitz, Mitgründerin von Faba Konzepte, einem Verein, der sich für eine pflanzenbasierte Ernährungswende einsetzt. „Die Hälfte des Getreides geht in Deutschland in den Trog“, prangerte sie an. Durch eine drastische Reduzierung der Tierhaltung ließe sich auch viel Düngemitteleinsatz vermeiden. 75 Prozent weniger Tierprodukte konsumieren, laute die aktuelle Empfehlung, um innerhalb der planetaren Grenzen zu bleiben.
Als größtes globales Problem für die Ernährungsversorgung rückte Martin Häusling abschließend den Klimawandel in den Fokus. Aller Dünger helfe nicht, wenn der Regen ausbleibt und die Wasserversorgung nicht mehr gegeben ist. Die Reduzierung von CO2 müsse daher in den Mittelpunkt gerückt und die Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft zum Ziel der Agrarsubventionen werden.
Lena Renner







