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Low oder No Intervention: Wie viel Natur steckt in welchem Käse?

Was Low-Intervention-Wein, Rohmilchkäse und Bio gemeinsam haben – und worin sie sich unterscheiden

Low oder No Intervention: Wie viel Natur steckt in welchem Käse? © HUGPHOTOS
Walo von Mühlenen ist Käse-Affineur in fünfter Generation und auf die Herstellung von Schweizer Rohmilchkäse spezialisiert.

Die Käsetheke ist in den letzten Jahren komplizierter geworden. Bio-Käse, handwerklicher Rohmilchkäse, Low-Intervention-Produkte – die Begriffe überlagern sich, und im Gespräch mit Händlerinnen, Händlern und Konsumenten begegnet mir immer wieder dieselbe Frage: Was kaufe ich eigentlich, wenn ich mich für das eine oder andere entscheide? Eine berechtigte Frage. Denn die Begriffe meinen ähnliche, aber nicht dieselben Dinge.

Der Begriff Low Intervention stammt aus dem Naturweinbau in Frankreich, den USA und Großbritannien. Er beschreibt eine Verarbeitungsphilosophie: möglichst wenig Eingriffe nach der Ernte, das Originalprodukt so wenig wie möglich verändern, die Natürlichkeit erhalten. Übertragen auf den Käse heißt das: die Milch so wenig wie möglich technisch behandeln, damit das, was Wiese und Kuh hervorgebracht haben, im fertigen Käse erkennbar bleibt.

Genau besehen ist Low Intervention beim Käse nichts Neues, sondern eine Rückkehr zu dem, was über Jahrhunderte der einzig mögliche Weg war. Antoine, der Käsekünstler, der im 17. Jahrhundert lebte und als einer der Ersten die Käseherstellung systematisch aufschrieb, kannte keine Pasteurisierung, keine Baktofugierung, keine Mikrofiltration. Die Milch kam von der Wiese in den Kupferkessel, mehr Technik stand nicht zur Verfügung. Was wir heute Low Intervention nennen, war damals schlicht Käsemachen. Wenn von ‚Back to the Roots‘ die Rede ist, lohnt es sich zu fragen, was diese Wurzeln eigentlich sind. Bei uns sind sie sehr konkret beschreibbar: rohe Milch, natürliche Kulturen, ein überschaubares Handwerk.

Auch beim Anbau gilt diese Logik. Zur Zeit Antoines gab es weder Kunstdünger noch Massentierhaltung. Die Kuh fraß, was auf der Wiese wuchs, und die Wiese trug, was der Boden hergab. Bio verfolgt im Grundsatz dasselbe Anliegen, setzt den Fokus aber stärker auf den Anbau: kontrollierte Landwirtschaft, natürliche Düngung und natürlicher Pflanzenschutz, artgerechte Tierhaltung. Eine große Errungenschaft, die den Naturkostmarkt überhaupt erst möglich gemacht hat. Bio und Low Intervention bewegen sich also auf derselben Schiene, mit etwas unterschiedlichen Schwerpunkten: die einen vor allem auf der Wiese und im Stall, die anderen vor allem in der Verarbeitung in der Käserei.

Was die Bio-Verordnung erlaubt – und was nicht

Hier liegt der Punkt, den nach meiner Erfahrung viele Konsumenten nicht kennen: Die Bio-Verordnung regelt die landwirtschaftliche Erzeugung sehr streng. Bei der Verarbeitung der Milch lässt sie aber Spielräume.

Bio-Milch darf pasteurisiert werden. Sie darf baktofugiert werden, ein mechanisches Verfahren zur Keimentfernung. Sie darf mit Lysozym behandelt werden. Sie darf standardisiert werden, also auf einen einheitlichen Fettgehalt eingestellt. Und die Weide, auf der die Bio-Kuh steht, muss zwar biologisch bewirtschaftet sein, kann botanisch aber durchaus arm sein.

Das ist keine Kritik an Bio. Bio leistet im Anbau Wertvolles, und genau deshalb ist es für mich die Basis. Es ist eine Beschreibung dessen, was in einem Bio-Käse möglich ist und was nicht. Wer im Naturkostfachhandel berät, sollte diese Spielräume kennen, um Kunden differenziert antworten zu können.

Wo Low Intervention beim Käse ansetzt

Beim klassischen Handwerkskäse, wie wir ihn in unserem Familienbetrieb seit 1867 zusammen mit Partner-Käsereien herstellen, verzichten wir bewusst auf diese Verarbeitungsschritte. Die Milch bleibt roh. Wir baktofugieren nicht, wir behandeln nicht mit Lysozym, wir pasteurisieren nicht. Eingegriffen wird nur dort, wo es technisch unumgänglich ist: ein Filter, eine schonende Entrahmung. Mehr nicht.

Die Milchsäurebakterien, die wir zugeben, sind dieselben natürlichen Bakterien, die auch dem Menschen bei der Verdauung helfen. Wer das zu Hause überprüfen möchte: Einen handelsüblichen Joghurt in Milch einrühren, die Mischung bei rund 30 Grad stehen lassen, nach wenigen Stunden hat man einen Topf Joghurt. Es ist derselbe Prozess, der seit Jahrtausenden Milch in Käse verwandelt. Antoine hätte ihn vor 400 Jahren nicht anders beschrieben.

Beim Lab haben wir heute die Wahl. Meist wird es aus einem Pilz gewonnen, was hervorragend funktioniert. Bei vielen geschützten Sorten, etwa Käsen mit AOP-Status, ist tierisches Lab im Pflichtenheft jedoch zwingend vorgeschrieben, weil es eine unverwechselbare Geschmackskomponente bringt.

Warum No Intervention beim Käse nicht funktioniert

Spätestens hier wird deutlich, warum ‚Low‘ fast nie ‚No‘ bedeutet. Ohne Milchsäurebakterien wird aus Milch kein Käse. Ohne Lab gerinnt sie nicht. Ohne Salz reift sie nicht zu dem Produkt, das wir aus der Theke kennen. Eine vollkommene Nicht-Intervention ist beim Käse so wenig denkbar wie beim Wein. Selbst beim radikalsten Naturwein wird gepresst, vergoren, abgefüllt. Die Frage ist nicht ob, sondern wie viel und womit eingegriffen wird. Die ehrliche Aussage lautet deshalb: Es geht um minimale, nachvollziehbare Eingriffe mit natürlichen Mitteln. Nicht um eine Romantik des Nicht-Tuns.

Die Wiese, die der Käse braucht

Was Low-Intervention-Käse von industriellem Käse unterscheidet, beginnt nicht erst im Reifekeller, sondern auf der Wiese. Die Milch, aus der wir unseren Blumenwiesenkäse herstellen, stammt von Kühen, die auf artenreichem Grünland weiden. Auf echten Blumenwiesen mit Wiesensalbei, Klee, Löwenzahn, Schafgarbe und Glockenblumen. Nicht auf einsaatreichen, blumenarmen Hochleistungsweiden.

Diese botanische Vielfalt findet man als geschmackliche Vielfalt im Käse wieder. Und weil die Kühe jeden Tag andere Blumen fressen, heute mehr Klee, morgen mehr Löwenzahn, im Juni anders als im September, ist jeder Produktionstag ein Unikat. Selbst beim Gruyère, bei dem man als Konsument das Gefühl hat, es gebe ihn überall in identischer Form, stimmt dieser Eindruck nicht. Ein erfahrener Affineur erkennt jede einzelne Käserei am Geschmack. Und das, obwohl alle nach demselben Pflichtenheft arbeiten.

Damit das funktioniert, gelten harte Regeln. Einige Pflichtenhefte schreiben verbindlich vor, dass die Milch innerhalb von 18 Stunden verarbeitet werden muss. Das heißt: Am frühen Morgen, oft schon ab sechs Uhr, wird die Abendmilch des Vortages zusammen mit der frischen Morgenmilch zu Käse verarbeitet. Eine Käserei, die so produziert, kennt keinen Sonntag.

Eine Ergänzung, keine Konkurrenz

Für den Naturkostfachhandel heißt das: Bio-Käse und Low-Intervention-Käse sind keine Konkurrenten, sondern Ergänzungen. Bio-Käse für Kunden, die Wert auf zertifizierte biologische Erzeugung legen. Low-Intervention-Käse oder Blumenwiesenkäse für Kunden, die zusätzlich Wert auf eine möglichst unveränderte Verarbeitung und auf botanische Vielfalt der Wiese legen. Viele werden beides kaufen – abwechselnd, je nach Anlass, je nach Lust.

Die Tagesfrist von 18 Stunden zwischen Melken und Verkäsen, die kurzen Wege zwischen Hof und Käserei, der Verzicht auf Pasteurisierung und Mikrofiltration: Diese Art der Produktion lässt sich nicht beliebig skalieren. Low-Intervention-Käse entsteht zwangsläufig in überschaubaren Strukturen, in dörflichen Käsereien, die mit ihren Milchlieferanten persönlichen Kontakt haben. Das ist keine Inszenierung, sondern eine technische Notwendigkeit. Und genau das macht den Unterschied, den Verbraucher schmecken.

Eine Frage des Vertrauens

Am Ende geht es weder beim Wein noch beim Käse um eine reine Lehre, sondern um eine Haltung: möglichst viel Natur zulassen, wo es geht. Möglichst wenig eingreifen, wo es nicht zwingend nötig ist. Und transparent machen, wo es nicht anders geht.

Wer im Naturkostfachhandel berät, kann diese Differenzierung sichtbar machen. Bio bleibt die wichtige Basis. Low Intervention und Rohmilchkäse sind die zusätzliche Dimension, die das Bio-Siegel allein nicht garantiert: möglichst unveränderte Verarbeitung, möglichst artenreiche Wiese, möglichst wenig Technik zwischen Kuh und Konsument. Das ist nicht romantisch. Das ist handwerkliche Logik. Antoine hätte es vermutlich genauso gesehen.

Walo von Mühlenen

 

Zum Autor
Walo von Mühlenen führt den Familienbetrieb Affineur Walo in fünfter Generation. Mit seiner Tochter Fabiola und seinem Sohn Andreas steht bereits die sechste Generation aktiv im Unternehmen. Affineur Walo wurde 1867 gegründet, hat mehrere Käse-Weltmeistertitel gewonnen und ist nach Unternehmensangaben als erster Affineur weltweit im Historischen Museum Bern vertreten. Die Käsespezialitäten sind in Deutschland unter anderem bei Edeka, Rewe und Galeria Kaufhof erhältlich.
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