Resilienz
Ernährungssicher – auch in der Krise?
Fachgespräch der Grünen stellt Resilienz in Katastrophenfällen auf den Prüfstand
Die Lebensmittelversorgung in Deutschland ist grundsätzlich stabil. Aber wie sieht es im Fall von unvorhergesehenen Ereignissen aus? Bei Stromausfällen, Störungen der Lieferketten, Naturkatastrophen oder hybriden Angriffen? In einem Fachgespräch mit verschiedenen Stakeholdern und Experten nahm die Bundestagsfraktion der Grünen die Ernährungsresilienz der Bundesrepublik in Katastrophenfällen unter die Lupe.
„Ernährungssicherheit ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr“, sagte der Grünen-Abgeordnete Niklas Wagener, Mitglied im Verteidigungsausschuss und Obmann im Agrarausschuss. Die Lebensmittelversorgung werde zunehmend zum Instrument von Machtpolitik. Häfen würden blockiert, Handelsrouten bedroht, Energiepreise destabilisiert und Lieferketten gezielt unter Druck gesetzt. Angesichts dessen, wie verwundbar hochvernetzte Gesellschaften geworden seien, gelte es schon heute präventiv zu handeln und widerstandsfähiger zu werden. „Hybride Angriffe finden längst statt“, so Wagener.
Koordination im Krisenfall
Laut Ophelia Nick, agrarpolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion, fehlt es bislang vor allem an einer übergreifenden Koordination zwischen Bund, Ländern, Kommunen und den Akteuren der Ernährungswirtschaft. Zuständigkeiten und Abläufe für den Krisenfall seien nicht ausreichend geklärt. Ernährungsvorsorge gelinge nur, wenn Staat, Landwirtschaft, Handwerk, Verarbeiter und Lebensmitteleinzelhandel dauerhaft zusammenarbeiten und sich gemeinsam auf unterschiedliche Szenarien vorbereiten.
Zusammenspiel von Eigenproduktion und Handel
Dass was die Versorgung angeht, sowohl Importe als auch die Eigenproduktion mit Risiken verbunden seien, erklärte Bettina Rudloff von der Stiftung Wissenschaft und Politik – erstere durch Abhängigkeit, letztere durch Ineffizienz und Abschottung. Der internationale Handel könne auch als Sicherheitsnetz interpretiert werden, bekräftigte Josef Efken vom Thünen-Institut für Marktanalyse. So sei die EU gemeinsam wesentlich resilienter als ihre einzelnen Länder. Die Energiesolidarität ist im EU-Recht ausdrücklich verankert, sodass Mitgliedstaaten unter bestimmten Voraussetzungen andere Mitglieder unterstützen müssen. Was Nahrungsmittel angeht, sei die Solidarität eher freiwillig, erklärte Efken.
Der Marktexperte hob die Relevanz der Netzsicherheit für den Lebensmittelsektor hervor. Für die Belüftung der Ställe für Geflügel sowie Schweinemast sei die Landwirtschaft hochgradig abhängig von Strom. Über Notstromaggregate blieben die Betriebe nach einem Ausfall für ein paar Tage weiter funktionsfähig – anders sei die Lage allerdings in Schlachthäusern und Molkereien, deren Produktion bei einem Ausfall sofort still stehe.
Wirtschaft beteiligen, Bürokratie reduzieren
Einen nationalen ständigen Krisenstab unter Teilnahme der führenden Wirtschaftsverbände forderte Jörg Migende, Geschäftsführer des Deutschen Raiffeisenverbands. „Wir warten darauf, aktiv werden zu können“, betonte er. Es brauche eine Analyse des Status quo, einen klaren Maßnahmenplan sowie gute Kommunikation. Um die Moral so hoch zu halten wie in der Ukraine, dürften keine übertriebenen Bürokratien aufgebaut werden.
Als „höchste Priorität“ für die Resilienz betrachtet auch Friedemann Berg, Geschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks, den Bürokratieabbau. Vor lauter Dokumentationspflichten kämen die Bäcker nicht mehr zum Backen. 42 Prozent der KMUs überlegten derzeit aufgrund von Bürokratie, ihren Betrieb aufzugeben. Berg schlug daher vor, die Dokumentationspflichten im Zuge eines Belastungsmoratoriums auszusetzen.
Sicherheitsfaktor Vielfalt
Als „absoluter Goldstandard“ für langfristige Resilienz wurden vom Publikum dezentrale Strukturen hervorgehoben. Auch Ophelia Nick betonte die Bedeutung von Vielfalt als Sicherheitsfaktor. „Regionale Verarbeitung, starke handwerkliche Betriebe, mehrere Lieferketten und verlässliche internationale Partnerschaften machen unsere Versorgung widerstandsfähiger“, sagte sie. „Noch haben wir weitgehend dezentrale Strukturen“, meinte Migende. Wenn die Erzeugerpreise nicht stiegen, werde es diese allerdings irgendwann nicht mehr geben.
„Wir müssen priorisieren und über den Tellerrand schauen“, sagte Niklas Wagener. Einen „Operationsplan Ernährungssicherheit“ würde er gerne mit allen Beteiligten erarbeiten. Für einen parteiübergreifenden Resilienz-Tag plädierte Nick. „Jetzt kommt es darauf an, feste Koordinierungsstrukturen aufzubauen und Krisenvorsorge dauerhaft als gemeinsame Aufgabe von Staat und Wirtschaft zu organisieren. Gute Vorbereitung entsteht nicht erst im Ernstfall, sondern lange davor.“







