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Bio auf Italienisch: Wachstum trifft Tradition

Exportweltmeister mit Bodenhaftung

Bio auf Italienisch: Wachstum trifft Tradition
Martin Schröck, Italian Trade Agency, Dolmetscherin Ava Szene und Ferdinando Fiore, Italian Trade Agency (v.l.n.r.)

Wein, Pasta, Olivenöl: Italien exportiert so viele Bio-Lebensmittel wie kein anderes europäisches Land. Über 20 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche werden bereits ökologisch bewirtschaftet. Dabei prägen kleine und mittelständische Betriebe Italiens Bio-Landschaft – und fungieren auch in Deutschland als Botschafter für handwerkliche Lebensmittelqualität. bioPress hat sich mit Ferdinando Fiore, Direktor der italienischen Außenhandelsagentur ITA (Italian Trade Agency) in Berlin, unterhalten. 

bioPress: Herr Fiore, in Deutschland geht es mit dem Bio-Markt weiter aufwärts. Wie ist die Situation in Italien?

Ferdinando Fiore: Für Italien ist Bio ein wichtiger Wachstumsmarkt. Der Gesamtumsatz mit italienischen Bio-Lebensmitteln lag 2024 bei rund 10,4 Milliarden Euro. Davon entfallen 6,5 Milliarden Euro auf den Umsatz im eigenen Land, was einer Steigerung von rund 5,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Noch mehr zulegen konnte die Exportsumme: um sieben Prozent auf knapp 3,9 Milliarden Euro. 

Italien ist damit der wichtigste Bio-Exporteur in Europa. Am meisten wird nach Deutschland exportiert, weitere Zielmärkte sind Frankreich, Skandinavien, die BeNeLux-Länder und die USA. Zu den wichtigsten Exportprodukten aus ökologischer Herstellung zählen Wein, Olivenöl und Getreideprodukte. Für Deutschland ist Italien auch einer der wichtigsten Exporteure von Obst und Gemüse. Der Geschmack ist einfach anders, wenn es nicht im Gewächshaus, sondern im Freien unter der Sonne angebaut wird. Auf der Fruit Logistica waren 400 italienische Aussteller mit dabei und 12.000 Quadratmeter nur für Italien reserviert.

bioPress: Kann die Ökolandbau-Fläche mit dem Marktwachstum mitziehen?

Fiore: 2024 lag die Bio-Fläche bei gut 2,5 Millionen Hektar – 2,4 Prozent mehr als 2023. Insgesamt werden damit bereits über 20 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche ökologisch bewirtschaftet. Italien ist also nicht mehr weit entfernt vom 25-Prozent-Bio-Ziel und landet mit Blick auf die absolute Fläche europaweit auf Platz 3 hinter Spanien und Frankreich. Die meiste Bio-Fläche befindet sich in Süditalien: in Sizilien, Apulien oder Kalabrien. Der Fokus liegt dort auf dem Anbau von Obst und Gemüse, Oliven, Wein oder Artischocken.

bioPress: Wird der Ausbau des ökologischen Landbaus in Italien politisch unterstützt?

Fiore: Ja, es gibt eine Reihe von Maßnahmen, um sowohl den Anbau als auch den Vertrieb und Konsum anzukurbeln. Die Bio-Umstellung wird sowohl regional als auch national finanziell unterstützt und es bestehen Bestrebungen, die Bürokratie zu vereinfachen. Außerdem existieren Bildungsprogramme an Schulen und Universitäten sowie Kommunikationskampagnen. Seit 2017 fördern Regionen und Kommunen per Dekret den Einsatz von Bio-Produkten in der Schul- und Kindergartenverpflegung. Bis 2023 konnte der Bio-Anteil in diesem Bereich verdreifacht werden. 

bioPress: Wie sieht es mit der Exportförderung aus?

Fiore: Dafür sind wir bei der ITA zuständig. Wir unterstützen kleine und mittelständische Unternehmen dabei, auf dem internationalen Markt Bekanntheit zu erlangen. Auf der Biofach sind dieses Jahr 65 Aussteller am Gemeinschaftsstand der ITA vertreten und profitieren damit von einer günstigen Messebeteiligung. Evaluationen zeigen, dass unsere Förderung für die Positionierung der Unternehmen am internationalen Markt wirklich einen Unterschied macht.

bioPress: Ist auch in Italien ein Strukturwandel erkennbar, der kleine Unternehmen dazu zwingt aufzugeben? 

Fiore: Ja, auch bei uns kämpfen KMUs ums Überleben. Es gibt in Italien aber immer noch sehr viele mittelständische Familienbetriebe und auch kleine Unternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitern. Viele schließen sich zu Kooperativen zusammen. 

Mit Blick auf den Bio-Bereich wächst die Anzahl der Unternehmen. Im Moment haben wir hier über 87.000 Bio-Höfe und rund 10.000 Bio-Verarbeiter – darunter viele Mittelständler und Spezialitätenhersteller.

bioPress: In Deutschland ist die Bio-Vermarktung im Naturkostfachhandel, wo sie einst ihren Schwerpunkt hatte, auf unter 20 Prozent zurückgegangen, während 70 Prozent im LEH (inklusive Drogerie und Discount) vermarktet werden. Wie ist die Situation in Italien?

Fiore: Auch hier wird Bio hauptsächlich in Supermärkten gekauft. Der LEH liegt bei einem Bio-Markt-Anteil von knapp 65 Prozent. Auf Naturkost- und Fairtradeläden oder auch Wochenmärkte entfallen zusammen rund 20 Prozent der Bio-Umsätze, auf den Discount 15 Prozent. Bio-Produkte findet man inzwischen überall. Dabei wird etwa in der Einzelhandelskette Coop auch viel regionales Bio-Obst und -Gemüse verkauft. 

bioPress: Welche Bio-Produkte sind italienische Bestseller in Deutschland? Und was fehlt noch in den Regalen?

Fiore: Italienische Verkaufsschlager sind zum Beispiel Oliven, Wein, Pasta, Reis, Backwaren, Süßwaren, Obst und Gemüse, Tomatenkonserven und Käse. Spezialitäten wie Bio-Parmaschinken sind im Supermarkt noch eher selten zu finden. 

bioPress: Arbeiten Sie mit Kaufleuten zusammen, um solche Lücken zu schließen?

Fiore: Wir haben immer Interesse an gemeinsamen Projekten mit dem LEH. Allerdings setzen wir bei den Zentralen an, weil sonst der Verwaltungsaufwand zu groß ist. Für die Zusammenarbeit mit vielen einzelnen Kaufleuten fehlen uns leider die Kapazitäten.

bioPress: Vor wenigen Wochen wurde die italienische Küche zum immateriellen UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Welche Bedeutung hat das für Sie?

Fiore: Das ist für uns eine wundervolle Auszeichnung und ein großer Erfolg. Die italienische Küche hat eine jahrtausend- alte Tradition. Dazu gehören nicht nur Zutaten und Rezepte, sondern auch der kulturelle Wert davon, mit verschiedenen Generationen gemeinsam am Tisch zu sitzen. Viele Entscheidungen werden in Italien bei Tisch getroffen. 

Nicht zuletzt ist die Auszeichnung auch eine große Anerkennung für italienische Produkte auf internationaler Ebene. Es wird dadurch zum Beispiel der Schutz vor vermeintlich italienischen Produkten, die aber nicht in Italien hergestellt wurden, gestärkt. In Italien gibt es 585 Produkte mit ‚geschützter Ursprungsbezeichnung‘ (g.U.) und 266 Produkte mit ‚geschützter geografischer Angabe‘ (g.g.A.) – das sind mehr als in jedem anderen Land in Europa. Sie zeichnen sich durch traditionelle Rezepte und handwerkliche Verfahren aus – und sind oft gleichzeitig Bio-zertifiziert. Bio ist in Italien kein Trend, sondern Teil unserer Esskultur.

Interview: Erich Margrander 
und Lena Renner

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