FÖL
Der Weg zur Bio-Hauptstadt
Die FÖL engagiert sich als Bio-Motor der Region Berlin-Brandenburg
Als die Bio-Branche in Berlin noch in den Kinderschuhen steckte, nahm die Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg (FÖL) e.V. ihre Arbeit auf: als Impulsgeber, Brückenbauer und Sprachrohr. Heute ist die Hauptstadtregion bundesweit Vorreiter, was den Bio-Absatz, Flächenanteil und innovative Wertschöpfungsketten angeht. Mit Projekten von Kartoffeln über Linsen bis zu regionalem ‚RoggReis‘ setzt die FÖL neue Akzente und begleitet die Entwicklung.
Vor gut 25 Jahren wurde die Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg (FÖL) als gemeinnütziger Verein in Berlin gegründet. Anlass war eine Diplomarbeit im Bereich Landschaftsökologie von Michael Wimmer, zur „Konzeption einer verbandsübergreifenden Öffentlichkeitsarbeit für den ökologischen Landbau in Berlin und Brandenburg“.
Seit dieser Zeit erfuhr der Bio-Markt in und um Berlin eine enorme Entwicklung – bis hin zum größten Bio-Absatzmarkt der Republik. Im Bereich von Bio-Frische geben Berliner heute 12,5 Prozent für Bio aus – der Bundesschnitt liegt bei acht Prozent. Brandenburg war 2024 erneut das Bundesland mit dem nominell größten Bio-Flächenzuwachs in Deutschland. Mit einem Bio-Anteil von rund 18 Prozent ist es neben dem Saarland das Bundesland mit dem höchsten Bio-Flächenanteil. Mittlerweile wirtschaftet hier jeder fünfte Landwirtschaftsbetrieb ökologisch, der Anteil liegt bei 22,1 Prozent.
Von der Wende zur Bio-Hauptstadt
„In der DDR war die Wertschöpfung komplett zentral organisiert“, erzählt Wimmer. Nach der Wende seien die bestehenden Strukturen dann „gnadenlos zusammengebrochen“. Unabhängig von der Berliner Strukturpolitik sei es der Bio-Branche in den folgenden Jahren gelungen, eigenständige Strukturen zu entwickeln, samt Fleischereien, Bäckereien und Metzgereien. „Die drei größten Molkereien in Brandenburg sind Bio-zertifiziert“, so Wimmer.
Hand in Hand ging die Entwicklung mit dem Naturkostfachhandel: Die Wettbewerbssituation in der Hauptstadt ist mit Blick auf den Bio-Handel deutschlandweit einmalig. Die Bio-Supermärkte LPG und Bio Company wurden schon in den 90er Jahren in Berlin gegründet. Die LPG betreibt aktuell zehn Märkte, die Bio Company ist heute mit 56 Filialen immer noch Marktführer. Alnatura und Denns fassten erst später, Mitte der 2000er Jahre in Berlin Fuß. Inzwischen ist Denns mit 54 und Alnatura mit 21 Filialen vertreten.
LEH versorgt hybride Konsumenten
„Dieses Nebeneinander, die Konkurrenz hat das Geschäft beflügelt“, berichtet Wimmer. In Berlin hätten Verbraucher keine Hemmungen, im Bio-Supermarkt einkaufen zu gehen. Auch in der Hauptstadt gewinnt jedoch der LEH als Bio-Absatzkanal neben den Pionieren mehr und mehr an Relevanz. Im Jahr 2024 konnten Edeka und Rewe laut FÖL ihren Bio-Absatz in Berlin um mehr als neun Prozent steigern. Die Verschiebung der Bio-Umsatzanteile vom Naturkostfachhandel zum LEH setzt sich weiter fort. Ist der Fachhandel in der Hauptstadt momentan mit 141 Bio-Supermärkten vertreten, so gibt es von Edeka und Rewe jeweils über 150 Märkte.
„Der Erfolg von Bio hängt vom hybriden Konsumenten ab“, weiß Wimmer. Dazu zähle eine „absolute Mehrheit“ in der Bevölkerung. Nur eine immer kleiner werdende Minderheit sei überhaupt nicht für Bio erreichbar. „Wir rollen den roten Teppich für alle Verbraucher aus – egal, ob sie im Fachhandel oder SEH einkaufen.“
Transparenz hat heilende Wirkung
Noch heute ist die Öffentlichkeitsarbeit für den Ökolandbau eines der Standbeine der FÖL. „Wir bereiten alles für Verbraucher auf, was es zum Thema Bio zu wissen gibt“, stellt Wimmer klar. Der Verein engagiert sich mit Pressearbeit und organisiert niedrigschwellige Infotainment-Veranstaltungen, Hoffeste, Führungen – oder einen Erlebnis-Bauernhof auf dem Areal der Hauptstadt. „Es geht darum, Berührungsängste zu überwinden und ins Gespräch zu kommen – ohne erhobenen Zeigefinger“, erklärt der FÖL-Gründer. „Die Leute sollen sich ihre eigene Meinung bilden können.“
Mittlerweile gehen die FÖL-Aktivitäten weit über das Leitthema Verbraucherkommunikation hinaus: vom Gemeinschaftsmarketing bis zum Aufbau neuer Wertschöpfungsketten. „Von Anfang an haben wir die gesamte Wertschöpfungskette im Blick gehabt“, so Wimmer. Durch die jahrelange Begleitung besitzt der Verein heute einen umfassenden Überblick über die Bio-Branche in Berlin – weiß, wer wo steht, wer was kann und wer wohin will. So können weiße Flecken und Lücken am Markt identifiziert werden. „Informationsasymmetrien auflösen und für Transparenz am Markt sorgen hat per se schon heilende Wirkung“, weiß Wimmer. Die FÖL koordiniert, versucht, passende Unternehmen zusammenzubringen und engagiert sich durch Projekte für den Aufbau neuer Lieferbeziehungen.
Kartoffeln, Linsen und Reis aus Roggen
Hauptverantwortlich für die Projektarbeit ist der studierte Kommunikationswirt und BWLer Gerald Köhler, der den Verein seit acht Jahren als Co-Geschäftsführer leitet. Als Auftaktprojekt nahm sich die FÖL im Jahr 2017 Kartoffeln und Gemüse vor. Die Nachfrage nach regionalen Bio-Kartoffeln war groß, wurde aber größtenteils mit Ware aus Niedersachsen gedeckt. „In Brandenburg gab es zwar einige Produzenten, aber sie waren kaum miteinander vernetzt“, erzählt Köhler. „Dabei haben wir in der Gegend ein Riesenpotenzial gesehen!“ Die sandigen Böden seien für den Anbau perfekt, nur Lagerkapazitäten und Know-how hätten gefehlt. Zur Abhilfe hat die FÖL gemeinsam mit der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) Feldtage, ein Mentorenprogramm und Exkursionen organisiert. „Das hat gut funktioniert, die Landwirte lechzen nach Vernetzung“, so Köhler. Nach erfolgreicher Strukturarbeit gibt es heute mehrere Kühllager, die Anbaufläche für Bio-Kartoffeln konnte bei den Projektbetrieben mehr als verdoppelt werden und ein Brandenburger Verarbeiter ist jetzt Bio-zertifiziert und bietet seit 2019 geschälte Bio-Kartoffeln für Großküchen.
Ebenfalls erfolgreich angelaufen ist ein Projekt, das das Nischenprodukt Linse im Brandenburger Bio-Anbau etablieren will. Acht Landwirte werden dabei mit externem Know-how aus der Praxis sowie bei der Verarbeitung und Vermarktung unterstützt. Die ersten Brandenburger Bio-Linsen sind über den Großhändler Terra Naturkost bereits bei der Bio Company erhältlich.
Um das Brandenburger Identifikationsprodukt Roggen dreht sich das Projekt ‚RoggReis‘, das ganz neu im vergangenen Jahr gestartet wurde. Bio-Roggen soll hierbei als regionale Alternative zu importiertem Reis entwickelt werden und damit neue Absatzmöglichkeiten finden. „Milchreis-Ersatz gelingt schon super“, berichtet Köhler. Für eine Alternative zu Langkorn-Naturreis werde momentan daran gearbeitet, eine bröselige, lockere Konsistenz zu erzielen. Als Entwicklungspartner will die Kantine Zukunft den RoggReis in Berliner Großküchen bringen. Langfristig soll das Produkt ein „Verkaufsschlager – made in Brandenburg“ werden. „Roggen kann preislich mit Reis mithalten und seine Ökobilanz ist um einen Quantensprung besser!“, betont Wimmer.
Mittlerweile sind 25 Mitarbeiter bei der FÖL angestellt. Der Verein hat 450 Mitglieder: 120 Privatpersonen, 30 Initiativen und Verbände und 300 Unternehmen, die mit Bio ihr Geld verdienen – aus Erzeugung, Verarbeitung, Großhandel, Einzelhandel oder Catering. Dabei zahle keiner mehr als 6.000 Euro, sodass ökonomische Abhängigkeit vermieden werde und Egoismen außen vor blieben. Ein besonderer Schwerpunkt liegt im handwerklichen Bereich, bei Bäckern, Fleischern und Molkereien. Dabei sei die FÖL niedrigschwellig organisiert. Ihren Ursprung hat sie in der Naturkostfachhandelsbranche, es dürfe und solle aber jeder Mitglied werden, der die Ziele des Vereins unterstützt – auch ein konventionelles Unternehmen. „Wir haben da keine Scheuklappen auf – im Gegenteil“, so Köhler.
Lena Renner







