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Genetisch oder nicht-genetisch?

Personalisierte Ernährung ist beliebt und umstritten

Genetisch oder nicht-genetisch? © DHBW Heilbronn
Expertentreffen der Personalisierten Ernährung im Oktober 2021 in Heilbronn. V.l.n.r.: Prof. Dr. Uwe  Mertens, Direktor Klinik für Innere Medizin, SLK-Kliniken Heilbronn; Prof. Dr. Lars Steinmetz, Professor for Genetics, Stanford University, USA, Arbeitsgruppenleiter EMBL Heidelberg; Prof. Dr. Nicole Graf, Rektorin der DHBW Heilbronn; Prof. em. Dr. Hannelore Daniel, ex Technische Universität München; Manfred Weigler, Geschäftsführung Dieter Schwarz Stiftung; Prof. Dr. Katja Lotz, Studiengangleiterin BWL Food Management, Projektleiterin Personalisierte Ernährung DHBW Heilbronn

Von ‚personalisierten Lebensmitteln‘, wie sie der Bio-Hersteller mymuesli anbietet, zu Gentests mit persönlichen Ernährungsempfehlungen und der digitalen Anamnese über Smart Watches inklusive der Furcht vor Überwachung: Die Personalisierte Ernährung bietet ein ambivalentes und spannungsgeladenes Forschungsfeld, das Gesundheitsfragen mit dem Thema Digitalisierung verbindet und im Corona-Zeitalter eine neue Brisanz erlangt hat. Ganz vorne mit dabei: die Duale Hochschule Baden-Württemberg.

„Das genetische Profil, die vielfältigen epigenetischen Veränderungen der Genexpression sowie das hochgradig individuelle Profil der Darmflora schaffen weit mehr individuelle Alleinstellungsmerkmale, als es Menschen auf der Erde gibt“, so Katja Lotz im Interview mit der Wissensplattform Nutrition Hub.

Die Ökotrophologin, Professorin und Leiterin des Studiengangs BWL-Food Management ist hauptverantwortlich für das Forschungsprojekt Personalisierte Ernährung an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn. Als anwendungsorientierte Hochschule will die DHBW eine Schnittstelle zwischen BWL und Ernährungswissenschaften bilden und dafür sorgen, dass das Thema nicht „im Elfenbeinturm der Wissenschaft“ versandet.

Dafür möchte das Team um Projektleiterin Lotz eine ganzheitliche Strategie erarbeiten, die das Gesunderhaltungspotenzial mittels Ernährung maximiert.

Faktoren wie die individuelle Akzeptanz, die Freude am Essen, die persönlichen Risikofaktoren für nicht-übertragbare Krankheiten, aber auch die Rolle einzelner Nährstoffe und Lebensmittel sollen miteinfließen.

Davon verspricht sich das Projekt große Fortschritte: Nicht nur das Risiko für Adipositas, auch das Risiko für Krebs, Bluthochdruck, Diabetes Typ 2 oder Altersdemenz soll reduziert werden. Die Ganzheitlichkeit des Ansatzes und die Tiefe der Individualisierung seien Alleinstellungsmerkmale im Vergleich zu anderen Arbeitsgruppen.

Prävention statt Behandlung

Nach der Herangehensweise der Salutogenese blickt der präventive Forschungsansatz darauf, was den Menschen gesund hält, wie er unterschiedlich mit Stressoren umgeht, die eine unterschiedliche Wahrnehmung des körperlichen Wohlbefindens auslösen, und warum.

So reagiere etwa nur eine gute Hälfte der Bevölkerung auf eine erhöhte Zufuhr von Kochsalz mit einer Blutdrucksteigerung. Bei einem Drittel tue sich gar nichts und vier bis fünf Prozent reagierten sogar mit einer Blutdrucksenkung. Auch der Body Mass Index hat nach einer Studie aus 1997 eine starke genetische Komponente: von 50 bis 90 Prozent.

„Es ist überhaupt kein esoterischer Ansatz“, betont Lotz. Menschen könnten darüber viel besser mit ihrer Gesundheit umgehen als beim rein gesundheitsfokussierten Ansatz. Definiert hat die DHBW das Konzept als „eine über allgemeine Ernährungsempfehlungen hinausgehende, individualisierte Ernährung, die den eigenen Gesundheitsstatus und das Wohlbefinden nachhaltig optimiert.“

Real-World-Daten, Umfragen und klinische Forschung

Methodisch will die Hochschule ein Review erstellen über den aktuellen Forschungsstand in Deutschland, der EU und global. Mit Hilfe der Delphi-Methode haben die Forschenden eine Expertenbefragung durchgeführt, als Prognoseverfahren, um längerfristige Tendenzen zu erkennen. Vielfältige Themenfelder wie Genom, Mikrobiota, Verbraucherverhalten, Motivation/Akzeptanz, Technologie, Verbraucherschutz und Markt/Handel wurden dabei abgedeckt.

Auch bei der übrigen Forschung sollen nicht nur klinische Studien, sondern auch Real-World-Daten verwendet werden – das sind im Versorgungsalltag generierte Daten, die anonym aus medizinischen Registern, Abrechnungen von Krankenkassen oder elektronischen Patientenakten erhoben werden. Die Phänotypisierung werde im Vordergrund stehen, unterstützt durch KI, Sensoren und Algorithmen.

Verbraucher von aufgeschlossen bis skeptisch

Als Riesenthema und Herausforderung bleibt bei dem digitalisierten Konzept das Datenschutzproblem im Raum stehen. Anbieter personalisierter Ernährungsempfehlungen sollten sich gewissenhaft mit Datenschutzrechten auseinandersetzen, fordert die DHBW und sieht zur Umsetzung Politik, Gesetzgebung und Verbraucherschutz in der Pflicht.

Drei verschiedene DLG-Studien wurden im Sommer 2019 zum Thema ‚Personalisierung und Ernährung‘ durchgeführt, aufgeteilt in ‚Personalisierte Lebensmittel‘, ‚Personalisierte Ernährung‘, ‚Personalisierung beim Lebensmittelkauf und Ernährungs-Apps‘.

Was die Aufgeschlossenheit der Konsumenten für das neue Ernährungskonzept anbelangt, so steht demnach noch rund ein Viertel dem Konzept sehr ablehnend gegenüber. Erst zehn Prozent nutzten überhaupt eine App zum Thema Ernährung oder Essen & Trinken. 58 Prozent wären aber grundsätzlich gegenüber Analysen für persönliche Ernährungsempfehlungen auf Grundlage von Fragebögen bereit. Bei DNA- oder Mikrobiom-Analysen schrumpft die Zahl auf 38 Prozent.

In der Praxis wird personalisierte Ernährung momentan vor allem von Menschen der oberen Einkommensklassen angewendet. Es gibt zwar zahlreiche Anbieter, die umfangreiche Pakete vom persönlichen Profil inklusive DNA-Test bis zum Ernährungsplan und Coachingtreffen versprechen, der Preis von mehreren hundert Euro dürfte viele neugierige Nutzer jedoch abschrecken.

Wissenschaftliche Evidenz steht noch aus

Aktuell bleibt zudem noch viel wissenschaftliche Unsicherheit. Die meisten bisherigen Ergebnisse kommen aus Beobachtungsstudien mit wenig Aussagekraft sowie aus nicht-randomisierten kontrollierten Studien. Die TU München steht dem Ansatz daher eher skeptisch gegenüber. In einer Analyse verschiedener Fachartikel aus dem Jahr 2018 habe man noch keinen eindeutigen Beleg für die Einflussnahme genetischer Faktoren auf die Gewichtszunahme entdeckt. Zwischen dem sogenannten FTO-Gen, das lange Zeit als DAS Gen für Adipositas beschrieben wurde, und der Gewichtszunahme konnte kein Zusammenhang hergestellt werden.

Für Christina Holzapfel, die an der TUM zum Gewichtsmanagement durch personalisierte Ansätze forscht, fehlt es noch an Evidenz für genbasierte Ernährungsempfehlungen. Nach der aktuellen Literatur hätten Genotyp und Mikrobiom bisher kaum klinische Relevanz. Der genetische Effekt sei zwar da, aber vielleicht weniger groß, als man annimmt. Die Genetik sei außerdem nur ein Baustein neben anderen Einflussfaktoren wie Metabolismus, Mikrobiom, Phenotyp, Umgebung, Sport und Ernährungsgewohnheiten.

Trotz Zweifel und Unsicherheit: Bei den wichtigsten Ernährungstrends 2022 von Nutrition Hub landete die personalisierte Ernährung auf Platz 5. Der Markt für eine genau an die individuellen Bedürfnisse angepasste Ernährung wächst kontinuierlich. Für das wissenschaftliche Fundament und die Glaubwürdigkeit wird in Heilbronn und München weiter geforscht.

Lena Renner

 

Das Forschungsprojekt Personalisierte Ernährung an der Hochschule wird von der Dieter Schwarz Stiftung gefördert. Während die DHBW sich auf die Präventionsforschung in der personalisierten Ernährung fokussiert, forscht das Klinikum Heilbronn in der klinischen Medizin. Dazu sind die Stanford University School of Medicine / EMBL Heidelberg in der Grundlagenforschung und Bestimmung von Genom- und Epigenom-Sequenzen aktiv.

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