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Anuga 2021: Messeneustart mit Kompromissen

Bio wird hinter zelluläre Landwirtschaft zurückgedrängt

Anuga 2021: Messeneustart mit Kompromissen © bioPress, LT
Leere Tische statt Leben: Zwischen den belegten Hallenflächen blieben bei der Anuga 21 lieblos gestaltete Ecken – so auch gegenüber des geschrumpften Organic Markets.

Mit der Anuga 2021 wagte die Koelnmesse einen mutigen Neustart ins Messegeschehen, nachdem die Pandemie lange Zeit alle großen Präsenzveranstaltungen vereitelt hatte. Hygienemaßnahmen, 3G-Regel und das digitale Zusatzangebot der Anuga @home waren als neue Herausforderungen zu bewältigen. Der Standard, der sich für das Thema Bio in den letzten Jahren etabliert hat, konnte dabei nicht gehalten werden: Die Prioritäten wurden anderweitig gesetzt.

Rund zwei Drittel der Hallenflächen konnten bei der 36. Ausgabe der Anuga, die vom 9. bis 13. Oktober 2021 in Köln stattfand, mit 4.600 Ausstellern belegt werden. Die Besucherzahl war mit 70.000 im Vergleich zu 170.000 in der letzten Ausgabe stark dezimiert. Wie gewohnt war die Messe sehr international aufgestellt – über drei Viertel der Besucher und 92 Prozent der Aussteller kamen aus dem Ausland.

Sowohl Aussteller als auch Teilnehmer freuten sich, nach über einem Jahr Corona-Pause endlich wieder an einer physischen Messe teilnehmen zu dürfen. Auch wenn nicht die gewohnte Besuchermenge durch die Gänge strömte, waren viele Aussteller mit der Qualität der Kontakte zufrieden. Dass die gewohnten Produktverkostungen ein paar Tage vor Messebeginn doch noch erlaubt und der Mundschutz an festen Plätzen abgenommen werden durfte, trug zum Eindruck eines ‚normalen‘ Messegeschehens bei.

Gemischtes Feedback von Ausstellern

„Wir blicken auf eine effektive und sehr schöne Messe zurück, bei der sich ein Gefühl der Normalität, einstellte“, so Claudine Vrooijink, Marketingmanagerin bei Brinkers. Auch vom italienischen Gemeinschaftsstand gab es positives Feedback. „Alle unsere 149 Aussteller haben sich sehr glücklich geschätzt, ihre Geschäftspartner wieder persönlich treffen zu können sowie neue Kontakte zu knüpfen“, meinte Francesco Alfonsi, Direktor des Berliner Büros der Italian Trade Agency (ITA). Andere waren weniger glücklich. In manchen Ecken war schlicht nichts los und die Aussteller warteten vergeblich auf Einkäufer, sodass Mitarbeiter sogar frühzeitig wieder abreisten.

Auch mit der Organisation waren nicht alle zufrieden. Dass die Eintrittstickets ausschließlich über die Anuga-App im Handy vorgezeigt werden konnten, führte zu Beschwerden. Dazu passierten Fehler beim Versenden der Ticketcodes, die nur unter viel Kommunikationsaufwand behoben werden konnten, und nur wenige berichteten von einer gänzlich reibungslosen Anmeldung. Langjährige Aussteller waren über verstaubte Stellen in den Hallen überrascht, die es bisher bei der Anuga nicht gegeben hätte: Schon beim Aufbau seien in den Vorjahren ständig Reinigungstrupps unterwegs gewesen. Die sah man im Herbst 2021 nur selten. Die Gänge in der Bio-Halle wurden vor Messebeginn nur trocken gefegt, nicht nass gereinigt und auch nicht geschwärzt, wie das bisher immer üblich war. So machte es sich doch bemerkbar, dass in diesem Jahr an vielen Ecken und Enden gespart werden musste.

Bio mit vielen Abstrichen

Nachdem das Thema Bio bei der diesjährigen Ausgabe noch nicht einmal wie gewohnt zu den ‚Food Trends‘ gerechnet wurde, ist es nicht verwunderlich, dass das Spardiktat auch vor dem Bio-Bereich nicht Halt machte. Noch im Mai hatte Oliver Frese, Chief Operating Officer der Koelnmesse, die zentrale Rolle von Bio bei einer nachhaltigen Ernährungswende hervorgehoben. In den letzten 20 Jahren hat sich Bio auf der Anuga positiv entwickelt, 2019 gab es in den Hallen 3.000 Aussteller mit Bio-Produkten, ein großes Organic Forum mit 28 Veranstaltungen und einen Organic Market mit 2.000 Bio-Artikeln. Während Corona dem deutschen Bio-Markt einen noch nie gesehenen Boom beschert hat, ist das Thema bei der Anuga 2021 in den Hintergrund gerückt.

Obgleich die Messeleitung die Anwesenheit von 2.000 Ausstellern mit Bio-Produkten kommunizierte, ergab die Online-Suche noch kurz vor Messebeginn eine Zahl im dreistelligen Bereich, bei Messeende schließlich 1.313. Waren auch in diesem Jahr ursprünglich rund 30 Veranstaltungen für das Anuga Organic Forum geplant, reichten die Kapazitäten am Ende nur für sechs davon, die den Teilnehmern nicht einmal als Live-Stream sondern nur als Aufzeichnung über die Anuga @home zur Verfügung standen. Zwar wurden trotz Corona hybride Vor-Ort-Kongresse (inklusive Livestream) angeboten – die wurden aber überwiegend von der ‚New Food Conference‘ eingenommen, die zelluläre Landwirtschaft und Laborfleisch in den Mittelpunkt rückte, also Produkte, die noch nicht einmal im Markt zu finden sind. Daneben war nur noch Platz für das Thema Personalisierte Ernährung und die ZNU-Zukunftskonferenz. Bio-Interessenten mussten auf Interaktion mit den Referenten verzichten – diese hätten sich lediglich per Live-Chat zuschalten können, um Fragen zu beantworten.

Auch die Sonderschau Anuga Organic Market war auf ein Drittel der noch 2019 präsentierten Bio-Produkt-Vielfalt geschrumpft. „Es ist ein Wunder, dass er überhaupt zustande kam“, kommentiert bioPress-Herausgeber Erich Margrander, der den Markt zum zehnten Mal organisierte. Die Kommunikation mit den Verant- wortlichen sei in diesem Jahr sehr schwierig gewesen, die Vorgaben seien ständig verändert worden.

Dennoch gab es am gewohnten Platz hinten in der Halle 5.1 einen steten Strom von Interessenten, die Fotos machten und Fragen stellten. Besondere Anziehungspunkte waren die Obst und Gemüse-Abteilung, bestückt von Landgard Bio, die Unverpackt-Station des Anbieters HL Display mit Ware von Bode Naturkost, der frisch ausgeschenkte Kaffee des Startups Cofi Loco und die duftenden Croissants und das echt französische Baguette von Délifrance.

Interesse weckten auch die neue Schweizer Schokoladen-Marke Munz, süße Aufstriche vom Bio-Marktführer Brinkers und von One Organic Nature Ecology und nicht zuletzt Riegel von Loveshock, The New Company und Goodlife. Die süßen Henry’s Snacks von Lambertz und Nut Clusters von naturally pam in handlichen Kleinverpackungen waren neu auf dem Markt.

Wertform präsentierte 32 Heißgetränke seiner Kaffee-Marke Mount Hagen, Kräutertees und Gewürze wurden vom Bio-Pionier Wurdies dem Bio-Vollsortiment beigesteuert. Das Kaltgetränke-Regal war bestückt mit den Beutelsbacher Bio-Getränkemarken Isis und Eos, Guave-Saft von Widerker sowie Smoothies und Kräutersäften aus Dänemark. Die SB-Wurst vom spanischen Unternehmen Casademont und dem Franzosen Lacoste, von Börner Eisenacher und der Firma Eggelbusch vertraten das Fleischangebot.

Ruf präsentierte über 30 verschiedene Nährmittel. Der klassische Bio-Hersteller Antersdorfer Mühle stand dem mit 27 Artikeln, die bisher dem Fachhandel vorbehalten wa-ren, in nichts nach. Die Frischeabteilung belegten unter anderen Ella’s Basenbande mit neuen Frühstücksgerichten, Fleischwerke Zimmermann mit gefüllten Nudeln, Complete Organics mit fermentierten Gemüsen im Glas und Lotus mit vegan gefüllten Bratlingen. Bilder von den Regalen des Anuga Organic Markets auf den bioPress-Webseiten zeigen weitere Produkte und Anbieter.

Lena Renner
 


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