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Mehr Bio – mit Transparenz und Fairness

Schweizer Gäste bestimmten den 13. Donnerstagstalk am bioPress Square & Fair Table

Mehr Bio – mit Transparenz und Fairness

Ist ein ‚faires‘ Produkt überhaupt möglich? Wie müssen Händler und Lieferanten zusammenarbeiten, um gerechte und transparente Wertschöpfungsketten zu erreichen? Und wie kann man Konsumenten für Bio und Fairtrade begeistern? Beim 13. Donnerstagstalk gaben Adrian Wiedmer, Geschäftsführer der Fairtrade-Pionierin gebana, und Salome Hofer, Nachhaltigkeitsverantwortliche der Coop Schweiz, Einblicke in die Schweizer Bio-Wirtschaft. Die Moderation übernahm der Schweizer Bio-Experte Peter Jossi. Rund 20 Interessierte verfolgten das Gespräch.

Bereits in den 70er Jahren ist gebana als Bewegung für einen gerechteren Handel entstanden. Seit 1998 ist die gebana AG selbst als Handelsunternehmen aktiv und hat direkten Kontakt zu Bauern im globalen Süden aufgebaut. Heute gibt es Tochterfirmen in Brasilien, Burkina Faso und Tunesien und einen eigenen Online-Shop, in dem Konsumenten aus der Schweiz und den Nachbarländern Bio-Fairtrade-Produkte erwerben können.

Seit gut 20 Jahren sei das Geschäftsmodell auch auf Bio fokussiert, erzählte Geschäftsführer Adrian Wiedmer im Donnerstagstalk. Über 90 Prozent des Angebots sei Bio-zertifiziert. „Wir machen nur Ausnahmen, wenn es gute Gründe dafür gibt.“ Während Corona sei gebana etwas schweizerischer geworden. Landwirte mit Absatzproblemen hatten sich an das Unternehmen gewandt, und so hat gebana heute neben Südfrüchten, Schokolade und Nüssen auch Glarner Alpkäse im Online-Shop. Das Herz der Firma schlage aber weiterhin vor allem für die Kleinbauern im Süden.

Fairer Handel als Prozess

„Es gibt kein gerechtes Produkt“, betonte Wiedmer. Zwar sind gebana-Artikel über die Schweizer Max-Havelaar-Stiftung Fairtrade-zertifiziert, man sieht aber die Gefahr, dass im Handel mit dem Label ein Minimum angestrebt wird. Kurzfristig denkende Großkonzerne verwendeten einzelne Fairtrade-Produkte als Marketing-Instrument, seien aber nicht ganzheitlich an fairen Wertschöpfungsketten interessiert. Deshalb vermeidet gebana inzwischen die Bezeichnung ‚fair‘ auf ihren Produkten und möchte damit dem Prozesscharakter des fairen Handels gerecht werden.

Auf eine Publikumsfrage nach dem Absichern von Investitionen unterstrich Wiedmer, wie wichtig es sei, das Risiko zu verteilen. In den letzten Jahren hat gebana dafür zunehmend auch auf Crowdsourcing-Projekte gesetzt – so etwa aktuell mit der groß angelegten Kampagne ‚Walls against Walls‘, die den Bau einer Fabrik für Bio-Produkte in Burkina Faso ermöglichen soll. Als Dankeschön können Spender Kunstdrucke von zahlreichen internationalen Künstlern auswählen, die das Projekt unterstützen. In Tunesien und Brasilien sei es gebana bereits gelungen, eigenständige Firmen zu entwickeln, „die nicht an unserem Tropf hängen“. Sicherheit böten außerdem langfristige Verträge mit Großkunden wie Coop. 

Lieferanten fair behandeln

Die Großgenossenschaft, die seit langem einen wichtigen Treiber für Bio in der Schweiz darstellt, ist für Wiedmer ein vorbildlicher Handelspartner. Während anderswo die Einkaufs- und Nachhaltigkeitsabteilungen fatalerweise völlig unterschiedlich gemanagt würden, laufe die Verknüpfung der Nachhaltigkeitsabteilung mit den operativen Abteilungen bei Coop optimal. Händler, die ihre Partner bei den kleinsten Problemen fallen ließen, könnten dagegen viel kaputt machen. „Wie gehen Firmen mit Lieferanten um, wenn’s mal nicht so gut geht?“ Diese Frage sei bei der Bewertung von Unternehmen womöglich noch höher zu gewichten als Label.

Mit knapp über 4.000 Lieferanten nur für den Einzelhandel hat die Coop dabei keine leichte Aufgabe, wie Salome Hofer klarmachte. 90.000 Mitarbeiter hat das Unternehmen heute europaweit, 55.000 davon in der Schweiz. Neben dem LEH ist die Genossenschaft auch im Großhandel und in der Lebensmittelproduktion aktiv. Bereits seit den 70er Jahren sei das Thema Nachhaltigkeit in den Coop-Grundsätzen verankert. Als aktuelle Schwerpunkte nannte Hofer Sozialstandards, das Reduzieren von Lebensmittelabfällen und den Umgang mit kritischen Rohstoffen wie Palmöl, Soja, Mandeln oder Fleisch. Der enge Austausch mit den Einkäufern sei entscheidend, um Probleme in der Lieferkette zu erkennen. Transparenz und Rückverfolgbarkeit zu gewährleisten bleibe aber eine ständige Herausforderung. Einfacher sei es mit den eigenen Lebensmittelproduktionsbetrieben, wo man noch offener und direkter sprechen könne.

Bio-Vollsortiment und die Markenfrage

Was das Thema Bio angeht, so hat Coop im letzten Jahr mit einem Umsatzanteil von 15 Prozent die Zwei-Milliarden-Marke überschritten. 4.500 Produkte umfasst das aktuelle Bio-Sortiment. Rund die Hälfte davon laufe unter Eigenmarke, Tendenz eher steigend. bioPress-Herausgeber Erich Margrander lobte Coops Vorreiterrolle auf dem Weg zum Bio-Vollsortiment im LEH. Zugleich bedauerte er aus Konsumentensicht den Ausbau der Eigenmarke, durch den nicht dieselbe Produktvielfalt wie bei der Aufnahme vieler verschiedener Herstellermarken geboten werden könne. Auch Adrian Wiedmer hatte zu Beginn des Talks die Markenvielfalt als wichtiges Instrument, um Bio und Fairtrade aus der Nische zu holen, hervorgehoben. Innovative Produkte seien nicht von Werten abhängig und könnten die Leute besser als das Gewissen erreichen – als dauerhafte Käufer anstatt einmal vor Weihnachten.

Lena Renner
 


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