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Gesunde Ernährung

Ernährungspolitik in Deutschland: viel ungenutztes Potential

Vorstellung des Food Environment Policy Index 2021

Ernährungspolitik in Deutschland: viel ungenutztes Potential
(v.l.n.r.) Dr. Antje Hebestreit (BIPS), DANK-Sprecherin Barbara Bitzer, Forschungsleiter Dr. med. Peter von Philipsborn (LMU), Moderatorin Dr. Adelheid Liebendörfer und Ernährungsmedizinerin Prof. Dr. med. Diana Rubin

Wo steht Deutschland bei der Schaffung eines gesunden und nachhaltigen Ernährungsumfelds? Und was muss die Politik tun, um die Situation zu verbessern? Wissenschaftler der Ludwigs-Maximilians-Universität München (LMU) und des Leibniz-Instituts für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) haben diese Fragen untersucht und ihre Ergebnisse heute im Rahmen einer Online-Pressekonferenz vorgestellt. Ihre Empfehlungen: gezieltere Lebensmittelsteuern, Werberegulierung und gesunde Außer-Haus-Angebote.

15 Prozent aller Todesfälle und mehr als 17 Milliarden Euro Gesundheitskosten pro Jahr gehen in Deutschland auf unausgewogene Ernährungsmuster zurück. Mehr als ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung hat starkes Übergewicht und rund zehn Prozent sind an Diabetes mellitus erkrankt, Tendenz steigend. Zudem verursacht das globale Ernährungssystem ein Viertel der weltweiten Treibhausgasemissionen und ist hauptverantwortlich für das Artensterben. Das neue Forschungsprojekt von LMU und BIPS hat jetzt untersucht, wie die Politik durch Einfluss auf Ernährungsentscheidungen gegen diese strukturellen Probleme vorgehen kann.

Beteiligt am Food Environment Policy Index 2021 waren insgesamt 55 Experten aus Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft. Mit einem strukturierten Verfahren haben die Autoren die politischen Rahmenbedingungen in Deutschland mit internationalen Best Practices verglichen und auf Grundlage davon Reformempfehlungen entwickelt. Der Food Environment Policy Index (Food-EPI) als methodisches Rahmenwerk wird bereits in 40 Ländern weltweit angewandt.

Leiter des Forschungsprojekts war Dr. med. Peter von Philipsborn, Wissenschaftler am Lehrstuhl für Public Health und Versorgungsforschung der LMU. Sein Fazit: Deutschland bleibt weit hinter internationalen Best Practices zurück und muss dringend Reformen in die Wege leiten. Zwar schneide es in manchen Bereichen vorbildlich ab – zum Beispiel bei der Entwicklung offizieller Ernährungsempfehlungen sowie bei der Datensammlung und -auswertung – aber was die Umsetzung wirksamer Maßnahmen angeht, hapert es.

Steuerreform, Kindermarketing und Außer-Haus-Verpflegung

Die Autoren haben 28 Reformoptionen identifiziert, mit denen Deutschland ein gesünderes und nachhaltigeres Ernährungsumfeld schaffen kann. Diese wurden danach priorisiert, wie viel sie zur Verbesserung der Ernährung beitragen, wie gut sie praktisch umsetzbar sind und welchen Beitrag sie zum Abbau sozialer Ungleichheiten im Ernährungsstatus leisten. Am wichtigsten sind demnach folgende fünf Maßnahmen, die in anderen Ländern bereits wirkungsvoll umgesetzt werden:

  1. Eine qualitativ hochwertige, gebührenfreie Schul- und Kitaverpflegung
  2. Eine gesundheitsförderliche Mehrwertsteuerreform mit einer Steuervergünstigung für gesunde Lebensmittel wie Obst und Gemüse.
  3. Eine Herstellerabgabe auf Softdrinks.
  4. Eine gesetzlich verbindliche Regulierung von Kinder-Lebensmittelmarketing
  5. Gesunde Verpflegungsangebote in öffentlichen Einrichtungen wie Kliniken, Behörden, Hochschulen und Seniorenheimen.

Dr. Antje Hebestreit vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie, die ebenfalls an der Erstellung des Food-EPI beteiligt war, betonte, wie wichtig verbindliche Regeln für die an Kinder gerichtete Werbung seien. Snack Food und süße Softdrinks stünden in einem starken Zusammenhang mit Übergewicht bei jungen Menschen. Genau für diese Produkte würde für die junge Zielgruppe aber am meisten geworben – besonders auf sozialen Medien. Dies müsse sich ändern, damit Kinder nicht mit der Last des Übergewichts ins Erwachsenenalter starten. Die Erfahrung habe gezeigt, dass die eigenen unverbindlichen Regelwerke der Industrie ignoriert würden, weshalb verbindliche Regeln unumgänglich seien.

Verbrauchern die gesunde Entscheidung erleichtern

Ernährungsmedizinerin Prof. Dr. med. Diana Rubin bewertete die Ergebnisse des Food-EPI als überaus wichtig. Die Bevölkerung in Deutschland sei eigentlich recht gut über die Grundlagen gesunder Ernährung informiert. 90 Prozent würden sich nach Umfragen auch gerne gesund ernähren. Viele scheiterten aber aufgrund des ungünstigen Ernährungsumfelds mit seiner Allgegenwart von günstigen und ungesunden Lebensmitteln. Der Food-EPI zeige jetzt, wie die Politik dieses Umfeld durch eindeutige gesetzliche Regulierung verändern kann.

Auch Barbara Bitzer, die Sprecherin der Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK) hob die Wichtigkeit verbindlicher Maßnahmen hervor. Für über 80 Prozent der Todesfälle in Deutschland seien nicht-übertragbare Krankheiten verantwortlich, die durch einen ungesunden Lebensstil und nicht zuletzt ungesunde Ernährung begünstigt würden. Um das zu ändern, müsse die Politik für gezielte Prävention sorgen.

Schon 2017 hat DANK das Modell einer ‚gesunden Mehrwertsteuer‘ vorgestellt. Obst und Gemüse würden dabei komplett von der Mehrwertsteuer befreit, der Satz für ungesunde Lebensmittel im Gegenzug angehoben. Laut Modellberechnungen der Universität Hamburg und Erfahrungen aus Ländern wie Großbritannien würde durch solche Maßnahmen jeder Erwachsene durchschnittlich etwa zwei Kilogramm abnehmen, so Bitzer. Als weiteres Instrument wünscht sie sich den verpflichtenden Gebrauch des Nutri-Scores, um Verbrauchern beim Einkauf die gesündere Wahl zu erleichtern.

Gesundheitsförderung statt Rücksicht auf die Industrie

„In der letzten Legislaturperiode wurde viel Rücksicht auf die Interessen der Lebensmittelindustrie genommen“, stellte Bitzer fest. Der gesundheitliche Verbraucherschutz solle ihrer Ansicht nach daher eher im Gesundheitsministerium als im Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft angesiedelt sein, wie es auch in anderen Ländern der Fall sei. „Die nationale Reduktionsstrategie wurde sehr schlecht umgesetzt“, bemängelte Rubin die von Ernährungsministerin Julia Klöckner eingeführte Strategie, die für gesündere Fertigprodukte auf eine freiwillige Selbstverpflichtung der Industrie setzt.

Alle Referenten erhoffen sich nun von der neuen Regierung eine Kehrtwende. Beim Thema Kindermarketing sieht Bitzer einen breiten gesellschaftlichen Zuspruch – etwa auch aus dem wissenschaftlichen Beirat des Ernährungsministeriums. „SPD, Grüne und FDP haben in ihren Wahlprogrammen versprochen, mehr für die Förderung einer ausgewogenen Ernährung zu tun, insbesondere unter Kindern“, betonte Philipsborn. Jetzt sei es an der Zeit, das Versprechen einzulösen.


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