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Das Ende von Big Food!?

Essen und Lebensmittelproduktion in der Welt von Morgen

Der Trend- und Zukunftsforscher Eike Wenzel beschäftigt sich seit Jahren mit der Zukunft unserer Ernährung. Im Anuga Organic Forum Ende 2019 erläuterte er den globalen Wandel von der industriellen Lebensmittelproduktion hin zu gesünderen und authentischeren Produkten. Mit Johannes Mauss, dem Geschäftsführer der Bio-Zentrale diskutierte er das Ende von Big Food und die Essens-Trends der Zukunft.

Wie verändern sich unsere Ernährungsgewohnheiten, welche Folgen wird dies haben? Das ist eine der Zukunftsfragen, mit denen sich Dr. Eike Wenzel beschäftigt, Gründer und Leiter des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung der DHBW Baden-Württemberg - des ersten Trendforschungsunternehmen an einer deutschen Hochschule überhaupt. Im Anuga Organic Foum 2019 sprach er darüber vor überfüllten Zuschauerreihen.

Die industrielle Ernährungskultur am Ende?

Nach Wenzel sei der Erfolgszug der großen internationalen Nahrungsmittel- und Getränkekonzerne mit bekannten Namen wie Nestlé oder Coca-Cola beendet. Seit 2009 haben die Top 25 US-Food-Firmen Marktanteile im Wert von 18 Milliarden US-Dollar verloren. Begonnen habe das Ende des sogenannten Big Food ungefähr 2014/2015. Umsatzverluste von vier Milliarden US-Dollar mussten etwa die Anbieter von klassischen Tiefkühl-Lebensmitteln in den USA damals hinnehmen. In Deutschland sei 2018 der Verkauf von Eistee bei Nestlé um fast 90 Prozent zurückgegangen.

Global gebe es in den letzten Jahren eine Wende zur Gesundernährung, neue Ansprüche der Kunden krempelten den Lebensmittelsektor um. Gewinner waren alternative Anbieter, die mit Werten wie Frische, Fairness, Transparenz und Bio punkten konnten.

Wertebestimmung und Ernährung

Lebensmittel hätten heute immer mehr mit der Wertebildung beim Menschen zu tun. Es ernähren sich immer mehr Menschen mit Bio, vegetarisch oder vegan, drücken durch Essen einen Lebensstil aus, wollen anders essen. Wenzel sieht in der Zukunft die Firmen vorne, die auf diese Entwicklung eingehen.

Die Gruppe der Foodies, Menschen die ihren Lebensstil über Essen definieren, wird stetig größer und einflussreicher. Gerade junge Menschen wollten Produkte wieder sinnlich wahrnehmen, möchten selbst Nahrung herstellen und die Qualität ihres Essens beurteilen können. Genuss und Gesundheit gehen zusammen, Trends wie vegan, vegetarisch, Street Food und Slow Food entwickeln sich weiter. Moderne Beispiele seien Food Trucks, Foodfestivals oder der Ruf nach digitalen Food-Ampeln.

Als ein wichtiges Thema der nächsten Jahre sieht Eike Wenzel Regionalität und personalisierte Ernährung. Sein Gesprächspartner Johannes Mauss, Geschäftsführer der Bio-Zentrale, verwies hier auf die noch ungelösten Probleme, Bio regional zu organisieren: „Die größte Herausforderung überhaupt ist, gute Qualitäten von Rohstoffen regional zu bekommen.“

Fleischkonsum als Problem

Ausführlich wurde auf den wachsenden Fleischkonsum als zentrales Problem eingegangen. Dieses hänge direkt mit einem der wichtigsten Megatrends unserer Zeit, der Klimakrise, und dem Megatrend soziale Ungleichheit zusammen. Zum Beispiel in China gebe es eine dramatisch wachsende Mittelklasse, die sich jetzt mehr Fleisch auf dem Tisch leisten könne und wolle.

Inzwischen steuere die chinesische Regierung mit großen Marketingkampagnen dagegen. Der enorme Fleischboom sei eine Katastrophe, der politisch entgegengewirkt werde, weil es gar nicht anders gehe. „Wir verbieten den Leuten ja auch, dass man sich gegenseitig totschlägt. Ich kann das mit dem Verbotsargument nicht mehr hören.“

Wenzel steht zu einer Forderung nach neuen Gesetzgebungen und Leitlinien.
Hier weist Johannes Mauss darauf hin, dass die richtig großen Trends durch Begeisterung, Genuss und Akzeptieren entständen. Bei der Biozentrale werden pflanzliche Proteinquellen wie Hülsenfrüchte und Erbsen zu Reis umgeformt. Gewohntes würde mit etwas Neuem verbunden und dies führe zu einer höheren Akzeptanz. Die Leute müssten mitgenommen werden.

Was sind die Proteinquellen der Zukunft?

Es müsse für die Zukunft entschieden werden, wie wir mit alternativen Angeboten wie In-Vitro-Fleisch umgehen. Dieses sieht Eike Wenzel allerdings erst in 20 Jahren als realistische Option: „Man darf nicht das, was möglich ist, verwechseln mit dem, was wahrscheinlich ist.“ Dazu sei momentan der Kohlendioxid-Abdruck von Kunstfleisch so hoch wie der von natürlichem Fleisch. Als aktuelle Alternativen verwies Wenzel auf Food-Start-Ups wie Impossible Burgers oder Beyond Meat: „Für mich ist das eine substantielle Idee“.

Beide Start-Ups stehen zwar für den Verzicht auf Fleisch, allerdings ohne auf allzu viel Gewohntes verzichten zu müssen. Doch die Zutaten sind bei beiden nicht Bio, die Produkte sind stark verarbeitet und enthalten Zusatzstoffe. Impossible Food hat Berichten zufolge 2019 einen Antrag bei der EU auf die Verwendung von Soja-Leghämoglobin gestellt, das aus gentechnisch veränderter Hefe hergestellt wird und den speziellen Fleisch-Geschmack bringen soll. Investor ist unter anderem Bill Gates.

Beyond Meat arbeitet mit Wiesenhof zusammen, dem größten Geflügelproduzenten Deutschlands, der in der Vergangenheit vielfach von Tierschützern stark kritisiert wurde. Und der größte börsennotierte amerikanische Fleischkonzern Tyson Foods war bis Mitte letzten Jahres als Großinvestor mit an Bord. Das Unternehmen Beyond Meat selbst ist im letzten Jahr erfolgreich an die Börse gegangen und ausdrücklich auf Expansionskurs.

Big Food im versuchten Wandel

Immer stärker versuchten in den letzten Jahren große konventionelle Lebensmittelhersteller kleinere Anbieter aufzukaufen, die die von den Kunden gewünschten Werte vertraten. Bio-Anbieter sprechen laut Wenzel von bis zu 50 Übernahmeangeboten pro Jahr durch die konventionelle Industrie. Dies bestätigte Johannes Mauss: Das Aufkaufen der kleinen Firmen zerstöre diese aber häufig in ihrer Wertigkeit, weil die bisherige Unternehmens- und Wertekultur verschwinde.

Eine Weltmacht wie Amazon hat WholeFood gekauft, Lidl wertet sein Bio-Angebot mit der Bioland-Kooperation auf, Aldi gehe mit der Traditionsmarke Schneekoppe zusammen und vieles mehr. Bio erobere immer mehr den Mainstream und es kann unter anderem auch immer mehr Geld damit verdient werden.

Neue Diskussionen um Bio und Nachhaltigkeit

Vor allem in den großen Industrienationen gibt es eine Entwicklung hin zu industrialisiertem Bio, zu Lasten der kleinen und nachhaltigen Produzenten. Die Gesprächsteilnehmer waren sich einig, dass Entwicklungen wie Vertikal Farming immer weiter voranschreiten.

In China ist diese Art des technischen Landbaus riesiges Thema, auch weil dort in der Vergangenheit in bestimmten Gegenden große Mengen von Ackerland mit Schadstoffen belastet wurden. Der globale Markt für Produkte rund um das Vertical Farming wurde 2018 vom Marktforschungsinstitut Allied Market Research auf 2,23 Milliarden Dollar geschätzt.

Es würden ganz neue Diskussionen geführt werden. Kleinere Unternehmen und Bio-Produzenten bekämen extreme Schwierigkeit, wenn die Großen definierten, was nachhaltig oder gar was Bio sei. Ist Bio dann schon die reine Abwesenheit von Pestiziden? Zurzeit wird in den USA Obst und Gemüse aus hydroponischem Anbau als Bio akzeptiert, in Europa nicht. Der Markt für Milchersatzprodukte boomt, doch deren nachhaltige Produktion steht oftmals in Frage.

Wahre Kosten für Bio der Zukunft

Bio sei heute im Mainstream angekommen, müsse aber dennoch den Ansprüchen gerecht werden. Gerade in Deutschland gebe es ein besonderes Problem - das Preisbewusstsein der Kunden. Hierzulande würden die Preise der Discounter zur allgemeinen Messlatte. „Warum muss in Deutschland alles billig sein?“ fragte Johannes Mauss zum Ende und der Moderator Bernward Geier, früherer langjähriger Direktor der Internationale Vereinigung der ökologischen Landbaubewegungen IFOAM, wies noch einmal auf die Notwendigkeit von Wahren Kosten hin, um eine Trendwende einzuläuten.

Elke Reinecke


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