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Bio-Forschungspreis Praxislösungen für die Zukunft der Biobranche

Die jährliche Verleihung des Forschungspreises Bio-Lebensmittelwirtschaft auf der Biofach gibt jeweils Einblick in aktuelle Herausforderungen der Bio-Praxisforschung. Qualität von Bio-Lebensmitteln ist ein wertvolles Gut. Um mit konventionellem Essen mithalten zu können und die Nahrung trotzdem so natürlich wie möglich zu lassen, müssen sich Hersteller einiges einfallen lassen. Deutlich wird das an einer der ausgezeichneten Abschlussarbeiten des Forschungspreises Bio-Lebensmittelwirtschaft, der auf der Biofach 2019 in Nürnberg an fünf engagierte Studentinnen in den Kategorien Bachelor und Master verliehen wurde.

Eine der treibenden Kräfte bei der Etablierung des Forschungspreise ist Dr. Alexander Beck, Geschäftsführender Vorstand der AöL und Inhaber des Büros Lebensmittelkunde & Qualität. Im Gespräch mit bioPress gibt er Auskunft zu den Zukunftszielen des Bio-Forschungspreises, den Herausforderungen der Bioverarbeitung beim Sprung aus der Nische und dem Stand der zeitgemässen Weiterentwicklung der Bio-Regelwerke.
bioPress: Dr. Beck, was sind die aktuellen Herausforderungen der Bio-Verarbeitung und -Vermarktung?
Alexander Beck: Durch die zunehmende Discountierung der Zeichen der Anbauverbände müssen gerade die mittelständischen Bio-Hersteller an neuen Differenzierungskonzepten arbeiten. Im Kern wird es darum gehen, die eigene Marke stark nach vorne zu bringen und zu profilieren.
Einige Akteure werden das Wachstum in allen Marktsegmenten mitgestalten können. Für andere wird es darum gehen, sich weiter in bestimmten Absatzstrukturen mit ihren Marken und neuen weiterentwickelten Konzepten zu profilieren. Neben der Nachhaltigkeit beispielsweise bei der Verpackung gewinnen im Moment gerade Ernährungsthemen wieder stark an Bedeutung. Da gilt es anzuknüpfen in der Verantwortung für enkeltaugliche Ernährung.
bioPress: Wurden Verarbeitungstechnologien entwickelt, die für die Bio-Verarbeitung von Interesse, aber teilweise von Labels/ Verbänden nicht zugelassen sind?
Alexander Beck: Ich glaube, es geht gar nicht so sehr um Verarbeitungstechnologien an sich. Ganz wichtig werden die Verpackungssysteme werden. Da sind die Akteure der Branche leider ins Hintertreffen geraten. Hier müssen wir richtig investieren, sonst werden wir ökologisch nicht glaubwürdig bleiben. Viele Mittelständler müssen ihr Profil zudem in der ökologischen Nachhaltigkeit dringend stärken. Es gibt zu viele Schwächen.
bioPress: Gibt es geltende Kriterien für die Anerkennung aus AöL-Sicht?
Alexander Beck: Wir brauchen eine Experten-Runde, wo wir wissenschaftlich an die Fra-ge nach neuen Technologien einschließlich Verpackungen herangehen. Wir müssen da ein wenig raus aus dem Bauchgefühl der Branche und müssen das, was wir tun oder lassen, sachlich begründen können. Das ProOrg-Projekt (http://projects.au.dk/coreorganiccofund/research-projects/proorg/) arbeitet an diesen Fragen und versucht eine Bewertungssystematik zu erarbeiten. Ich bin auf die Ergebnisse gespannt.
bioPress: Wie praxistauglich ist der aktuelle Stand der Bio-Regelwerke, insbesondere die neue EU-Bio-VO?  
Alexander Beck: Es gibt natürlich noch einige Baustellen auch für die Verarbeiter. Die Vorgaben für den Einsatz von konvexen Aromen und die Vorgaben für ökologische Aromen sind jetzt geklärt. Das ist gut, muss aber noch umgesetzt werden. Einige Akteure haben da eine große Aufgabe.
Insbesondere die Praxistauglichkeit der noch nicht bekannten Liste für erlaubte Reinigungs- und Desinfektionsmittel macht mir Sorge. Die Kommission hat da noch die Idee, bis zum  Januar 2021 eine Positivliste erstellen zu können. Dabei übersieht sie die Komplexität der Fragestellung, für alle Gewerke passende Regeln zu erarbeiten.
Sie muss zudem darauf achten, dass ein neues Reinigungs- und Desinfektionskonzept auch mit den entsprechenden Dienstleistern im Unternehmen erst umgesetzt werden muss. Und zwar so, dass der Hygienestandard erhalten bleibt. In vielen Gewerken macht man das nicht über Nacht. Wir schlagen deshalb vor, 2021 zunächst mit einer kurzen Negativliste von den Substanzen zu starten, die wir absolut nicht in der Öko Produktion sehen wollen.
bioPress: Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Peter Jossi.

 

Forschungspreis Bio-Lebensmittelwirtschaft 
Von Mehl in Bio-Eis bis zur Revolution in der Nitratforschung

Studentin Laura Entringer von der Hochschule Trier half einer kleinen Molkerei, Bio-Speiseeis herzustellen, das durch Johannisbrotkernmehl stabilisiert wird, um damit unabhängig vom konventionellen Stabilisator Pektin zu sein. „Die Arbeit von Frau Entringer zeigt sehr gut, dass auch kleinere, nachhaltig wirtschaftende Lebensmittelbetriebe der Bio-Branche technologisch anspruchsvolle Produkte erfolgreich für den Bio-Markt entwickeln können“, so ihr Prof. Dr.-Ing. Günther Lübbe.
Der Frage, wie Bio-Karpfen vermarktet werden kann, widmete sich die Arbeit von Katharina Schwab von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf. „Die Arbeit von Frau Schwab zeigt auf, wie die Prozesskette in der Erzeugung und Vermarktung von Karpfen verläuft und gibt sogar Handlungsempfehlungen an kritischen Punkten“, so Prof. Dr. Michael Greiner.
Einem Thema, das seit der Verurteilung von Deutschland wegen Verstoßes gegen die EU-Nitratrichtline an enormer Aufmerksamkeit gewonnen hat, widmete sich Johanna Hoppe von der Universität Kassel. „Frau Hoppe kommt mit ihrer Arbeit zu überraschenden und beeindruckenden Ergebnissen“, so ihr Prof. Dr. Jürgen Heß. Anders als bisher angenommen, gelangt laut Hoppes Forschung durch ökologische Bewirtschaftung zehn bis 52 Prozent weniger Nitrat in unser Grundwasser.
Mit dem Ziel, den UN Zielen für eine nachhaltige Entwicklung gerecht zu werden, half Banu Sengül von der Technischen Universität Hamburg einem landwirtschaftlichen Betrieb bei der Umstrukturierung auf Ökolandbau. „Frau Sengül schaffte eine exzellente Balance zwischen einer naturwissenschaftlich technischen Arbeit und einer auf reale Betriebsprobleme basierende Konzeptentwicklung“, so Prof. Dr.-Ing. Ralf Otterpohl.
Dass die Authentizität von Bio-Lebensmitteln nicht nur von Gesundheit und Label abhängt, sondern auch von Herkunftsland und Einkaufsstätte, erarbeitete Jenny Klee-blatt von der Technischen Universität München, indem sie über tausend Onlinekommentare untersuchte. Damit leistet die Studentin „einen wertvollen Beitrag zum Verständnis von Überzeugungen zu Bio-Lebensmitteln“, so Prof. Dr. Jutta Rossen.
Facts & Figures
Forschungspreises Bio-Lebensmittelwirtschaft
Der Bio-Preis ist in diesem Jahr mit 10.000 Euro dotiert. „Anhand der ausgewählten Arbeiten wird deutlich, wie wichtig dieser Forschungspreis ist. Forschung ist ein integraler Bestandteil und eine wichtige Grundlage für die Gestaltung der Zukunft. Das muss unbedingt gewürdigt werden“, so Petra Wolf, Mitglied der Geschäftsleitung Nürnberg Messe. Auch Moderatorin Maren Walter bekräftigt die Bedeutung des Preises, der „Unternehmen und Studenten näher zusammenbringt und deshalb die Zukunft von Bio wesentlich mitgestaltet“.
Gemeinsam mit der Lebensbaum Stiftung, der Schweisfurth-Stiftung und Biofach hat die Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AöL) den Forschungspreis vor sechs Jahren ins Leben gerufen und seitdem zahlreiche Unterstützer aus den Reihen der Bio-Lebensmittelhersteller gewinnen können. Eine Jury aus engagierten Professoren, Vorständen und Geschäftsführern wählt jedes Jahr die prämierten Arbeiten aus.
Weitere Informationen unter http://www.forschungspreis-bio-lebensmittel.de
 


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