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Editorial

Editorial Ausgabe 98/Januar 2019, 1. Quartal

Liebe Leserin, lieber Leser,

Biolebensmittel wurden vor 20 Jahren zum kraftvollen Symbol für Geschmack und Essgenuss, verbunden mit einem guten ökologischen Gewissen. Die neue Bewegung gab der Herrschaft der Billigangebote einen ersten Todesstoß. Es folgte bis heute die unendliche Geschichte von Umkehr in der Lebensmittelindustrie. Eine Wende ist jedoch immer erst auch nur ein Anfang.

Die Biobranche wird nie wieder so sein, wie sie einmal war. Der klassische Bioladen ist dem Bio-Supermarkt gewichen. Der Kampf gegen Goliath und den Moloch Kapital, beherrscht von Gewinn und Gier, war wichtiger Bestandteil der Naturkostbranche. Fairness und Giftfreiheit standen im Mittelpunkt. So mancher hat sich für diese hehren Ziele selbst ausgebeutet in der Balance zwischen Hersteller- und Beschaffungs-Aufwand für Ökolebensmittel und dem Preis für die Kunden.

Jede Revolution frisst ihre Kinder! Diese bekannte Weisheit zeigt sich heute auch beim Blick in die Naturkostbranche. Eine starke Ideologie hat Veränderungen bewirkt. Nun folgt die Versorgung aller mit Biolebensmitteln, die bahnt sich jedoch andere Wege. Der Naturkostfachhandel wird in der Zwischenzeit beherrscht von einer noch vor zehn Jahren unvorstellbaren Konzentration.

Gleichzeitig vermittelt der Naturkostfachhandel, oder besser deren selbsternannte Protagonisten, seinen Alleinstellungsanspruch. Nur sie können Echt Bio und sie berufen sich dabei auf Wertvorstellungen, deren Basis sie selbst schon verlassen haben. So geht es nicht. Auch für die Naturkostbranche gilt: Greenwashing macht unglaubwürdig.

Bio-Vermarktung gibt es schon seit den 80er und 90er Jahren in vielen Vertriebskanälen. Seit der Ankunft von Bio im Mainstream ist die Lebensmittelindustrie verstärkt auf Bio aufmerksam geworden und hat dessen viele Vorzüge zum Teil einfach okkupiert. Und sie hat Bio auch selbst in den Handel gebracht. Oft mit Erfolg. Vieles können sie genau so gut oder sogar besser: Regionalität, Free From, Vegan, selbst der Versuch von kontrollierten Lebensmitteln wurde bespielt, frei von oder kontrolliert was auch immer!

Nachdem der Genussaspekt gefunden und damit Bio auf Erfolgskurs gebracht wurde, ist nun wieder der Gesundheitsaspekt in den Fokus der Branche gerückt. Auf der diesjährigen Biofach avanciert die Gesundheit zum Hauptthema. Zukunftsforscher signalisieren den Kaufleuten, dass abgehängt wird, wer seine Kunden nicht auf sein Bioangebot verweisen kann, wenn sie mit dem Vorwurf kommen, krank geworden zu sein von den ungesunden Lebensmitteln.

Darauf haben alle ein Recht: Gesunde Lebensmittel. Schon Altkanzler Schröder hat Renate Künast vor Elitenbildung gewarnt. Er wollte Bio nicht nur für die Reichen. Heute sieht der Naturkostfachhandel die gehobene Kunden-Publikums-Struktur als wichtigen Vorteil: Man ist eher unter ähnlich situierten Menschen! Ist der Anspruch auf eine bessere Welt mit ökologischem Landbau auf der Strecke geblieben?

Der weitaus größere Teil der Bioprodukte wird heute im Mainstream vermarktet und sichert den Bio-Bauern die nötige Existenz-grundlage. Nach einer Umfrage in der Branche können 49 Prozent der Bioladner damit leben, wenn wichtige Biolabels jetzt sogar im Discounter eingesetzt werden. Die Inhalte würden deshalb nicht schlechter. 47 Prozent sehen einen Legitimationsverfall wie schon bei Demeter im LEH, Naturland bei Rewe und Bioland bei Edeka?

Seit Bioland mit Lidl einen Deal gemacht hat und jetzt auf dem Bioprodukt drauf stehen darf, was drin ist, zeigt sich im Fachhandel eine Spaltung. In vielen Handelsmarken - und auch Fachhandelsmarken und klassischen Bio-Marken (Alnatura, Rapunzel) - steht nicht drauf, wer den Inhalt produziert. Auch hier eine Verschiebung weg vom Transparenzanspruch. Wer will sich schon in die Karten schauen lassen? Weniger Probleme haben damit Aldi, Drogeriemarkt Müller und neuerdings auch Rewe. Dort steht auf den Bio-Eigenmarken der Hersteller drauf.

Den klassischen Bio-Markenherstellern wird Fachhandelstreue abverlangt. Ein Anspruch, dem nicht mehr jeder Anbieter folgt. Andechser beispielsweise hat es nicht nötig, der Wettbewerber Söbbeke schwankt. Schwarzwaldmilch kommt eh vom konventionellen Lager in den Fachhandel. Mancher Start Up ist von Anfang an in allen Vertriebskanälen wohl gelitten. Und Bauck oder Davert fühlen sich im Mainstream mit deren Umsätzen auch zu Hause. Vielleicht weil ihre Produkte überzeugen und sie nicht einfach ersetzt werden können?

Selbstständige Kaufleute müssen sich vom Wettbewerb unterscheiden. Dieses Phänomen kennt in der Zwischenzeit auch der Fachhandel. Bioladner müssen sich doppelt anstrengen und manche Kaufleute rennen bis zu 20 Kilometer am Tag durch ihren Markt. Nur Vielfalt im Angebot hebt sich ab von der Einfalt im Filialgeschäft. Kaufleute fühlen sich höchster Qualität verpflichtet. Das ist ihr Erfolgsrezept. Dabei setzen sie auf die Originale vor den B-Marken, wenn Platz geschaffen wird für Bio in ihren Regalen.

Erich Margrander
Herausgeber


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