Start / Ausgaben / bioPress 95 - April 2018 / Das zweite World Organic Forum

Nachhaltigkeit

Das zweite World Organic Forum

Das zweite World Organic Forum © Stiftung Haus der Bauern
v. li. n. re., Alexander Müller, Hauptreferent auf dem Forum, Ernst Ulrich von Weizäcker, Hartmut Vogtmann und Rudolf Bühler.

Nach dem Kongress zu den globalen Bauernrechten im letzten Jahr in Schwäbisch Hall, organisiert von der Stiftung Haus der Bauern und BESH,  fand nun zur gleichen Zeit (7. bis 9. März) dieses Jahr in der Akademie Schloss Kirchberg/Jagst eine Nachfolgetagung mit internationalem Publikum statt. Damit ist eine Serie eingeläutet, die jährlich stattfinden wird.  Ziel der Tagung war es, die Frage der agrarökologischen Wende und die der Zukunft der Welternährung mit der Frage nach der Zukunft der bäuerlichen Familienbetriebe auf der Welt zu verknüpfen. Dabei stand die Auseinandersetzung mit dem Konzept „Agrarökologie“ im Mittelpunkt.

Prominente Redner waren nach Kirchberg gekommen, um ihre Analysen vorzutragen, wie Ernst Ulrich von Weizsäcker, Alexander Müller, Angelika Hilbeck, Prinz Felix von Löwenstein, Jan Douwe van der Ploeg und einige mehr. 100 Teilnehmer aus mehr als 20 Ländern lauschten den Vorträgen und Debatten und brachten sich durch eigene Wortbeiträge ein.

Einig waren sich alle Referenten mit der Problemanalyse. Weil die bisherige Entwicklung auf der Welt in vielen Bereichen planetarische Grenzen erreicht oder gar überschritten und die globale Landwirtschaft daran einen erheblichen Anteil als Verursacher hat, konnte man sich schnell darauf verständigen, dass ein „Weiter-so“ nicht mehr funktionieren wird. Ganz im Sinne des Weltagrarberichts IAASTD, den auch die meisten zitierten, muss ein neuer, agrarökologischer  Weg eingeschritten werden. Doch wie der aussehen soll, daran schieden sich die Geister.

Reaktion der Gestrigen

Beklagt haben sich die meisten Redner darüber, dass das Anliegen einer Wende international von vielen Gegenakteuren „gehijackt“ wurde. So tauchen allenthalben angebliche Lösungswege auf, die viel versprechen, doch wenig halten, wie z.B. nachhaltige Intensivierung, Climate-Smart Agriculture, Regenerative Agriculture,  Gute landwirtschaftliche Praxis, Präzisionslandwirtschaft, usw. Einige sind grüne Lügen, andere zu einseitig auf einen einzigen Aspekt bezogen, andere leere Hülsen.

Trotz Gegenwehr mussten sich Vertreter der europäischen Biobranche  anhören, dass das hier praktizierte Konzept der Biolandwirtschaft für die Länder des globalen Südens zu dogmatisch, eurozentristisch und bürokratisch daherkommt. Die umstrittene Hürde der Zertifizierung, um Zugang zu den Exportmärkten zu erlangen, begegnen viele Protagonisten im globalen Süden mit großer Skepsis, weil die Auflagen der Dokumentation zu anspruchsvoll sind und das Verfahren zu teuer.

Das einzige Methodengefüge, das (sogar juristisch) klar definiert ist und als Alternative zur konventionellen Landwirtschaft herhalten muss, ist nun einmal der Biolandbau. Dieses System hat sich in fast allen Ländern der Welt bei einigen Bauern, bei Nichtregierungsorganisationen und der aufkaufenden Hand etabliert. Die Biolandwirtschaft wurde von allen Rednern der Tagung als ein agrarökologischer Fortschritt anerkannt. Dennoch wurde der Alleinvertretungsanspruch dieses Systems für Agrarökologie hinterfragt.

Die Biolandwirtschaft als festgefügtes System durch Labels, Zertifizierung und Gesetze wird eine landwirtschaftliche Minderheit bleiben, auch wenn sie vielfach – wie beispielsweise in Deutschland – schon keine Marktnische mehr ist. Aber zur Lösung der landwirtschaftlichen Krisen in der Welt kann das nicht genügen. Eine wohl noch größere Herausforderung als die Förderung des Biolandbaus besteht darin,  auch für den Mainstream des konventionellen Agrarsektors ökologische Schritte einzuleiten.

Jede Reduktion von Agrarchemikalien und von dem CO2-Ausstoß, jede Verhinderung von Bodenerosion, jeder Schritt zur Reinhaltung des Grundwassers und zur Wahrung der Agrobiodiversität wären für sich ein großer Fortschritt. Sie wären eine wichtige Ergänzung zu einer Strategie, den Biolandbau weiter zu fördern und auszudehnen; das wird flächendeckend jedoch nur schwer gelingen.

Ob das in einem realistischen Set von Annahmen für Deutschland gehen würde, dazu hat Frieder Thomas für Greenpeace eine gesamtwirtschaftliche Simulation durchgerechnet. Danach ist es möglich, die ökologischen Vorgaben einzuhalten und trotzdem die Nahrungsmittelversorgung sicher zu stellen, bei einem realisierbaren hohen Grad an Selbstversorgung.

Kann Bio die Welt ernähren?

Natürlich nahm die Debatte, ob mit einem agrarökologischen Ansatz die Welt überhaupt ernährt werden kann, einen breiten Raum der Debatte ein. Für einige Redner standen die angeblichen Mindererträge bei der Umstellung auf Agrarökologie im Vordergrund der Besorgnis einer Umstellung, so Dieter Nill von der GIZ oder Nikolas McLachlan von der Systain Consulting; sie plädierten auch für eine Kooperation mit der Privatwirtschaft. Andere Redner, allen voran Ernst v. Weizsäcker, Prinz Felix v. Löwenstein und Angelika Hilbeck hingegen gingen davon aus: Entweder gelingt uns die globale Agrarwende, oder aber der ökologische Kollaps stellt Alles in Frage.

Der agrarökologische Weg muss zusammen mit den Bauern entwickelt werden, oder er gelingt überhaupt nicht. Bäuerliches Wissen und Rationalität muss einhergehen mit naturwissenschaftlicher Forschung und Beratung, und beide vereinen sich zu standortspezifischen Methoden und Agrarsystemen. Welche unersetzbare Leistung für die Schaffung produktiver Beschäftigung der kleinbäuerliche Sektor auf der Welt leistet, belegte Alexander Müller mit eindrucksvollen Zahlen. Allein schon wegen dieser Beschäftigungmöglichkeiten müssen die 500 Millionen Kleinstbetriebe auf der Welt erhalten bleiben; das herrschende Paradigma von „wachsen oder weichen“ führt in eine soziale Katastrophe. Der Gang über den massiven Strukturwandel, den die westlichen Länder als Voraussetzung für landwirtschaftlichen Fortschritt erlebt haben, ist für Asien, Lateinamerika und Afrika der falsche Weg.

Es muss eine agrarökologische Alternative eingeschlagen werden, die arbeits- und wissensintensiv ist. Allein der Schritt von der traditionellen Landwirtschaft („organic by default“) zu einer systematischen, wissenschaftlich fundierten agrarökologischen Landwirtschaft würde enorme Ertragszuwächse in den Entwicklungsländern erbringen. Dabei geht es nicht um Bedienung biologischer Nahrungsmittelmärkte, sondern um den rein agronomischen Effekt. Aus diesem Grund sind in einigen afrikanischen Ländern die Bioverbände größer und mächtiger als die herkömmlichen Bauernverbände; sie sind Lerngemeinschaften.

Small is organic

Öfters wurde in der Tagung der Mythos, dass Biolandbau automatisch kleinstrukturierte Landwirtschaft bedeutet, hinterfragt. Großbetriebe und Plantagen haben auch erfolgreich biologische Marktnischen erobert, wobei diese Version von Biolandbau umstritten bleibt. Aber von dem Grundprinzip des organischen Landbaus her, chemischen Pflanzenschutz zu ersetzen durch die praktizierte Vielfalt auf den Äckern und in der Landschaft, ist die Kleinlandwirtschaft für agroökologische Ansätze besonders geeignet. So herum wurde die Verknüpfung „small is organic“ gerne akzeptiert.

Ohne kleinbäuerliche Landwirtschaft auf der Welt hat die Agrarökologie keine flächendeckende Chance. Deshalb sind die „Globalen Bauernrechte“, wie sie gerade bei dem Menschenrechtsrat der UNO in Genf diskutiert werden, so wichtig für die Zukunft agrarökologischer Alternativen. Denn hier wird – unter vielen anderen gesellschaftlichen Grundrechten auf dem Lande – auch das Recht der Bauern festgeschrieben, eigene Entwicklungswege mit ihren Betrieben zu gehen (Recht der Ernährungssouveränität).

Die „Global Peasant Rights“ nahmen einen ganzen Block der Tagung ein. Die Forschung des Agrarsoziologen aus Wageningen/NL, Jan Douwe van der Ploeg, überraschte mit seiner Theorie, die auf fundierter Empirie beruht und durch anschaulichen Graphiken erläutert wurde: Auf Grund der – zumeist ökonomischen – Krise der konventionellen Landwirtschaft kommt das „Bäuerliche“ selbst in den stark kommerzialisierten Agrarstrukturen Westfriesland wieder zurück („Repeasantization“).

Darunter versteht er alle Versuche der Landwirtschaftsbetriebe, wieder mehr Autonomie in ihrem Betriebsablauf zurück zu erobern, wie beispielsweise  durch Umgehung von vermachteten Betriebsmittelmärkten und globalisierten Absatzmärkten.

Alle Formen der agrarökologischen Schritte gehören eben-so dazu wie der Sonderfall der Biolandwirtschaft. Michael Windfuhr vom Deutschen Institut für Menschenrechte zeigte die Schwierigkeiten dieser Verhandlungen und die juristischen Tücken des vorliegenden Erklärungsentwurfs auf.

Rudolf Buntzel

Alle Referate unter:
http://schloss-kirchberg-jagst. de/index.php/akademie-schloss-kirchberg/dokumentationen


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