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Editorial

Editorial Ausgabe 95/April 2018, 2. Quartal

Liebe Leserinnen, liebe Leser.

Glyphosat einerseits - Christian Schmidt hat mit seiner Stimme dessen Überleben noch einmal gesichert - und auf der anderen Seite das nimmermüde Wachstum des Biomarktes beschäftigen die Verbraucher und die Lebensmittelkaufleute. Wachstum verführt die Menschen immer zur Irrationalität. Nach der Agrochemie profitiert jetzt der ökologische Landbau von dem Phänom. Industrielle Lebensmittelproduktion verliert an Glaubwürdigkeit. Das bietet eine Chance zum Wandel. Und Bio wächst und wächst.

Genaues Hinschauen zeigt, dass Natur sich zu helfen weiß. Und das ohne die Profitgier der Chemie-Kapitalisten. Der Stachel sitzt, das Virus ist in den Köpfen. Es geht auch ohne! Keine Grüne Revolution sondern Biolandbau ist die Lösung. Der Großteil der Menscheit lebt, wie die industrielle Zivilisation vor 150 Jahren auch noch, von der Substitutionslandwirtschaft ohne Chemie.

Der Kampf um diese Kleinbauern wird darüber entscheiden, ob sich die Agrochemie noch weiter ausdehnen wird oder die Hilfe zur Selbsthilfe sich durchsetzt. Ökologischer Landbau arbeitet mit den eigenen Mitteln. Es fehlt nur die Kraft der Erkenntnis, wie diese Mittel beschaffen sind und zur Ertragssteigerung eingesetzt werden können.Der Entwicklungshilfeminister in der letzten Bundesregierung hat den Ökolandbau als die richtige Wahl für die Existenzsicherung der Kleinbauern erkannt. In einigen ersten Ländern der EU ist Ernährungspolitik in den Fokus gerückt. Dort wurde eingesehen, dass falsche Ernährung dreistellige Milliardenschäden verursacht und chemie-gedopte Lebensmittel eine große Rolle spielen. Dass Pestizide, allen voran Glyphosat, in 99,6 Prozent der Urinproben mit einem bis zu fünffachen Gehalt der zulässigen Höchstwerte im Trinkwasser gemessen wird, zeigt: Es gibt keine Koexistenz!

Bio ist weit mehr als ein Lebensstil. Es geht um die Gesundheit der Menschen und der Natur! Ein gesunder Boden bringt vitale Lebensmittel hervor im Gegensatz zu lascher, mit Chemiecocktails hochgepäppelter Hybrid-Masse, die billig in Kantinen und die Haushalte gelenkt werden. Genaues Hinschauen klärt auf über die Zusammenhänge von Geschmack und Vitalität: Eine Pflanze im Bioanbau entwickelt extrem viele Geschmacksstoffe. Umwelt und Tierwohl hinzu gedacht vervollständigen das Kleeblatt.

Seit Beginn der Biomarkt-Entwicklung Anfang der 70er Jahre hat sich das Rad bereits mehrfach gedreht. Es ging immer ein Stückchen aufwärts. In den 80ern waren einige Großstädte voll von kleinen Bioläden, ein Jahrzehnt später kamen die ersten Bio-Supermärkte und dass Rewe bereits Ende der 80er Jahre ihre Bio-Eigenmarke Füllhorn etablierte, ist nur wenigen wirklich aufgefallen. Das Angebot war auch verschwindend gering. Heute bei einem Bio-Umsatz von über zehn Milliarden Euro lässt der Markt keinen mehr kalt.Der in kleinere bis ganz große Filialunternehmer und in (noch) viele selbstständige Bioladner und auch Bio-Supermarktbetreiber geteilte etablierte Fachhandel besetzt aktuell umsatzmäßig weniger als ein Drittel Marktanteil, der Lebensmittel-Einzelhandel steht für um die 60 Prozent. Die rund 2.500 Naturkostfachgeschäfte wären mit der heute gefragten Bio-Versorgung überfordert, vor allem in der Fläche.

Die jetzt von allen Politikfraktionen, nicht mehr nur den Grünen, prognostizierten 20 Prozent Ökolandbau und beispielsweise das, wie Landwirtschaftminister Hauck erkannte, 30 Prozent Absatzpotenzial im reichen Baden-Württemberg, lassen eine Steigerung auf über 30 Milliarden Euro erwarten. Solche Absatzprognosen dürften den Bauern, ohne die Biowachstum nicht möglich wäre, zur Umstellung auf ökologischen Landbau motivieren. Nein, sie sind nicht geldgeil, sie müssen sich - so wie alle anderen auch - um ihre Existenz sorgen.

Existenzielle Konflikte sehen auch Teile der Naturkostbranche. Sie stellen sich Bio in der Masse nur ungern vor. Der Wettbewerber LEH wird natürlich lernen mit Bio so umzugehen wie der Fachhandel. Die Zukunft entwickelt eine völlig andere Art von Unterschieden. Eine moderne Grundausrichtung, servicebetont und auf die Kunden ausgerichtet, wird entscheidend sein - nicht nur im Bioangebot!

Erich Margrander
Herausgeber


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