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Strukturpolitik

Alle wollen „regional“ – doch die Bauernhöfe verschwinden

Streitgespräch in Düsseldorf zur Landtagswahl

Alle wollen „regional“ – doch die Bauernhöfe verschwinden
Teilnehmer des Streitgesprächs von links nach rechts: Bruno Jöbkes (Bündnis 90 / Die Grünen), Hubertus Fehring (CDU), Wilfried Bommert (Leiter des Instituts für Welternährung), Annette Watermann-Krass (SPD), Brigitte Hilcher (Regionalbewegung NRW), Sönke Willms-Heyng (FDP), Valentin Thurn (Taste of Heimat / Ernährungsrat Köln)

Die Situation ist absurd: die Nachfrage nach regionalen und saisonalen Produkten aus einer bäuerlichen Landwirtschaft ist riesig. Doch gleichzeitig gibt es immer weniger solche Bauernhöfe, sie müssen aufgeben, weil sie nicht mehr wirtschaftlich arbeiten können. Auch regionale Verarbeitungsbetriebe und Vermarktungsstrukturen sind in weiten Teilen von Nordrhein-Westfalen schon nicht mehr vorhanden. Wie kann da regionale Vermarktung noch gelingen? Die Regionalbewegung NRW und der Verein Taste of Heimat sowie der Ernährungsrat Köln luden am 24. März zum Gespräch mit den Landtagsparteien nach Düsseldorf.

Interessierte  aus  Handel,  Landwirtschaft,  Institutionen,  Verbraucherschaft  und  Presse folgten der Einladung zu einem Streitgespräch, um mit Annette Watermann-Krass (SPD), Hubertus Fehring (CDU), Bruno  Jöbkes  (Bündnis  90  /  Die  Grünen)  und  Sönke  Willms-Heyng  (FDP)  über  deren Konzepte für mehr regionale und nachhaltige Lebensmittel zu diskutieren. 

Viele  Jahrhundertprobleme  wie  Klima-  und  Umweltschutz  oder  Ernährungssicherung können  nur  gelöst  werden,  wenn  wir  regionale  Kreisläufe  stärken,  sind  sich  die einladenden Organisationen einig. Die Ernährungswende muss regional gestaltet werden.

Wir  brauchen  wieder  unseren  Bäcker,  unsere  Mühle,  unsere  Molkerei,  unseren  Metzger und  unsere  Schlachterei  um  die  Ecke,  doch  das  derzeitige  System  bevorzugt  große Betriebe und macht die kleinen kaputt. Hauptursache: Die Preise sind nicht ehrlich, die Schäden  an  Trinkwasser  und  Klima  zahlt  die  Allgemeinheit.  Und:  Die  bürokratischen Pflichten  werden  immer  größer  und  sind  für  die  kleinen  Betriebe  kaum  zu  erfüllen.

Deshalb werden Landwirtschaft und Ernährungshandwerk immer stärker von industriellen Betrieben  verdrängt,  obwohl  die  Verbraucher-Nachfrage  nach  regionalen  Lebensmitteln aus handwerklicher Produktion eigentlich stark gestiegen ist.

„Wir  fordern,  dass  das  Land  die  Vermarktung  regionaler  Produkte  unterstützt und  über  ein  Landesprogramm Regionalvermarktung  dafür  Strukturen  aufbaut“,  so Brigitte  Hilcher,  Vorsitzende  der  Regionalbewegung  NRW.  „Die  Landesregierung  sollte sich  dafür  einsetzen,  dass  Bund  und  EU  die  bürokratische  Hürden  für  Kleinbetriebe abbauen“, fordert Valentin Thurn, Vorsitzender des Kölner Ernährungsrates und dessen Trägervereins  Taste  of  Heimat,  „und  dass  EU-Subventionen  gezielt  in  regional vermarktende und umweltfreundliche Betriebe gesteckt werden.“ 

Beide  sind  sich  einige,  dass  allein  der  freie  Markt  das  Dilemma  nicht  lösen  kann:  Weil zum Beispiel die Händler immer die großen Lieferanten bevorzugen. So bekommen kleine Milchbauern  einen  geringeren  Literpreis  als  große,  weil  der  Aufwand  für  die  Abholung größer  sei.  Sie  fordern  deshalb,  dass  das  Land  auch  nicht-kommerzielle  Strukturen unterstützt,  die  Lebensmittel  aus  der  Region  an  Handel  und  Verbraucher weitervermitteln.  Die  geplante  Regionalagentur  des  Landes  NRW  sollte  dieses  in  einer Modellregion finanzieren und testen.

Moderator  Wilfried  Bommert,  Leiter  des  Instituts  für  Welternährung,  befragte  die Landtagsparteien nach ihren Strategien, um regionale Prozesse, Initiativen und Betriebe zu  fördern.  Einig  waren  sich  alle,  regionale  Wirtschaftskreisläufe  zu  stärken,  um Landwirtschaft und regionalen Verarbeitern Perspektiven zu bieten.

Auf die Unterstützung der Kundschaft könne man rechnen. Doch über die Wege dahin ist man sich kaum einig – während  SPD  und  Grüne  der  Ernährung  und  regionalen  Versorgung  hohe  Bedeutung einräumen,  setzt  die  FDP  allgemein  auf  Bildung  –  „und  über  diesen  Weg  erreichen  wir auch  eine  höhere  Wertschätzung  regionaler  Produkte“,  schätzt  FDP-Landtagskandidat Sönke  Willms-Heyng.  Der  CDU-Landtagsabgeordnete  Hubertus  Fehring  meint,  dass  der Strukturwandel nicht aufzuhalten sei. „Wir können nur erreichen, dass der Premiummarkt regional  und  bio  ausgebaut  wird,  aber  das  Gros  der  Verbraucherschaft  wird  weiter günstige  Lebensmittel  in  Supermärkten  einkaufen  wollen.“ 

Gegen  den  Strukturwandel stemmten sich in ihren Statements die Vertreter von Grünen und SPD – Bruno Jöbkes, Bundestagskandidat  der  Grünen,  betont:  „Wir  wollen  künftig  kleine  landwirtschaftliche und  handwerkliche  Betriebe  noch  stärker  stützen  –  beispielsweise  durch  eine  Stärkung der  Förderung  der  ersten  Hektare  und  durch  eine  umstrukturierte  Förderung  des ländlichen  Raumes.“ 

Annette  Watermann-Krass  unterstützt  aktiv  beispielsweise  die Gründung von Ernährungsräten und zeigt, dass sich die SPD im Bereich Landwirtschaft und  regionaler  Versorgung  stärker  engagieren  will:  „Wir  müssen  dazu  beitragen,  mehr  Verdienst auf die Höfe zu holen und brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag zwischen Stadt und Land, zwischen Kundschaft und Erzeugern.“

Anknüpfend  an  die  „NRW-Erklärung  nachhaltige  Regionalvermarktung  – zukunftsweisende  Stadt-Land-Beziehungen“  aus  dem  Jahr  2015  sprach  sich  Hilcher erneut dafür aus, den Ausbau der Regionalvermarktung vor Ort gezielt auch personell zu unterstützen  und  z.B.  entsprechend  geschulte  RegioNetworker  einzusetzen. 

Es  ist notwendig, dass die Politik die Vernetzung von Landwirten, die Bündelung von regionalen Sortimenten  für  potenzielle  Nachfragen  sowie  die  Etablierung  von  verarbeitenden Betrieben in den Regionen aktiv unterstützt. Das schaffen die Betriebe, die in der Regel schon  arbeitsüberlastet  sind,  meist  nicht  alleine.  Sie  brauchen  hierfür  politische  wie gesellschaftliche Unterstützung.“ 

Die Regionalbewegung NRW ist das Sprachrohr zahlreicher Initiativen, die sich für eine Stärkung  regionaler  Entwicklung,  naturschutzorientierter,  bäuerlicher  Landwirtschaft sowie  klein-  und  mittelständischer  Betriebe  einsetzen.  Taste  of  Heimat  ist  der Trägerverein des Kölner Ernährungsrates. Gemeinsam bieten sie der Landesregierung an, an einer Zukunftsstrategie für eine Stärkung der Regionen in NRW mitzuarbeiten.  
 
Forderungen  der  Regionalbewegung  NRW  und  des  Ernährungsrates  Köln  und Umgebung / Taste of Heimat im Überblick:  

Landesprogramm Regionalvermarktung NRW 

  • EU-Subventionen zum Ausbau regionaler Strukturen  
  • Systematische Unterstützung regionaler Initiativen auf kommunaler Ebene
  • (Ernährungsräte und Regionalvermarktungsinitiativen mit RegioNetworkern)
  • Öffentlichkeitsarbeit für nachhaltige Ernährung und Regionalität – u.a. Stärkung des Tag der Regionen, 
  • Unterstützung für kleine Betriebe (Erzeuger und Verarbeiter) und Bürokratieabbau
  • Landes-Dialogprozess Regionalitätsstrategie und regional gestaltete Ernährungswende 
  • Modellprojekte zum Aufbau von Stadt-Land-Partnerschaften und Ausbau der
  • Regionalvermarktung

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