Start / Ausgaben / bioPress 90 - Januar 2017 / Bio aus der Ukraine – Großes Potenzial mit vielen Hürden

Ausland

Bio aus der Ukraine – Großes Potenzial mit vielen Hürden

Die Ukraine hat sich zu einem wichtigen Herkunftsland für Bio-
Rohstoffe entwickelt. Gleichzeitig bestehen viele Herausforderungen und technische Hürden beim Import von Bio-Produkten aus der Ukraine.

Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) betreut in der Ukraine ein Aufbauprojekt, das von der landwirtschaftlichen Beratung über die Vermarktungsunterstützung geht, bis hin zu Vernetzungsanlässen aller Akteure. Projektleiter Tobias Eisenring zu den wichtigsten Punkten: „Das FiBL rät, den direkten Kontakt mit den Produktionsbetrieben zu suchen und Zwischenhändler zu meiden. Die Händler sollen die Gültigkeit der Bio-Zertifikate über die Online-Datenbank bioCinfo konsequent nachprüfen und im Zweifelsfall die Zertifizierungsstelle direkt kontaktieren.“

Große Sortimentsbreite für Bio-Export

„Der Exportanteil liegt bei zirka 95 Prozent“, schätzt Eisenring. Andriy Nikolayuk von der ukrainischen Exportfirma Ethnoproduct verfügt mit der Bio Suisse-Anerkennung über eine gute Basis für diverse Exportmärkte. Er ist jedoch gleich­zeitig im Aufbau des Bio-Heimmarkts engagiert.

Mariia Makhnovets vermittelt als unabhängige Vermarktungsexpertin Kontakte zu ukrainischen Anbietern. Der Großteil des aktuellen Bio-Angebotes sei auf den Export unverarbeiteter Rohstoffe ausgerichtet für die Futter- und Lebensmittelherstellung. „Weizen, Dinkel, Mais, Gerste, verschiedene Erbsensorten, Sonnenblumenkerne, Raps und Soya“ sind die wichtigsten Artikel, so ihre Übersicht. Großes Potenzial besteht für bisherige Nischenartikel wie Leinsamen, Hafer, Senfkörner, Hirse, Lupinen, Buchweizen mit Blick auf den wachsenden Markt für vegetarische Lebensmittel. „Beerensorten haben eine hohes Exportpotenzial und die Bio-Produktion wächst hier von Jahr zu Jahr“, ergänzt  Makhnovets.

Mehraufwände durch neue EU-Bestimmungen

Angesichts verschiedener Betrugsfälle, wie zum Beispiel in einem Exportfall von Sonnenblumenpresskuchen nach Holland, wurden seitens der EU Kommission neue Zulassungs- und Überwachungs-Richtlinien erlassen (Guidelines on additional official controls on organic products), die neben der Ukraine auch Bio-Importe aus der Russischen Föderation, Weißrussland, Moldawien, Kasachstan, Aserbaidschan, Kirgisistan und Tadschikistan betreffen. Die wesentliche Auflage betrifft zusätzliche operative Exportbeschränkungen und Zusatzkontrollen.

„Alle Produzenten und Exporteure entlang der Wertschöpfungskette stehen unter Beobachtung“, so die Einschätzung von Makhnovets. Dies führe zu großen Mehraufwänden für alle Involvierten, etwa durch die Verdoppelung der Pflichtprobenamen und Analysen. Einige der Handelspartner und Abnehmer der Bio-Rohstoffe seien denn auch aus der Bio-Vermarktung ausgestiegen, da ihnen dies zu riskant oder zu aufwändig erschien.
Die Anzahl der Exportunternehmen habe sich seither auf einige wenige Unternehmen konzentriert, was zu einer  Marktverknappung, beispielsweise in Großbritannien, geführt habe.

Makhnovets bezweifelt die Wirkung der getroffenen Maßnahmen grundsätzlich: „Wir investieren viel Geld in Labor- und Überwachungskosten. Aber wir investieren nicht in die Ukraine, in Technologien und Ausbildung, um zum Beispiel eine Produktionsperiode gut zu dokumentieren und die ganze Wertschöpfungskette wirklich sicher zu gestalten.“

Das FiBL unterstützt im Rahmen des Schweizerisch-Ukrainischen Biomarktprojekts, finanziert durch das SECO, den regelmäßigen Austausch zwischen den Akteuren und erarbeitet mögliche Lösungsszenarien. Mit Blick auf die komplexen ukrainischen Handels- strukturen zeigt Eisenring einige wirkungsvolle Maßnahmen auf, um die geforderte Transparenz und Rückverfolgbarkeit der Warenströme sicherzustellen: „Das FiBL rät, kleinere Behältersysteme, sogenannte Big Bags, Ladungen mit offener Ware (z.B. Schiffsladungen) vorzuziehen und vermehrtes Umladen an Häfen, Bahnhöfen und Logistikplattformen zu meiden. Zudem rät das FiBL Experten beizuziehen, die die ukrainischen Geschäftspraktiken kennen und die ukrainische Sprache verstehen.“

Herausforderungen und Hindernisse für den Marktzugang

Die von der EU lancierten Maßnahmen haben kurzfristig in erster Linie zu einem Rückschlag für die Bio-Produktion gerade bei Schlüsselrohstoffen wie Sonnenblumen und Soyaprodukten geführt. Die Exporteure beklagten sich über die EU-Mitgliedstaaten, teilweise gebe es sogar unterschiedliche Interpretationen regionaler Behörden in den einzelnen Ländern.

Makhnovets weist auf unterschiedliche Interpretationen der EU-Vorgaben durch verschiedene EU-Staaten, ja teilweise sogar zwischen den Behörden einzelner Länder hin: „Es bestehen unterschiedliche Auslegungen, ob die Pflichtprobenamen bei Export von jedem einzelnen Lastwagen zu ziehen sind oder ob eine Probenahme zum Beispiel von fünf gleichzeitig beim EU-Eintritt angekommenen Lastwagen derselben Lieferung genügen.“ Nach gewissen Interpretationen mussten die Last- wagen sogar an Ort und Stelle an der EU-Grenze warten bis die entsprechenden Analysewerte vorliegen und die Lieferung frei gegeben werden kann.

Die Situation habe bereits viel Schaden angerichtet und zu Lieferverzögerungen oder dem Abbruch der Geschäftsbeziehungen insgesamt geführt. Für diese Rohstoffe müssten nun andere Beschaffungsmärkte gefunden werden, etwa aus China. „Nicht die beste Alternative“, so das Fazit von Makhnovets.

Peter Jossi

FiBL-Tagung Sourcing Organic from Ukraine

Die internationalen FiBL-Tagung Sourcing Organic from Ukraine vom 25. bis 26. Oktober 2016 in Frankfurt bot ein Maximum an Informationen und Transparenz zum Zustand des Zukunftspotenzials der Bio-Branche in der Ukraine.

Die Tagung bot eine Übersicht zu aktuellen Marktzahlen, Strategien und erfolgreiche Beispiele für verlässliche Marktpartnerschaften. Zudem wurde über den aktuellen Stand der Zulassungsbestimmungen für die ukrainischen Bio-Produkte in die westeuropäischen Bio-Märkte und darüber hinaus informiert.

Die Tagung bot zudem den perfekten Rahmen für Networking, ein angesichts vieler Unklarheiten und Unsicherheiten besonders wichtiges Element beim Aufbau guter und sicherer Handelsbeziehungen.

Informationen:
http://www.fibl.org/de/medien/medienarchiv/medienarchiv16/medienmitteilung16/article/internationale-tagung-sourcing-organic-from-ukraine-2016.html
http://www.ukraine.fibl.org/en/ua-about-project.html
 

Alternativen zur EU-Vermarktung: Heimmarkt und Welthandel

Der ukrainische Heimmarkt ist noch im Aufbau, gewinnt jedoch an Bedeutung. Angesichts der erschwerten Exportbestimmungen in die EU gewinnt auch der weltweite Bio-Export an Bedeutung. 
Der Exportanteil am ukrainischen Bio-Markt liegt bei rund 95 Prozent. „Der Bio-Heimmarkt in der Ukraine ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen“, so die Einschätzung von Tobias Eisenring. „Die Organic Federation of Ukraine schätzt den gesamten Umsatz mit Ukrainischen Bio-Produkten im Jahr 2015 auf zirka 20 Millionen Euro. Der Exportanteil liegt bei zirka  95 Prozent.

Zndriy Nikolayuk von der ukrainischen Exportfirma Ethnoproduct nimmt eine zunehmende Bedeutung des ukrainischen Inlandmarktes wahr: „Ethnoproduct ist der Pionier der ukrainischen Bio-Milchwirtschaft, seit wir 2010 mit der Produktion begannen.“ Neben der Milchwirtschaft sei mittlerweile ein Bio-Heimmarkt für weitere Sortimente entstanden, namentlich Fleisch, Getreide und Backwaren.

Mariia Makhnovets bestätigt die Entwicklung eines Bio-Heimmarkts, der aber noch sehr klein sei. Das Bewusstsein für die Vorteile der BioQualität sei noch wenig entwickelt. „Für kleinere landwirtschaftliche Bio-Produ- zenten kann der Heimmarkt eine Alternative bieten, angesichts der Schwierigkeiten beim Export.“ Bisher sei es jedoch schwierig, mit BioProdukten im ukrainischen Einzelhandel Fuß zu fassen, denn die meisten Handelsketten verlangten große Mengen und regelmäßige Lieferbereitschaft.

„Meiner Meinung nach müsste die ukrainische Regierung den Bio-Inlandhandel mit gezielten Vermarktungsprogrammen unterstützen“, so Makhnovets zu den erforderlichen Maßnahmen.

Ausbaupotenzial außerhalb der EU?

Ein Ausbaupotenzial sieht Makhnovets für die Bio-Vermarktung außerhalb der EU, die bisher noch wenig entwickelt sei. Der Export in Nicht-EU-Länder wie die Schweiz sei beispielsweise noch wenig entwickelt und viele Exporteure scheuten die Zusatzaufwände für die meist verlangte Bio Suisse-Anerkennung. „Neue Märkte wie die USA, Kanada oder Neuseeland könnten sich als attraktiver erweisen“, so Makhnovets.

Die Bestimmungen beim Export in die USA (NOP-Zertifizierung) und dem Aufbau einer langfristigen und sicheren Lieferkette in die USA stellen sich dabei jedoch neue Herausforderungen. Die Lieferung in Schiffscontainern ist beispielsweise nicht für alle Rohstoffe gut geeignet.

Bio-Zertifizierung und Beratung in der Ukraine: Wer macht was?

Das ukrainische Zertifizierungssystem basiert auf den Anerkennungs- und Vollzugsabläufen der EU. Neben den lokalen Zertifizierungsstellen stehen zudem lokal verankerte Beratungsdienstleistungen zur Verfügung.
Eine wichtige Anlaufstelle für interessierte Unternehmen ist die Beratungsagentur QueS. Mariia Makhnovets war bis vor kurzem für QueS tätig. Sie betreut heute auf selbstständiger Basis Unternehmen aus verschiedenen Ländern  zu den Vermarktungsmöglichkeiten mit ukrainischen Partnern. „Meine hauptsächliche Dienstleistung besteht im Aufbau verlässlicher und sicherer Handelspartnerschaften.“ Wie die Beratungsagentur QueS bietet sie Kontaktvermittlung und je nach Bedarf fachliche Begleitung entlang der Wertschöpfungskette bis hin zu den eigentlichen Exportformalitäten.

Sergiy Galashevskky von Organic Standard, der marktführenden ukrainischen Zertifizierungsstelle im Bio-Bereich, erläutert das System der Bio-Zertifizierung in der Ukraine: „Die derzeit 15 in der Ukraine operierenden Zertifizierungsstellen sind von ihrem Ursprung her Zweigstellen aus der EU und weiteren Ländern. Sie operieren nach den Vorgaben der EU und sind im Rahmen der entsprechenden Gleichwertigkeitsabkommen anerkannt.“
Organic Standard ist mit Hauptsitz in Kiew der führende Bio-Zertifizierer der Ukraine. „Die ukrainischen Zertifizierer verfügen nicht nur über den sprachlichen Vorteil. Sie verstehen die  Zusammenhänge vor Ort viel besser“, betont Galashevskky. Neben den Besonderheiten der ukrainischen Bio-Landwirtschaft seien Kenntnisse der rechtlichen, kulturellen und mentalitätsbedingten Unterschiede wichtig.

Informationen:

http://www.ques.com.ua
http://organicstandard.com.ua/en/aboutus
https://www.bioc.info/


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