Start / Ausgaben / bioPress 85 - Oktober 2015 / Kleine regionale Marke kommt groß raus

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Kleine regionale Marke kommt groß raus

Bauerngemeinschaft Hamfelder Hof baut eigene Bioland-Meierei in Mühlenrade

Die Bauerngemeinschaft Hamfelder Hof hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Mit dem Bau einer über 2.000 Quadratmeter großen Meierei in Mühlenrade bei Hamburg will sie ausschließlich die Milch ihrer 27 Bioland-Betriebe verarbeiten und die ökologische Landwirtschaft weiterentwickeln.

Außen werkeln Arbeiter an den Holzfassaden, innen werden Leitungen verlegt und Türen abgedichtet. Die Bauarbeiten in Mühlenrade bei Hamburg laufen in vollem Gange. In einem der Büros über der Produktionshalle sitzt Janosch Raymann, Geschäftsführer der Bauerngemeinschaft Hamfelder Hof. 2012 übernahm der studierte Wirtschaftsinformatiker die Leitung der neu gegründeten Hamfelder Hof Bauernmeierei. 

Der Bauerngemeinschaft gehören größtenteils Familienbetriebe an. Sie alle investieren als Miteigentümer in den elf Millionen Euro teuren Neubau, der vom Land Schleswig-Holstein bezuschusst wird. „Wir sind uns des Risikos bewusst, aber diese Herausforderung gehen wir gemeinsam an.“ Dass in der neuen Meierei nur die Milch der angeschlossenen Betriebe verarbeitet wird, sei ein Alleinstellungsmerkmal.

„Uns geht es um mehr, als das Überleben der Höfe zu sichern. Sie sollen sich im Sinne der ökologischen Landwirtschaft weiterentwickeln können.“ Hinter dem Begriff Bio sieht Raymann in erster Linie das Tierwohl und die Bewahrung der Natur sowie eine nachhaltige Wirtschaftsweise. Sie seien die Voraussetzung eines gesunden Produkts. 

Seit Mitte der 90er ließ die Liefergemeinschaft Hamfelder Hof länger haltbare Bioland-Milch von der Meierei Trittau verarbeiten, bis sie 2011 von Arla Hansa Milch gekauft wurde. „Wir wollten sie als Bio-Meierei weiterführen, aber das war nicht erwünscht“, erinnert sich Raymann. Gemeinsam etwas Eigenes zu schaffen habe den Erzeugern schon länger vorgeschwebt.

„Mit der eigenen Meierei können wir eigene Entscheidungen treffen, zum Beispiel, ob wir unser Sortiment verändern oder vergrößern“, sagt er. „Die länger haltbare Bioland-Milch und Sauerrahmbutter unserer Marke ‚Bauerngemeinschaft Hamfelder Hof‘ haben wir seit 20 Jahren im Programm.

Sie gibt es auch in der beliebten 500-Milliliter-Packung.“ Ergänzt werden sie um zwei neue Frischmilchlinien: Die nicht-homogenisierte Frischmilch und die pasteurisierte und homogenisierte Frischmilch. Sie werden bei einer Warmhaltezeit von 20 Sekunden bei 74 Grad hergestellt. Alle Milchsorten gibt es als Vollmilch und als fettarme Milch.

Ein gläserner Gang führt an den Produktionsräumen vorbei. Von ihm blickt man in die Butterei, in der der frische Rahm traditionell 14 bis 16 Stunden mit der Kultur reift. Eine Maschine schlägt die Butter nach dem Ausformen in Papier ein. Auf der anderen Seite des Gangs schaut man auf die großen Rohmilchtanks, die sich im Inneren des Gebäudes bis in die erste Etage erstrecken. Neben ihnen stehen drei Separatoren, in denen die Milch entrahmt und entkeimt wird.

„In der Osterhusumer Meierei Witzwort haben wir einen guten Partner gefunden, der unsere Bioland-Milch verarbeitet, bis alle Arbeitsabläufe im neuen Gebäude eingestellt sind.“ Ab 2016 rechnet Raymann mit einer Verarbeitungsmenge von jährlich zirka neun Millionen Litern Milch.

Übermengen, die er auf 2 Millionen Liter schätzt, würden an die Meierei Witzwort abgegeben. „Wir sind eine kleine Gemeinschaft. Die meisten Molkereien würden unsere Mengen gar nicht abfüllen, weil wir die Mindestgrenze nicht erreichen.“ Für einen Liter Bio-Milch erhielten die Landwirte von der Meierei Hamfelder Hof 48 Cent.

Für das nächste Jahr sei die Produktion von Joghurt geplant. Die Besonderheit soll darin bestehen, ihn ohne Zugabe von Magermilchpulver herzustellen. Das Pulver wird verwendet, um die Trockenmasse zu erhöhen und den Joghurt cremiger zu machen. „Wir wollen die cremige Konsistenz erhalten, indem wir der Milch Wasser entziehen. Das wird sicherlich eine Herausforderung, aber auch die wollen wir angehen.“

Die Logistik wird hauptsächlich über den Großhandel abgewickelt. Außerdem gibt es einen eigenen Lkw, mit dem Direktlieferungen in die nähere Umgebung möglich sind. „Im Gegensatz zu den großen Molkereien können wir unseren Händlern eine gewisse Flexibilität bieten und fehlende Ware direkt nachliefern“, sagt Raymann. Beliefert werden der Naturkosthandel und der gehobene LEH in einem Umkreis von 150 Kilometern.

„Transparenz ist uns sehr wichtig. Während der Produktion stehen unsere Türen sprichwörtlich offen. Jeder ist eingeladen, sich unseren Betrieb anzuschauen“, erklärt Raymann. Auch die Höfe der Bauerngemeinschaft sollen einsehbarer werden. Zum einen durch die Internetseite der Meierei, zum anderen sollen in Zukunft Besichtigungstermine für Verbraucher angeboten werden.

Der erste Bauabschnitt mit Produktions- und Büroräumen misst knapp 2.000 Quadratmeter und soll im Herbst fertiggestellt sein. Im nächsten Jahr sollen 450 Quadratmeter Verwaltungstrakt hinzukommen, in dem auch ein Bistro mit Verkaufsladen Platz findet. Das gesamte Grundstück ist 5,5 Hektar groß. Die Ausgleichsflächen befinden sich direkt nebenan.

Bautechnisch fügt sich das Gebäude aus Holzfassade, Klinkersockeln, Ziegeln und modernen Flächen aus Glas in das Landschaftsbild ein. Auf dem Dach werden Photovoltaikanlagen installiert. Das Integrieren der Rohmilchtanks in das Gebäude sei zwar aufwändiger, dafür aber hygienischer und erleichtere Wartungen im Winter, erklärt Raymann. Ein leichter Überdruck soll dafür sorgen, dass die Luft in den Produktionsräumen steril bleibt.

Geheizt wird über Kälte-Wärme-Kopplung. Die Wasseraufbereitung funktioniere dank UV-Strahlung ohne Chemie. „Wir haben auch eine besondere Abwasserbehandlung: Das Gebrauchtwasser wird in einer betriebseigenen Vorklärungsanlage gereinigt und auf dem Hamfelder Hof zur Bewässerung wiederverwendet“, erklärt Raymann.

Dort, auf dem zwei Kilometer entfernten Hamfelder Hof, begannen Raymanns Eltern Anfang der 90er mit der Produktion von Bio-Milch. Bevor sie sich der Herstellung länger haltbarer Bioland-Milch verschrieben, produzierten und vermarkteten sie Vorzugsmilch. Der Absatz der gefilterten Rohmilch sei jedoch eingebrochen, als sie durch einen Lebensmittelskandal in Verruf geriet. „Die Verpackung mit Giebelkarton, das Logo und den Schriftzug verwenden wir heute noch“, sagt Raymann.

Sina Hindersmann


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