Start / Ausgaben / BioPress 76 - Juli 2013 / Keimzelle war Charlottenburg

Keimzelle war Charlottenburg

Der Berliner Bio-Markt wächst kräftig und der Filialist Bio-Company wächst mit. Die regionale Kette ist Marktführer in der Bundeshauptstadt. 32 Verkaufsstellen hatte das Unternehmen Ende 2012. Bis August 2013 werden es 35 sein. Das Filialnetz wird dichter. Der Umsatzpegel stand 2012 bei 80 Millionen. 2013 erwarten die Geschäftsführer Georg Kaiser und Hubert Bopp 100 Millionen Euro . Auf dem Berliner Bio-Markt sind zahlreiche überregionale Filialisten präsent: Denn’s, Alnatura und Basic. Mit der LPG ist noch ein regionaler Filialist am Start. Am erfolgreichsten ist die 1999 gegründete Bio Company.

1999 folgte Handelsfachwirt Georg Kaiser (Bild oben) seiner Frau nach Berlin. Da lief der Oberfranke, der aus einer Kaufmannsfamilie stammt, zufällig an dem Bio-Supermarkt von Undine Paul in Charlottenburg vorbei. „Ich hatte das noch nie gesehen und war beeindruckt“, sagt er im Rückblick. Er fragte, ob es die Möglichkeit gebe, irgend wie mitzumachen. Zufällig suchte die Inhaberin einen Geschäftsführer.

Nach ein paar Monaten beteiligte sich Kaiser an dem Markt. Das war die Geburtsstunde der Bio Company mit Null Kapital. „Ich habe mit dem richtigen Konzept, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort angefangen. Hätte ich in Marzahn begonnen würde es uns heute nicht mehr geben“, ist sich Kaiser sicher. 

Heute ist das Handelsunternehmen die Nummer eins in Berlin bei den Bio-Supermärkten und die Nummer vier in Deutschland nach den nationalen Filialisten Denns, Alnatura und Basic. Georg Kaiser führt zusammen mit Hubert Bopp die Geschäfte. Von den aktuell 33 Märkten stehen 30 in Berlin, einer in Hamburg und zwei in Dresden.

„Hamburg und Dresden ist von der Entfernung her machbar. Wir werden sicherlich morgen keinen Markt in Heidelberg aufmachen“, gibt Kaiser zu erkennen.

Die Bio Company will ein regionaler Filialist bleiben. Den Nordosten sieht er perspektivisch als Vertriebsgebiet. Halle, Magdeburg oder Rostock kann sich der Geschäftsführer als Standorte vorstellen. „Die Region ist für uns wichtiger Bestandteil des Konzepts“, ergänzt er.

Über Berlin und Brandenburg erstreckt sich das definierte Gebiet. Unsere Partner aus der Region heißt das Programm mit rund 50 Lieferanten aus der Region. Das Ökodorf Brodowin, die Lobetaler Bio-Molkerei, die Gläserne Meierei und Bobalis sind die regionalen Mopro-Lieferanten. Direkt aus Berlin stammen unter anderem die Bio-Konditorei Tillmann, Märkisches Landbrot und Smoo­thie-Spezialist Proviant.

Regionalität eröffnet Profilierungsmöglichkeiten gegenüber nationalen Wettbewerbern. Diesen Trumpf spielt die Bio-Company aus. Biologisches Dam- und Rotwild aus dem Gatter von Hirschmark ist eine regionale Besonderheit. Das Gut Klosterhof Töplitz aus Brandenburg liefert Wein. Werder Frucht presst den Apfelsaft für die Bio Company. Die Rohware wird auf Streuobstwiesen in Brandenburg geerntet.

„Wir kennen die Lieferanten und führen regelmäßig Gespräche. Wir wissen, wer hinter den Produkten steht, und wie sie hergestellt werden“, so Kaiser. Eine Umstellungswelle auf Bio gibt es in Brandenburg trotz eines wachsenden Berliner Marktes bisher nicht, da die Landesregierung die Umstellungsprämie gestrichen hatte. „Landwirte, die auf Bio umstellen, müssen einen ideologischen Ansatz haben“, umschreibt es Einzelhändler Kaiser.

Kaiser, die FÖL und etliche weitere Akteure haben viel Druck auf die Landesregierung gemacht, der jetzt von Erfolg gekrönt ist. Die Landesregierung nimmt seit Ende Mai wieder Umstellungsanträge entgegen. Wieviel bezahlt wird, ist noch offen.

Im täglichen Kampf um den Kunden ist die Region ein Argument. „Hier gibt es keinen Standort ohne Wettbewerb. Man stellt sich mit dem Sortiment und dem Personal darauf ein“, gibt Kaiser zu erkennen.

900 Mitarbeiter arbeiten inzwischen für die Bio Company. Das Einzelhandelsunternehmen stellt jeden ein, der geeignet ist. Nach der Lehre werden die Mitarbeiter übernommen. „Ich habe eine gute Bewerberlage. Da sind Super-Leute dabei. Es kommen sogar welche mit Abitur. Die machen eine verkürzte Ausbildung von ein dreiviertel Jahren. Vier Ex-Azubis sind heute Marktleiter“, schildert Kaiser.

Nicht alle können Bio-Stallgeruch haben. Das Unternehmen wächst zu schnell: „Da treffen zum Teil Welten aufeinander“. Die Bandbreite reicht vom Bio-Fundi bis zum konventionellen Supermarkt-Verkäufer. Das Personal muss Fragen der Kunden beantworten können. „Wir geben Auskunft, aber missionieren nicht“, lautet Kaisers Prämisse.

Die Bezahlung im Bio-Einzelhandel war Thema in den überregionalen Medien. Bei der Bio Company beginnt der Lohn einer Fachkraft  bei etwas mehr als zehn Euro. Ein Marktleiter verdient ungefähr das Doppelte. Einen Einkaufsgutschein für 50 Euro gibt es zusätzlich. „Das ist uns wichtig, damit die Mitarbeiter Bio auch probieren“, sagt der Chef. 

Die Geschäftsführung hat ein anonyme Mitarbeiterbefragung gemacht. 85 Prozent haben das Unternehmen als guten oder sehr guten Arbeitgeber eingestuft. Drei Prozent waren unzufrieden. „Das Betriebsklima ist ein Anreiz, bei uns zu arbeiten“, urteilt Kaiser.

Kompetentes Personal ist ein Erfolgsfaktor. Ein stimmiges Sortiment ist ebenfalls Voraussetzung. Hauptlieferant ist der regionale Naturkost-Großhändler Terra mit einem Anteil von 50 Prozent. Der kleine Bio- und Reform-Großhändler Midgard aus Berlin, Bio-Garten und Grell versorgen die Märkte.

Den größten Großhändler für Naturkost in Deutschland, Dennree, braucht die Bio Company nicht.
Die Bio Company ist im Frühjahr selbst Hersteller geworden. Das Handelsunternehmen hat die Biomanufaktur Velten, jetzt Havelland übernommen. Allerdings bedeutet das keinen Strategie-Wechsel zum Zwei-Stufen-System Herstellung und Handel, wie viele konventionelle Lebensmittelhändler das betreiben.

Die Bio-Manufaktur ging Konkurs. Hauptgrund soll die Uneinigkeit der Gesellschafter gewesen sein. Der Verkauf an einen konventionellen Bieter stand im Raum. Geschäftsführer Kaiser wollte das Wagnis zuerst nicht eingehen, ließ sich aber von Mitgeschäftsführer Hubert Bopp und Fleisch-Fachbereichsleiter Thomas Schubert drängen.

„Ich habe deswegen schlaflose Nächte gehabt und viele graue Haare bekommen. Jetzt, wo es läuft, finde ich es sinnvoll.“ Zum Kundenmix der Biomanufaktur Havelland gehören Großverbraucher und der freie Handel.

Die Bio-Manufaktur hat die Bio Company mit Fleisch versorgt. „Unsere Fleischtheke muss voll sein, aber von Velten kam immer weniger. Die waren nicht lieferfähig. Wir sind dann den nächsten Weg zu Vorwerk Podemus in Dresden gegangen“, blickt er zurück. Weitere Produktionsbetriebe sind nicht geplant. „Wir wollen Händler bleiben“, stellt Kaiser klar.

Anton Großkinsky


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