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Honig

Honig mit Herzblut

Wer Wert auf individuelle Sortimente legt, hat bei Honig eine Riesenauswahl: Hunderte von Sorten aus fast allen Teilen der Welt können dem Honig-Regal eine unverwechselbare individuelle Note geben. Und wenn Nachhaltigkeit im Sortiment zu den Unternehmenszielen gehört, ist Honig, allen voran Bio-Honig, ein guter Indikator für die Glaubwürdigkeit des Einzelhändlers. Doch Honig ist ein schwieriges Sortiment, das nur mit viel Herzblut erfolgreich betrieben werden kann.

Honig kommt in der TV- und Anzeigenwerbung recht selten vor, allenfalls Marktführer Langnese erinnert die Verbraucher hin und wieder an das Naturprodukt. Vielleicht ist deshalb der Verbrauch von 1,2 Kilogramm pro Kopf der deutschen Bevölkerung seit Jahren konstant bis leicht rückläufig. Nutella dürfte dem Honig längst den Rang bei den süßen Aufstrichen abgelaufen haben, wenn man die Werbeausgaben für die Haselnusscreme betrachtet. Allein im November 2012 waren es laut Lebensmittelzeitung 2,7 Millionen Euro. Doch weil es Nutella inzwischen auch bei Aldi gibt, wird die Freude am Schnelldreher im selbstständigen Einzelhandel (SEH) allmählich schwinden. Günstiger Zeitpunkt also, sich dem Honigregal zuzuwenden.

Gute Argumente für Honig – und Bio-Honig

Wer als Einzelhändler den Honig-Absatz fördert, hat im Gegensatz zum Nutella-Promoter die positiven Gesundheits- und Nachhaltigkeitsaspekte auf seiner Seite. Denn Honig gilt als gesundheitsfördernd, auch wenn belastbare Studien fehlen. Und Bienen binden durch ihre Bestäubungstätigkeit indirekt C02, indem sie das Pflanzenwachstum fördern. Ferrero sieht sich unterdessen einer in Frankreich geplanten Nutella-Steuer ausgesetzt, die den Palmölverbrauch nicht nur dieses Unternehmens zurückdrängen soll.

In den USA bekamen Konsumenten ihr Geld zurück, weil sie Nutella entgegen den Marketingaussagen als Dickmacher enttarnt hatten: 100 Gramm enthalten 533 Kalorien (kcal). Honig kommt mit rund 300 Kalorien da schon fast wie ein Leichtgewicht daher.

Da die meisten Blütenpflanzen (z.B. Obstbäume) von Insekten bestäubt werden müssen, damit sie Früchte bilden können, sind Bienen unverzichtbar. Wo sie fehlen, muss der Mensch in einem aufwendigen Prozess nachhelfen. So wurden in China schon Frauen beobachtet, die mit Tütchen voller Pollen unterwegs waren und per Stäbchen die Bestäubung vornahmen.

In Europa werden die Bienen durch industrielle Agrarsteppen mit zunehmendem Anteil an Futter- und Energiepflanzen zurückgedrängt. Der Verkauf von Honig trägt zu ihrem Erhalt bei und zur Förderung einer nachhaltigen und zukunftsorientierten Landwirtschaft. Auch das können sich honigaffine Einzelhändler ans Revers heften.

Ausweisung als Premium-Sortiment ratsam

Thore Quednau, Vertriebsleiter von Wessanen Deutschland, sieht den Aufbau eines individuellen Honigregals mit Bio-Honigen als Herausforderung für den Einzelhändler an. Vergleichsweise teure Raritäten drehten sich wegen der großen Preisunterschiede und der Unkenntnis der meisten Kunden nur sehr langsam. Selbst im Naturkostfachhandel, den die Wessanen-Tochter Allos exklusiv mit Bio-Honig beliefert, würden die Erzeugnisse in immer geringerer Breite und Tiefe präsentiert: „Das Honigsortiment war mal Profilierungssortiment des Naturkostfachhandels. Die aktuelle Listungsbreite unserer Marken-Honige ist in den letzten Jahren durch Auslistungen, Rohstoffverknappung und Wettbewerb auf durchschnittlich elf von ehemals 25 Sorten zurückgegangen.“

Quednau fordert ein Umdenken der Händler im Naturkostfachhandel nach dem Motto Back to the Roots. Für den SEH rät er, Honig als Premium-Sortiment auszuweisen und das Umfeld entsprechend zu gestalten. Zudem sei eine qualifizierte Honigberatung unabdingbar, weil Honig ein erklärungsbedürftiges Produkt sei: „Himbeerblütenhonig schmeckt eben nicht nach Himbeeren.“

Testkäufe seien bei hochpreisigen Spezialitäten die Ausnahme. Er habe jedoch gute Erfahrungen mit einer Probierbar gemacht: „Wenn Kunden auf den Geschmack gekommen sind, kaufen sie bestimmte Produkte erneut ein.“ Natürlich sieht Quednau auch die Kosten, die eine effektive Kundeninformation mit sich bringt. Die Stille Verkostung sei eine Möglichkeit, zu sparen. Die Walter Lang GmbH, Marktführer für Bio-Honig mit Sitz in Bremen, bietet kleine Infobüchlein zur Aufklärung der Kunden an, die am Regal platziert werden können.

Ernteerträge schwanken zum Teil sehr stark

Doch damit sind die Schwierigkeiten für den Einzelhändler noch nicht bewältigt. Honig ist stark von den wetterbedingten Ernteerträgen abhängig, so dass die Mengen von Jahr zu Jahr schwanken. Einen Tasmanischen Leatherwood-Honig würde Quednau wegen der außergewöhnlichen Hitze und der Waldbrände in Australien abschreiben. Neben starken Preisschwankungen gebe es deshalb auch mal Lücken im Regal.

Die Walter Lang GmbH meldet auch aus anderen Regionen der Erde Ernteeinbußen. So konnten in Kalifornien nur 50 Prozent einer normalen Ernte eingebracht werden. In Neuseeland ist der begehrte Manukahonig der letzten Ernte schnell ausverkauft gewesen und auch andere Sorten sind dort inzwischen weitestgehend vergriffen. Da die Preise für knappe Exoten in schwindelnde Höhen klettern können, sind Lücken im Regal mitunter wirtschaftlicher als unverkäufliche Raritäten.

Wer jedoch mit Herzblut bei der Sache ist und seinen Kunden den guten Geschmack und Genuss auserwählter Honige nicht vorenthalten will, darf sich davon nicht beeinflussen lassen. Walter Lang, Allos-Gründer und jetzt Geschäftsführer der Walter Lang GmbH weiß aus Erfahrung, dass diejenigen, die sensorisch gut einkaufen, dies irgendwann auch von den Verbrauchern gespiegelt bekommen. „Umsatz steigert man über Qualität, nicht über Masse“, sagt er. Ob Walter Lang Recht hat, wird jeder Einzelhändler an seinem Nutella-Umsatz überprüfen können. Wenn Aldi nicht mehr sparen muss, dürfte der Durchschnittspreis für das Massenprodukt weiter in die Knie gehen.

Honig ist Honig – Naturprodukt ohne Kompromisse

Nach einer grundsätzlichen Entscheidung für ein Honig-Premium-Sortiment oder zumindest einer qualitativen Erweiterung des Honig-Regals macht es Sinn, sich näher mit der Produktgruppe zu beschäftigen. Die Gewinnung des Honigs erfolgt generell nach der Deutschen Honigverordnung. Demnach dürfen den Trachten keine anderen Stoffe als Honig zugeführt werden. Ihnen dürfen grundsätzlich auch keine honigeigenen Stoffe entnommen werden.

Honig ist also ein Naturprodukt, egal, ob er günstig oder hochpreisig, sortenrein oder gemischt angeboten wird. Prädikate wie kaltgeschleudert und wabenecht sind keine Qualitätskriterien und deshalb unzulässig. Qualitativ höhere Ansprüche kann jedoch Bio-Honig erfüllen. Sein Anteil am Honig-Gesamtmarkt im deutschsprachigen Raum ist nach Einschätzung der Walter Lang GmbH auf mindestens sechs bis acht Prozent zu beziffern.

Bio-Honig als Krönung des Sortiments

Die EU-Richtlinien des ökologischen Landbaus regeln vor allem imkerliche Maßnahmen wie Gewinnung, Behandlung, Verarbeitung und Lagerung des Honigs. Weil in Ländern wie Deutschland mit weit überwiegend industrieller Landwirtschaft kein Bienenzüchter eine Garantie dafür abgeben kann, dass auch chemisch behandelte Pflanzen angeflogen werden, stammen Nektar und Pollen nicht ausschließlich aus naturbelassenen oder ökologisch bewirtschafteten Gebieten.

Bio-Imker sind jedoch gehalten, den Honig dort sammeln zu lassen. Nach den EU-Rechtsvorschriften müssen Bio-Imker die Bienenvölker zudem in ausreichender Entfernung von nicht-landwirtschaftlichen Verschmutzungsquellen aufstellen.

Zentrales Thema der meisten Imker ist der Schutz der Bienen vor der Varroa-Milbe. Während konventionelle Imker eher zu chemischen Mitteln greifen, verwenden Bio-Imker organische Säure, die in Rhabarber, Spinat und in geringen Mengen auch in Honig vorkommt, um die Bienen vor dem sicheren Tod zu bewahren.

Zudem sind die Bienenstöcke und -Körbe der Bio-Imker aus natürlichen Materialien hergestellt und die für die Honigeinlagerung verwendeten Mittelwände aus unbelastetem Wachs. Die Flügel der Bienenkönigin werden nicht beschnitten. Jeder Imker, der sich von einer zugelassenen Stelle mindestens einmal jährlich kontrollieren lässt und den in der EU-Ökoverordnung festgeschriebenen Standard erfüllt, darf das Bio-Siegel auf seinen Produkten anbringen.

Die Richtlinien der deutschen Bio-Anbauverbände gehen in einigen Punkten über die der EU-Rechtsvorschriften hinaus. So lassen Bioland und Naturland größere Trachtanteile aus konventionellem Anbau nicht zu. Biokreis verbietet Honig aus Intensivobstplantagen.

Neben der Reinheit der Produkte geht es auch um artgerechte Tierhaltung. Bioland-Imker lassen zum Beispiel nach jeder Ernte ausreichend Honig für die Bienen zurück, nur im Winter wird zusätzlich Zucker verabreicht – selbstverständlich Bio-Zucker.

Schonende Verarbeitung des Honigs zur Erhaltung der ­Enzyme ist ein weiteres Kriterium bei Bioland und Demeter. Viele Imker arbeiten bereits nach Verbandsrichtlinien, scheuen aber die Kosten für eine Zertifizierung.

Gentechnik im Honig bleibt Thema

Da Bienen auch gentechnisch veränderte Pflanzen anfliegen, besteht die Gefahr des Eintrags entsprechender Pollen in den Honig. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat Pollen, die im Schnitt nur 0,4 Prozent Anteil am Honig haben, als Zutat eingestuft. Dadurch unterliegt er separat der Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel, wenn er mehr als 0,9 Prozent zufällige oder technisch unvermeidbare Spu­ren von GVO aufweist.

Würde diese Toleranzgrenze für den gesamten Honig gelten, könnten wesentlich mehr nicht gekennzeichnete GVO-Spuren enthalten sein. Die EU-Kommission will jetzt die Honig-Richtlinie dahingehend präzisieren, dass Pollen eindeutig als Bestandteil des Honigs gelten (was sie aus Imkersicht auch tatsächlich sind).

Der Deutsche Imkerbund sieht die geplante Novelle der Richtlinie kritisch: „Sie könnte letzten Endes dazu führen, dass selbst Honig, der vollständig oder zu großen Teilen aus Gentechnik-Raps stammt, nicht mit einem Hinweis auf die Gentechnik gekennzeichnet werden muss.“

Auch vor diesem Hintergrund kann nur Bio-Honig empfohlen werden, weil Bio-Imker ihre Bienenvölker bevorzugt in naturbelassenen und ökologisch bewirtschafteten Gebieten einsetzen. Da Verbraucher den Einsatz von Gentechnik mit überwiegender Mehrheit ablehnen, kommt man damit auch den meisten Einzelhandelskunden entgegen.

Obwohl gentechnisch veränderte Pflanzen verstärkt in Übersee eingesetzt werden (aktuell hat der Staat Mexiko die ersten Felder für die Aussaat von Gen-Soja gegen den Protest der Imkervereinigungen genehmigt) sieht Walter Lang noch längst keine akute Gefahr für den Import-Bio-Honig: „Selbst in Brasilien ist der Soja-Anbau nicht über das ganze Land verteilt.

Der größte Teil des Landes ist naturnah oder allenfalls extensiv bewirtschaftet. Manche Gebiete, in denen wir Bio-Honig sammeln lassen, sind sogar nur mit dem Boot zu erreichen.“ Eine 100 prozentige Aussage zur Gentechnikfreiheit bei Honig gebe es aufgrund der vielfältigen Umwelteinflüsse jedoch nicht.

Lieferanten von Bio-Honig für den Einzelhändler

Größte Anbieterin von Bio-Honig ist die Walter Lang GmbH. Je nach Ernte und Nachfrage liegt der Anteil von Bio-Honig an der Gesamtproduktion bei 80 bis 85 Prozent. Ab einer Mindestmenge von 1.500 Kilogramm kann man mit den Bremern ins Geschäft kommen und sich seinen Privat-Label-Honig abfüllen lassen. Dafür stehen unterschiedliche Glasgrößen (50 bis 1.000 Gramm) und -Formen zur Verfügung.

Wem die Menge für den Anfang zu groß ist, der kann sich eine halbmanuell abgefüllte Probecharge liefern lassen. Das gilt auch für Spezialitäten, die ohnehin meist nur in geringen Mengen bezogen werden. Gerrit Lang, zuständig für die gesamte Honigaufbereitungstechnik, hebt das für die Werterhaltung des Honigs wichtige schonende Abfüllsystem des Unternehmens hervor.

Mehr als 50 verschiedene Sorten und Spezialitätenhonige aus aller Welt sind bei dem Bremer Familienbetrieb im Angebot. Davon stammen einige aus der eigenen Imkerei Sonnentracht, die nach Bioland-Richtlinien bewirtschaftet wird. Sie umfasst etwa 600 bis 800 Bienenvölker, die im Wanderbetrieb an traditionsreichen Orten (z.B. Heidelandschaften) eingesetzt werden. Ein hauseigenes Labor und die Zusammenarbeit mit führenden deutschen Honiglaboren sorgen für die erforderlichen Qualitätsanalysen und -kontrollen.
www.biohonig.eu

Auch das Familienunternehmen Breitsamer + Ulrich GmbH & Co KG, das unter eigenem Label nur konventionellen Honig anbietet, füllt Privat-Label-BioHonig ab. Bezüglich der Abnahmemengen ist eine allgemeingültige Aussage nur bedingt möglich, da sie u.a. abhängig sind von Sorte, Qualität und Glasform. Mindestabnahme sind ca. 10.000 Gläser pro Jahr von einer Sorte eines Standardartikels.
www.breitsamer.de

Wer regionale Aspekte mit Bio verbinden will, kann sich direkt von Imkern vor Ort beliefern lassen. Heimische Ware ist meist ein gutes Verkaufsargument, der Nachteil sind die oft begrenzten Mengen. Wer keinen Imker kennt, wendet sich an regionale Imkerverbände, die Kontakte vermitteln können. Imker-Porträts zeigen die Arbeitsweise der einzelnen Imker und helfen bei der Entscheidung.
www.bioimkerhonig.de

Honig aus aller Welt auf der BioFach

Weil rund 80 Prozent des in Deutschland verzehrten Honigs importiert werden muss, bietet die weltweit größte Messe für Bio-Produkte, die BioFach in Nürnberg, eine gute Gelegenheit, sich einen Überblick über das internationale Angebot zu verschaffen. Fünf Prozent der Importe stammen aus Rumänien, das als Land des Jahres mit vielen Ausstellern in Nürnberg vertreten ist.

Horst Fiedler


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