Start / Ausgaben / BioPress 48 - August 2006 / Bio-Zukunft liegt im LEH

Bio-Zukunft liegt im LEH

Alte Vertriebsschienen für Naturkost verlieren deutlich Marktanteile

Die Umsatzzahlen des Bio-Lebensmittelmarktes untergliedert nach Vertriebsschienen in Deutschland im Jahr 2005 liegen vor. Gewinner ist der Lebensmitteleinzelhandel, vor dem Naturkosthandel und den Sonstigen (Drogeriemärkte und Lieferdienste). Verlierer sind die Direktvermarkter und die Reformhäuser. Der Gesamtmarkt ist nach den Erhebungen von Prof. Ulrich Hamm von der  Universität Kassel um elf Prozent von 3,5 auf 3,9 Milliarden Euro gewachsen. Das ist etwas weniger als nach den vorläufigen Zahlen zu Jahresbeginn. Damals war die Branche etwas zu optimistisch von vier Milliarden Bio-Umsatz ausgegangen.

Umsätze und Umsatzanteile für Öko-Lebensmittel in Deutschland nach Absatzebenen

(in Milliarden Euro ohne Tabakwaren und Außer-Haus-Verzehr)

 


1) Landwirte einschl. Wochenmärkte und Lieferdienste von Erzeugern - 2) Bäckereien, Fleischereien - 3) Einschl. Feinkostgeschäfte - 4) Drogeriemärkte, Tankstellen, Kioske, Versandhandel u.a.{_umbruch_}Quelle: Prof. Dr. Ulrich Hamm, Fachgebiet Agrar- und Lebensmittelmarketing, Universität Kassel{_umbruch_}

 

Der LEH  ist lt. Statistik inzwischen der Primus in der Bio-Vermarktung mit einem Umsatz von 1,6 Milliarden Euro. Das entspricht einem satten Wachstum von 25 Prozent im Jahr 2004/2005. Experten hatten vorsichtig 18 Prozent geschätzt. Aber die Aktivitäten des Discounts, dessen Umsätze beim LEH mitgezählt werden, kamen überraschend hinzu. Allein der Zuwachs des LEH in absoluten Zahlen von 320 Millionen Euro ist größer als der gesamte Bio-Umsatz in den Reformhäusern. Mit 41 Prozent Anteil ist der traditionelle Lebensmitteleinzelhandel klarer Marktführer trotz kleiner Basissortimente und Verkaufsanstrengungen, die im gesamten gesehen und speziell bei der Rewe, noch als minimal gelten müssen.


Bio-Umsätze im Lebensmitteleinzelhandel{_umbruch_}{_umbruch_}Quelle: Prof. Dr. Ulrich Hamm, Fachgebiet Agrar- und Lebensmittelmarketing, Universität Kassel

Das Wachstum im LEH dauert schon acht Jahre an. Bereits Ende der 90-er legte der klassische Handel kräftig zu. In den drei Jahren von 1997 bis 2000 um insgesamt 66 Prozent. In der BSE-Krise 2001 um fast 40 Prozent innerhalb eines Jahres. 2002 war es mit zehn Prozent auch noch zweistellig. 2003 kennzeichnete mit 3,8 Prozent das schwächste Jahr. Die Luft schien raus zu sein. Aber 2004 ging es mit 17 Prozent für viele überraschend wieder weiter bergauf.

Wer die Entwicklung auf der Anuga im Herbst 2003 genau beobachtete und zu interpretieren wusste, konnte sich schon auf den Aufwärtstrend einstellen. Bei den rundum sichtbaren Bioaktivitäten auf der Anuga 2005 und der deutlich starken Präsenz des Handel auf der diesjährigen BioFach dürfte 2006 erneut ein starkes Wachstumsjahr werden, zumal sich die Discounter immer stärker engagieren und auch der klassische Bio-Käufer Aldi-Kunde ist. Schon deshalb sagen Fachleute wieder ein hohes zweistelliges Wachstum für das Bio-Sortiment im LEH voraus. Auch das große Interesse des Handels an einer Veranstaltung wie das 2. Kölner Bio Handels-Forum  im September lässt ein ähnliches Wachstum wie 2005 erwarten. Bis zum Jahr 2010 dürfte sich der Marktanteil des LEH bei 50 bis 60 Prozent eingependelt haben. Der Umsatz dieser Vertriebsschiene wird dann voraussichtlich so groß sein, wie momentan der gesamte Bio-Markt.

Der Naturkostfachhandel erreicht 2005 trotz eines wesentlich höheren Niveaus in Präsentation, Beratung und Sortiment mit 990 Millionen Euro Umsatz weit weniger Wachstum und scheiterte knapp an der Milliarden-Umsatzhürde. Mit 90 Millionen mehr Umsatz (900 Millionen 2004) schreibt er zehn Prozent reales Wachstum. Der Marktanteil schrumpfte dennoch leicht von 26 auf 25 Prozent. 1997 lag der NFH  mit einem Marktanteil von 31 Prozent noch vor dem LEH mit 28 Prozent. Im 21. Jahrhundert gibt es eine neue Vormachtstellung bei den Vertriebskanälen. Im Jahr 2000 beherrschte der LEH schon ein Drittel des Marktes und der NFH unterschritt die 30 Prozent Marktanteil.

Die Sonstigen mit den Drogeriemärkten als tragende Säule wuchsen mit 290 Millionen Euro 2005 (Vorjahr 250 Millionen Euro)  ebenfalls zweistellig, wodurch der Marktanteil um einen Prozentpunkt auf acht Prozent gesteigert werden konnte. Neue Marktteilnehmer wie die Drogeriekette Müller aus Ulm und Sortimentsausweitungen lassen weiter zweistellige Wachstumsraten erwarten.

Anderswo schrumpft der Bio-Umsatz

Größter Verlierer sind die Reformhäuser, die nicht nur Marktanteile abgeben und von acht auf sechs Punkte schrumpften, sondern auch einen Umsatz-Rückgang von 270 Millionen auf 240 Millionen Euro hinnehmen mussten. Noch zu Beginn des Jahrhunderts hatten die Reformhäuser einen zweistelligen Anteil. Bis 2002 wuchsen die Bio-Umsätze. Drei Jahre blieben sie stabil, was bereits einen Marktanteilsverlust nach sich zog, und jetzt waren sie erstmals rückläufig: Eine gefährliche Entwicklung in Richtung Bedeutungslosigkeit droht.

Zweiter Verlierer sind die Direktvermarkter. Deren Umsatz sank real von 560 Millionen auf 540 Millionen Euro. Marktanteile wurden ebenfalls abgegeben. Mit 14 Prozent (16 Prozent 2004 bzw. 19 im Jahr 1997) liegt die Vertriebs-Schiene dennoch souverän auf dem dritten Platz vor den Sonstigen.
Die Umsätze des Handwerks (Bäcker und Metzger) blieben gleich, die Marktanteile sanken um einen Punkt auf sechs Prozent. Wenn die Bäckereien im Vorkassenbereich der Supermärkte Bio entdecken, können die Umsätze des Handwerks jedoch ganz schnell überproportional wachsen.

Bei den Marktanteilen sind die neuen Kanäle im Kommen, während die traditionellen Vertriebsschienen für Bio verlieren. Die Bio-Zukunft hat den Mainstream erreicht und scheint im Supermarkt zu liegen.

Anton Großkinsky
Erich Margrander


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