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Vom Feld in die Hauptstadt

Die Bio-Gärtnerei Watzkendorf sorgt für regionale Wertschöpfung im Raum Berlin

Vom Feld in die Hauptstadt

130 Kilometer nördlich von Berlin, im südlichen Mecklenburg-Vorpommern sitzt die Bio-Gärtnerei Watzkendorf und versorgt die Hauptstadt das ganze Jahr über mit frischem Bioland-Gemüse. Die Preisträgerin des Bundeswettbewerbs Ökologischer Landbau hat sich durch ihre Jungpflanzenanzucht, Forschungsprojekte und Wissensvermittlung einen Namen gemacht. Mit einer Kombination aus Feldgemüse- und geschütztem Anbau hat sich Geschäftsführerin Sabine Kabath ganz dem Ziel der regionalen Wertschöpfung verschrieben.

Watzkendorf, heute ein Ortsteil der Gemeinde Blankensee, unterlag zu DDR-Zeiten der Bodenreform, das heißt, das Land wurde an Kleinbauern umverteilt. Später formierten sich dort die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) Gemüsebau Watzkendorf, die wiederum nach der Wende abgewickelt wurden. 

Die heutige Bio-Gärtnerei Watzkendorf entstand 1996 aus einem Projekt der Arbeitsbeschaffung heraus. Von Anfang an wurde die GmbH von Geschäftsführerin Sabine Kabath als Bioland-Betrieb aufgebaut. Im Jahr 2007 holte sie Holger Kasdorf als weiteren Geschäftsführer mit ins Boot und beide wurden alleinige Gesellschafter der GmbH. Inzwischen ist als Junior-Geschäftsführer Maximilian Liebrich mit von der Partie, während Kabath sich ganz auf die Geschäftsführung der 2016 gegründeten Tochter ‚Bio Vertrieb Watzkendorf GmbH‘ konzentriert. 

„Angefangen haben wir mit sieben Hektar Ackerfläche und sechs Folientunneln – heute sind es 26 Hektar Freiland und 30 Folientunnel“, erzählt Kabath. Bis auf fünf Hektar ist alles im Eigentum der Gärtnerei. Um die 40 Mitarbeiter sorgen für reibungslose Abläufe: darunter Gärtner, Techniker, LKW-Fahrer und Bürokräfte. 

Angebaut werden Gurken, Tomaten, Salat, Lauchzwiebeln, Kohlrabi, Spinat und Kartoffeln – „alle Kulturen, die man pflanzen kann“, erläutert Kabath. Insgesamt sind rund 25 Sorten in der Produktion. Für Sägemüse (wie Möhren oder Pastinaken) wären komplett unterschiedliche Techniken nötig, so die Geschäftsführerin. 

Dabei sind die Bedingungen in der Region herausfordernd. Mit 30 bis 35 Bodenpunkten ist die Ertragsfähigkeit des eiszeitlich geprägten Bodens unterdurchschnittlich. „Gerade im Frühjahr ist es schwierig, wenn wir eigentlich einen schnellerwärmenden Boden brauchen“, berichtet Kabath. Und: „Unsere Stärke ist die Vielfalt an geschützter Fläche. Damit können wir eine ganzjährige Versorgung garantieren.“ Rund die Hälfte des Umsatzes wird mit dem Anbau in Gewächshaus und Folientunneln erzielt. 

Als großes Steckenpferd hebt die Geschäftsführerin ihren bunten Mixsalat hervor – ein halbes Convenience-Produkt mit einem Dutzend unterschiedlichen Komponenten von Blutsauerampfer über Asiasalat bis zu Rote Bete und Mangold. Er wird im 100-Gramm-Schälchen angeboten und findet laut Kabath großen Anklang. Ein Kilo-Gebinde wurde extra für die Gastronomie entwickelt. Neben den eigenen Produkten bündelt und vermarktet die Vertrieb GmbH auch Gemüse von Partnerbetrieben aus der Region.

Gewächshaus für Jungpflanzen – Bio von Anfang an

Im Jahr 2012 tätigte das Unternehmen seine erste große Investition von rund 1,5 Millionen Euro in ein 5.600 Quadratmeter großes neues Gewächshaus. Anlass war das zunehmende Engagement der Bio-Verbände für die eigene Bio-Jungpflanzenanzucht in dieser Zeit, um Verwechslung zu vermeiden und ‚Bio von Anfang an‘ zu gewährleisten. 

„Angefangen haben wir mit einer kleinen Erdtopfpresse“, erzählt Kabath. Inzwischen ist das Säen für die Jungpflanzen automatisiert. Erst im vergangenen Jahr wurde in eine moderne Anlage investiert, die 230.000 Euro gekostet hat und von der EU kofinanziert wurde. Nach der Aussaat kommen die Pflanzen bei einer Kompromisstemperatur von 17 Grad Celsius zum Ankeimen in den Keimraum. Anschließend wird ihr Wachstum von viel Licht und einer Fußbodenheizung sowie der guten Luftzirkulation im 6,5 Meter hohen Gewächshaus unterstützt. Das Gewächshaus nutzt die Abwärme der benachbarten Biogasanlage und den Strom von drei Photovoltaikanlagen auf dem Dach. Zur Bewässerung wird aufgefangenes Regenwasser verwendet. 

Bei der biologischen Züchtung wird die Gärtnerei vom Verein Bioverita unterstützt. Neben der Verwendung für den eigenen Anbau werden die Gemüse-Jungpflanzen später an andere Gärtnereien und Gartencenter sowie an den Bio-Gartenversand Jeebel geliefert, im klimatisierten LKW oder im schnellen Transporter. Rund 600 verschiedene Sorten von Asiasalat bis Zucchini sind im Angebot. „Kollegen können auch eigenes Saatgut für die Jungpflanzenzucht schicken“, merkt Kabath an – auch wenn das eine logistische Herausforderung darstelle.

Gärtnerei trifft Forschung

In einem anderen Teil des Gewächshauses wachsen gerade Gurken in den letzten Zügen. „Im Frühjahr säen wir hier Radieschen, Anfang April werden sie von Jungpflanzen verjagt, im Mai folgen wieder Gurken oder Tomaten“, erzählt die Geschäftsführerin. Über den Gurken sind Solarmodule angebracht, die sich je nach Sonnenbedarf auf ‚Befehl‘ der Pflanzen in verschiedene Richtungen bewegen. So teilen sich Pflanze und Solaranlage sinnvoll die Sonnenenergie. Das responsive Agrivoltaiksystem ist im Zuge des EU-Projekts Regace installiert worden, das bis Januar 2026 gelaufen ist.

Die Gärtnerei führt daneben auch eigene Projekte zum Nährstoffkreislauf durch. Der Boden, auf dem die Gurken wachsen, ist mit gehäckseltem Grünschnitt bedeckt – „am Anfang eine Schicht von zehn Zentimetern, die nach und nach von den Pflanzen ‚aufgegessen‘ wird“, verbildlicht Kabath. Der Gründünger besteht aus selbst angebautem Wickroggen und wird nach dem ‚Cut & Carry‘-Prinzip auf dem Boden ausgebracht. 

Im Jahr 2017 ist die Gärtnerei in die Bienenzucht eingestiegen. „Die Sparte ist bei uns nicht wirtschaftlich, aber wichtig für die Biodiversität und unsere eigene Sensibilität dafür“, erklärt Kabath. Ein Drittel der Freilandflächen befindet sich immer ‚in Urlaub‘ und dient für anderthalb Jahre den Bienen als Nahrungsquelle sowie dem Boden zur Nährstoffanreicherung. 

Vom Feld direkt nach Berlin

Groß geworden ist die Bio-Gärtnerei Watzkendorf mit dem Bio-Großhändler Terra Naturkost, mit dem sie schon seit ihren Anfängen vor 30 Jahren zusammenarbeitet. Einen weiteren langjährigen Partner hat sie mit dem Abo-Service Märkische Kiste gefunden. Hauptabsatzmarkt ist Berlin. Die LKW-Flotte fährt inzwischen aber auch nach Hamburg, Leipzig und Dresden. „Was wir morgens ernten, schaffen wir vormittags nach Berlin, wo es kommissioniert wird und schon am nächsten Tag im Bioladen liegt“, eröffnet Kabath. Eine so enge Logistik könne sonst kaum einer leisten. 

Vor zwei Jahren hat die Bio-Gärtnerei die Entscheidung getroffen, sich breiter aufzustellen, nachdem Terra Naturkost nicht mehr genügend Ware abnahm. Sie begann mit der Belieferung des Naturkostfachhändlers dennree und des Online-Lieferdiensts Knuspr. „Dennree regionalisiert sich aktuell – davon profitieren wir“, erklärt Kabath. Auch mit der Gastronomie werde inzwischen gut zusammengearbeitet, zum Beispiel als „ganz junges Pflänzchen“ mit dem Studierendenwerk Greifswald, das kleine Chargen für die Mensa der Hochschule in Neubrandenburg abnimmt. Allerdings sei der Bürokratieaufwand dafür recht groß.

Die Edeka- und Rewe-Märkte in der Umgebung hätten bislang wenig Interesse. „Einen inhabergeführten Edeka haben wir früher mit viel Ware beliefert“, erzählt Kabath. Als der Markt in die Hände der Tochter überging, habe diese die Kooperation allerdings wieder beendet – ihr war der zusätzliche Aufwand für die regionale Streckenlieferung zu groß. 

„Wenn ich was bewegen will, muss ich mich selbst auch bewegen“, weiß die Geschäftsführerin. Der Bio-Großhandel verpasse hier gerade seine Chance. Er könnte die Rolle des Öko-Logistikers für die Region Berlin/Brandenburg übernehmen, sei aber zu zurückhaltend, um offen den selbstständigen Einzelhandel zu beliefern. Dabei seien neue Absatzkanäle nötig – „nur so kann die bio-regionale Erzeugung sich weiterentwickeln.“

Bio sei, was den Preisdruck angeht, in der Welt des konventionellen Handels angekommen. Lag der Anteil der Gärtnerei am Endverkaufspreis früher bei 50 Prozent, so liege er jetzt noch bei 20, maximal 30 Prozent. „Wir versuchen unsere Werte wie die Fruchtfolgen und den Biodiversitätsschutz trotzdem weiterhin hochzuhalten“, betont Kabath. Ihr Traum wäre es, die Fruchtfolgen in Absprache mit Kollegen über verschiedene Betriebe rotieren zu lassen. „Das wäre wirklich regionale Effizienz! Gemeinsam können wir den Berliner Markt mit Bio versorgen“, ist sie überzeugt. 

Lena Renner

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