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Die Großfläche kann Bio

Im Marktkauf SB-Warenhaus in Bielefeld werden biologische Lebensmittel kompetent vermarktet


Das neue Marktkauf-SB-Warenhaus in Bielefeld hat Maßstäbe gesetzt für die Vermarktung von Bio-Lebensmitteln auf der Großfläche. Mit rund 2.500 Artikeln wird ein umfangreiches Sortiment mit hohem Frische-Anteil geboten. Glanzpunkte sind der Käse und das Fleisch in Bedienung. Das Trockensortiment liefert der Großhändler Naturkost West. Über die eigene Vorstufe wäre diese Fülle nicht möglich gewesen. Voraussetzung für die Belieferung durch den Fach-Großhändler war eine separate Bio-Abteilung. 200 Quadratmeter haben die Ladenplaner hierfür eingerechnet und optisch kenntlich gemacht. Die Ostwestfalen sind dabei recht offensiv vorgegangen. Die Fachabteilung liegt direkt im Kundenlauf am Beginn des Lebensmittelbereichs, nach dem Non-Food, das etwa die Hälfte der Fläche des SB-Warenhauses belegt.


Im Bielefelder Stadtteil Gadderbaum steht das Flagschiff des Großflächenbetreibers Marktkauf. Im September wurde das neue Haus eröffnet. Der Markt hat 5.500 Quadratmeter Verkaufsfläche, dazu kommt ein separater Getränkemarkt mit 700 Quadratmeter und eine Tankstelle. 500 Parkplätze stehen den Kunden zur Verfügung, Haltestellen für Bus- und Straßenbahn befinden sich direkt vor dem Gelände.

Eine Reihe von Fachgeschäfte und Dienstleistern ergänzen das Marktkauf-Angebot im Vorkassenbereich. Optiker, Bäckerei, mediterrane Feinkost und ein chinesischer Imbiss zählen zum Beispiel dazu. In den Bau hat das Handelsunternehmen 20 Millionen Euro investiert. In dem Warenhaus sind mehr als 200 Mitarbeiter beschäftigt. Der Neubau löste den ältesten Marktkauf das Haus Nr. 1 von 1971 ab.

Ein bio-affines Umfeld

Im Stadtteil Gadderbaum liegen die Bodelschwingschen Anstalten, eine soziale Einrichtung der Diakonie. In der Nachbarschaft leben viele Menschen mit pädagogischen und medizinischen Berufen. Bei einer zweistelligen Prozentzahl an Grünen-Wählern ist zudem ein bio-affines Umfeld gegeben. Außerdem besteht bei einer Frequenz von 6.000 Kunden am Tag die Chance, neue Bio-Konsumenten zu gewinnen.


Kern des Bio-Sortiments ist der Shop-in-Shop mit 200 Quadratmeter Fläche. Mehr als 2.000 Artikel sind hier versammelt. Die klassischen Trockenprodukte ergänzt um Naturkosmetik bilden ein breites und tiefes Naturkostsortiment. Selbst biologisches Tierfutter von Yarrah wird geführt.

Doch Bio ist keine Insel im Marktkauf. 600 Artikel sind im Sortiment integriert. Die Frische, Thekenware und Tiefkühlkost sind in den jeweiligen Warengruppen platziert. Allein in der Bedienung werden mit Fleisch, Wurst und Käse 250 Produkte offeriert. Hinzu kommen Käse im Prepacking, vorverpacktes frisches Brot und im SB-Kühlregal Wurst, Mopro, Sojaprodukte und frische Teigwaren in Bio-Qualität. In der Weinabteilung sind auch noch ein Dutzend Tropfen aus kontrolliert biologischem Anbau untergebracht.

Die Großfläche bietet Regal-Platz. Enge wie im kleinen Supermarkt, der mit dem Pflichtsortiment voll ist, gibt es hier nicht. Die Auswahl ist bestechend und identisch mit einem Fachgeschäft. Allerdings nur geringfügig günstiger. So mancher Fachhandelskunde musste enttäuscht feststellen, dass auf der Großfläche kein Bio-Schnäppchen zu machen ist. „Wir haben den Preis noch nie über die Qualität gestellt", betont der Regionalleiter West, Egbert Prante. Preisführerschaft auf der Großfläche ist nicht das Ziel von Marktkauf.

Beratung durch Fachpersonal


Die Bio-Fachverkäuferin Birgit Wilding und die Oecotrophologin Jennifer Möller führen die Abteilung. Mit einem roten Knopf kann der Kunde das Fachpersonal herbeirufen und sich beraten lassen. Häufig gestellt wird die Frage nach dem Unterschied zwischen Demeter- und Bioland-Milch. Wilding erklärt den Verbrauchern dann, dass Demeter-Milch nicht homogenisiert ist. Ergebnis der Beratung ist meist der Griff zur biologisch-dynamischen Milch. „Bei uns wird oft das Teurere bevorzugt", berichtet Wilding. Großfläche heißt nicht automatisch kleiner Preis. Oft sind es Allergiker, die das geschulte Personal um Rat fragen. Mit dem Abverkauf ist die Abteilungsleiterin zufrieden: „Es gibt nur wenige Artikel, die sich nicht drehen". Renner ist wie vielerorts die Bionade.

Ein Warenhaus kann mehr als nur ein Trockensortiment abbilden. Es kann in Teilen leistungsfähiger als ein Fachgeschäft sein. Bei Marktkauf ist Fleischkompetenz, die für Bio genutzt wird, gegeben. Auf vier Thekenmetern gibt es Schwein, Kalb, Rind und Lamm vom Biopark aus Mecklenburg-Vorpommern. Speicher hat den Mut gehabt in Bedienung ausschließlich auf Bio-Fleisch zu setzen, herkömmliches Fleisch wird nur in SB verkauft, um Verwechslungen auszuschließen. Der Mut wurde belohnt: 20 Prozent beträgt der Bio-Anteil.

Selbst zerlegt vom Markt-Metzger kommt ein Bio-Preis heraus wie für herkömmliches Qualitätsfleisch in der Metzgerei. Beim Schnelldreher Hackfleisch zeigt das Preisschild für ein Kilo Mett 6,99, für Gemischtes 7,99 und für reines Rinder 8,99 Euro. An diesen Preisen können Handel und Erzeuger Spaß haben. „In SB fertig verpackt wäre es zu teuer", erläutert Speicher das Konzept. Die eigene Zerlegung ist preiswerter als die Dienstleistung durch die Vorstufe. Der hohe Preisabstand zum herkömmlichen SB-Fleisch würde den Absatz zusätzlich bremsen. Für die eigene Zerlegung muss der Markt bio-zertifiziert sein.

Aufsteiger Bio-Wurst


Bio-Wurst ist ein Aufsteiger in dem Markt. Rack & Rüther aus Hessen ist mit seiner Bio-Range mit 25 Artikeln in der Theke vertreten. Die Bio-Feinkostwurst ist nichts für Geizige, wird aber trotzdem angenommen. Die Nachfrage ist so groß, dass in Fuldabrück in der Wurstküche in Zusammenarbeit mit dem Filialisten neue Bio-Sorten entwickelt werden. Leber- und Fleischwurst sowie die Aufschnitt-Sorten sind bei den Westfalen beliebt.

Für Rack & Rüther Geschäftsführer Gernot Peppler ist Marktkauf der Wunsch-Partner auf der Großfläche. Der erfahrene Kaufmann hat sich umgetan in Deutschlands SB-Warenhäusern und kam zu dem Schluss: Das passt. Auch das SB-Kühlregal ist mit Dieter Hein, Gut Eichenhain und Bio-Wertkost reichhaltig mit Wurst bestückt.

Die Käsetheke überzeugt ebenfalls. 60 Bio-Sorten sind da übersichtlich und deutlich wahrnehmbar aufgebaut. Vom 80 Cent Sonderangebot für einen jungen Gouda bis 2,09 Euro für eine Ziegenrolle reicht die Preisspanne. Das Gros ist zwischen 1,50 und 2,00 Euro angesiedelt. Die konventionellen Bedienungskäse liegen überwiegend zwischen einem und 1,50 Euro, sind also eine Preisklasse darunter. Bio-Mopro läuft überwiegend in SB. Der Kunde wird mit Auswahl, nicht mit Tiefpreis gelockt. Es werden nicht nur Standardsorten, sondern auch Spezialitäten angeboten. Zum Beispiel sind Schmelz- und Handkäse in Bio-Qualität zu haben. „Da wo der Discounter aufhört, fangen wir an", betont der zuständige Warenbereichsleiter Anne Johannes Buesink.

Bei frischem Brot glänzt das Warenhaus ebenfalls. Im Vorkassenbereich hat die Großbäckerei Schäfers, an der Edeka beteiligt ist, zwei Bio-Brote im Regal. Auf der Bio-Fläche wird Brot und Kleingebäck des regionalen Bio-Bäckers Alfred’s vorverpackt verkauft. In der Backstation werden TK-Teiglinge von Schedel zu leckeren Broten. Die Schwelle von 1.99 Euro wird eingehalten. Das Gewicht ist mit 400 oder 500 Gramm variabel. 15 Sorten sind aktuell im Regal. Die erfolgreiche Linie soll in der Zukunft mit Bio-Feingebäck ausgebaut werden.

Das Bio-O+G-Regal ist je nach Saison mit 30 bis 40 Artikeln bestückt. Äpfel und Bananen werden auch lose verkauft. Die Bio-Bananen gehen zum gleichen Preis wie das herkömmliche Pendant über die Kasse. Eine richtige Strategie: Die krumme Frucht ist der stärkste Bio-Artikel. Salate und Schnippelware fehlen. Geschnittenes O+G gibt es bisher nur regional in zwei Gebieten der Edeka. Es wird in Kooperation von den Unternehmen Gartenfrisch Jung und Biobetrieb Käpplein geliefert.

Das grüne Bio-Sortiment wird in einem verspiegelten 14 Meter langen Regal gefällig und gepflegt präsentiert. Die Marktkauf-Großhandlung zählt zu den drei besten Kunden der Bio-Abteilung des Edeka Fruchtkontors. Das Programm läuft in allen Filialen und kommt auf einen weit überdurchschnittlichen Umsatz-Anteil von viereinhalb Prozent in der Warengruppe O+G. „Unsere Stärke liegt ganz klar bei Frische", sagt Buesink. Das Bio-Trockensortiment kommt Deutschland weit gerade mal auf eine Umsatzanteil von ein Prozent.

In Bio-TK sind die wichtigsten Artikel vorhanden. Eis, Pizza von Wagner, Gemüse von Bio-Wertkost, Moin-Backwaren, Demeter-Fertig-Gerichte, Kräuter von Ökoland. Auch Torte von Bucheckchen aus Sachsen in Konditor-Qualität ist in der Truhe. Hier zeigt sich die Grenze des Machbaren. Faktor vier oder fünf beim Preisabstand zur herkömmlichen Ware ist dem Kunden nicht vermittelbar. Tiefgefrorener Bio-Fisch fehlt noch.

Alles untereinem Dach

Die Doppelkunden von Bio-Laden und Marktkauf sind überrascht vom umfangreichen Bio-Angebot des Warenhauses. Sie kommen nicht zu Marktkauf wegen der 2.500 Bio-Artikel, sondern wegen der 42.500 anderen Produkte. Textilien, Spielsachen, Haushaltswaren, Schreibwaren und Getränkekisten werden geholt. Manche freuen sich, dass sie nach dem Supermarktprinzip „alles unter einem Dach" auch Bio-Produkte bekommen. Das Gros sind Neukunden, die die Sortimentserweiterung nutzen.

Der Anstoß kam wie so oft aus dem Privatleben. „Ich habe festgestellt, dass es im eigenen Haushalt immer mehr Bio-Artikel gab, die nicht von Marktkauf waren", erläutert GL Speicher den Hintergrund. Hinzu kam die berufliche Erfahrung am alten Standort. „Mit einem fünf Meter Block mit 350 Artikeln haben wir 380.000 Euro umgesetzt, ohne uns stark zu engagieren". Die Idee zum Vollsortiment einschließlich Naturkosmetik und ökologischen Wasch-, Putz und Reinigungsmitteln reifte. Auf der BioFach in Nürnberg orientierte sich ein Marktkauf-Team über die Möglichkeiten und entwickelte ein Konzept, das funktioniert. „Bio-H-Milch verkaufen wir inzwischen palettenweise", berichtet Christian Walbrodt, Verkaufsleiter West.

Das Flagschiff am Firmensitz in Bielefeld hat Pilotfunktion. Sieben Prozent Bio-Anteil am Umsatz kann der Markt vorweisen. In den anderen 185 Häusern ist das Sortiment noch bescheidener. Die SB-Warenhäuser führen 700, die Verbrauchermärkte 300 Bio-Produkte. Da kann noch viel aufgebaut werden.

Anton Großkinsky


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