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Editorial

Editorial Ausgabe 113/Oktober 2022, 4. Quartal

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Liebe Leserinnen, liebe Leser.

Krisen, Krisen und nochmal Krisen. Und schon sollen erste Transformations-Erfolge zurückgedreht werden. Das ist die größte Krise! Seit zehn Jahren ist der Atom-Ausstiegstermin gesetzt. Jetzt soll der Weiterbetrieb von Kraftwerken vor dem Energienotstand retten. In der Landwirtschaft wird Bio zum Luxusgut erklärt und die Rückkehr zur Agrochemie-Bewirtschaftung verlangt, weil die mit höheren Erträgen vor Hungersnot bewahren würde. Kleingeister muss man nicht suchen, auf die kann man sich gerade in schwierigen Zeiten immer verlassen.

Biolandwirtschaft kann die Welt ernähren. Das sagt heute die Wissenschaft und steht so im Welt-Ernährungsbericht der UN. Und viele offizielle Studien bewerten die negative Wirkung des massenhaften Pestizideinsatzes auf die Gesundheit. Nicht so harmlos, wie ständig behauptet.

Ernährungspolitik entscheidet heute Wahlen mit. Also wird Bio über alle Parteigrenzen hinaus als wichtiges Thema  genutzt. Ein Prozent Bio-Umsatzanteil vor 20 Jahren ist gestiegen auf fast zehn Prozent. Weitere Steigerungen auf 25 bis 30 Prozent sind politisch gewollt.

Dass Großkonzerne der Lebensmittelwirtschaft nicht einfach zuschauen, wie ihnen neues Ernährungs-Bewusstsein ins Handwerk zu pfuschen droht, war abzusehen. Gentechnik in der Landwirtschaft hat sich bei uns wegen breiter Gegenwehr nicht durchsetzen können. Daraus hat der globale Ernährungs-Kapitalismus gelernt.

Sie steigen schneller in neue Geschäftsfelder ein. Vegetarische und vegane Lebensmittel waren Jahrzehnte lang nur im Reformhaus und in den Bioläden ein Thema. Lebensmittel-Konzerne haben sich der veganen Ernährung angenommen und die Supermarktregale besetzt, bevor die Plätze dort von noch mehr Bio erobert würden.

Ein perfektes Ablenkungsmanöver. Erstaunlicherweise hat ausgerechnet die Billig-Fleischwirtschaft sich der Erfindung und Herstellung von Veganprodukten angenommen. Der Rückgang des Fleisch- und Wurstabsatzes scheint vollständig kompensiert.

Jetzt steht uns die Kunstfleisch-Invasion ins Haus. Da müssen die Konzerne den Wettbewerb mit Bio nicht fürchten. Billigfleisch aus dem Bioreaktor soll dem Tierwohl und auch dem Klima dienen, weil die Bioreaktoren dezentral in den Quartieren aufgestellt werden und Tiertransporte dann wegfallen. Vor allem die Jugend soll das Retortenfleisch nachfragen. Obwohl noch keiner auch nur ein Stück kaufen konnte! Sind wir so sehr im Griff der Marketingwirtschaft, dass die uns das einreden können? Es ist unerklärlich, warum nicht gleich alle mit Abscheu reagieren wie beim Kunstkäse  auf der Pizza oder bei gentechnisch veränderten Lebensmitteln.

In der aktuellen multiplen Krise erlebt der Bioabsatz Einbrüche. Der Naturkostfachhandel leidet. Inflationsängste treiben Bio-Käufer in die Discounter. Eine interne Umfrage von bioPress im August hat im Bio-Absatz bei Nahversorgern und im SEH Aufwärtstendenzen gezeigt. Die Frage nach der Aufnahme neuer Produkte ergab Bestnoten beim SEH, abgeschlagen war der Fachhandel. Letzteres Phänomen ist eventuell gespeist durch den Sättigungsgrad der Bio-Vollsortimenter. Die Interpretationen aller Ergebnisse stehen auf unserer Internetplattform www.bioPress.de.

In den letzten 40 Jahren hat keine der Krisen Bio aufgehalten. Es ging immer weiter bergauf. Wenn bei Lebensmitteln gespart werden muss, dürfte es die Kauflust der Biokunden nicht im gleichen Maße treffen. Nach den Absatzsteigerungen der letzten zwei Jahre setzt jetzt eine zeitweise Stagnation den Biomarkt unter Druck. Das bringt Schwächen und Stärken zum Vorschein. Es gibt erste Insolvenzen bei Biobäckern und Bioläden und auch ein Reformhaus-Filialbetrieb ist betroffen. Ob die Gründe für die Schließungen allein in den aktuellen Problemen zu suchen sind, ist eher fraglich.

Möglicherweise nimmt die schon über einen längeren Zeitraum sichtbare Verschiebung der Gewichte in den Absatzwegen durch den krisenbedingten Marktdruck an Fahrt auf. Die allgemeine Richtung in der Entwicklung des Essverhaltens bleibt davon unberührt. Das Bewusstsein für hochwertige, naturbelassene Bio-Lebensmittel wird sich weiter entwickeln, stark bleiben und auch diese Angstphase überleben.

Bio ist im Mainstream angekommen. Will die Branche Bio für alle, dann kann kein Vertriebsweg ausgegrenzt werden. Bio ist mehr als ,frei von‘, so die Stimmen aus der Branche. Das geht von Biodiversität über Fairness und Nachhaltigkeit bis Wellness und weiter. Wo die Kunden sich ihre Bioprodukte einkaufen, bestimmen sie selbst. Service, Zuverlässigkeit und Vertrauen, Qualität und auch die Preiswürdigkeit wird darüber entscheiden. Die Kaufleute im SEH sind nicht zuletzt wegen ihrer Persönlichkeiten bestens aufgestellt. Ihre Outlets sind für Bio die zukunftsfähigsten Verbündeten und flächendeckend am Markt.

Dem SEH fehlt heute noch das umfangreiche Angebot für Bio-Vollsortimente. Die Sonderschau Meeting Point BIOimSEH lädt im kommenden Februar speziell die Kaufleute  mit Informationen zur Biomarken-Vielfalt, Experten-Gesprächen, Beratungen und Schulungen zum Erfahrungs-Austausch auf die Biofach ein.

Erich Margrander
Herausgeber



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