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Erfolge und Bausteine von Bio in Europa

European Organic Congress beleuchtet aktuelle Entwicklungen

Erfolge und Bausteine von Bio in Europa

Über 660 Teilnehmer aus ganz Europa trafen sich vom 16. bis 18. Juni im Netz zum diesjährigen European Organic Congress (EOC), veranstaltet von IFOAM Organics Europe. Ein Teil der Veranstaltung konnte mit kleinem Präsenzpublikum auch direkt aus Lissabon im Gastgeberland Portugal übertragen werden. Im Fokus des Treffens standen die Aktivitäten der EU für den Ökolandbau – von Green Deal über Ökoaktionsplan bis hin zur neuen Öko-Verordnung. Auch die aktuellen Vorhaben im Bereich des Carbon Farmings nahmen die Referenten unter die Lupe.

Als „europäische Erfolgsgeschichte“ bezeichnete Jan Plagge, Präsident von IFOAM Organics Europe, Bio in der Begrüßung. „Wenn es nicht schon da wäre, müsste man es erfinden.“ Der Ökolandbau sei Teil der Lösung aller Umweltprobleme, könne zu mehr Tierwohl beitragen und umfasse auch eine soziale Dimension. Dass sich politisch und gesellschaftlich viel bewegt, es aber auch noch viele Bausteine gibt, zeigte sich in den drei Kongresstagen.

Das Einstiegspodium setzte sich mit der Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik (GAP) auseinander und fragte, ob das Ziel des Green Deals, bis 2030 25 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche auf Ökolandbau umzustellen mit ihrer Hilfe erreicht werden kann. Darüber, dass die GAP bisher weit hinter den ehrgeizigen Zielen des Green Deals zurückbleibt, waren sich alle Diskutanten einig. Heftige Kritik kam von Celia Nyssens vom Europäischen Umweltbüro (EEB): Zu wenig Sicherheit über die Verwendung der Gelder gäben die Eco-Schemes und zu gering sei die Rechenschaftspflicht der Mitgliedstaaten. Wenn aber die Erwartungen der Steuerzahler nicht erfüllt würden, sei es besser, den Reformentwurf wieder zurückzuziehen.

„Aber was passiert dann?“, mahnte Tassos Haniotis von der Generaldirektion Landwirtschaft und ländliche Entwicklung (DG AGRI) der Europäischen Kommission. Besser sei es, mit dem zu arbeiten, was man hat. Dabei müssten die Anstrengungen, ökologischer zu werden, auch in der konventionellen Landwirtschaft zunehmen. Essentiell sei es, im gesamten Sektor Best Practices zu ermitteln und zu verbreiten.

Mitgliedstaaten müssen ehrgeiziger werden

Darauf, wie es mit der Umsetzung der GAP in den einzelnen Mitgliedstaaten vorangeht, ging Jan Plagge ein. Mit einer Umfrage untersucht IFOAM die aktuelle Lage bei den einzelnen EU-Mitgliedern. Als Positivbeispiel nannte Plagge Schweden, das sich 30 Prozent Bio-Fläche als Ziel gesetzt hat und dafür bereits Wartungsgelder berechnet und Raten für die Gastronomie bestimmt habe. Auch das Vorzeigeland Dänemark, in dem der Bio-Sektor eng mit der Regierung verbunden ist, habe eine gute Rahmenpolitik erarbeitet. Leider gebe es aber auch sehr viele schlechte Beispiele. So würden Bio-Landwirte in Frankreich nach den aktuellen Regierungsplänen benachteiligt und müssten sogar mit Einkommensverlusten rechnen. „Die Regierung kann entweder nicht rechnen oder will den Wandel nicht!“, entrüstete sich Plagge.

Faustine Bas-Defossez vom Institut für Europäische Umweltpolitik (IEEP) untermauerte Plagges Kritik mit Ergebnissen des im April veröffentlichten Green Deal-Barometers: Mehr als ein Drittel der dafür befragten Nachhaltigkeitsexperten sehen das fehlende Engagement der Mitgliedstaaten als größtes Problem bei der Umsetzung des Green Deals. Auch die Kongressteilnehmer schlossen sich dieser Beobachtung an: 70 Prozent gaben über eine Online-Umfrage an, mit dem aktuellen Stand der nationalen Umsetzung „gar nicht zufrieden“ zu sein.

Dabei waren sich die Referenten darüber einig, wie wichtig das Engagement der Mitgliedstaaten für eine erfolgreiche Agrarwende sei. Auch der Ende März von der Kommission veröffentlichte Ökoaktionsplan, der die Bio-Nachfrage und -Produktion ankurbeln will und auf dem Kongress viel Lob bekam, fordert von den EU-Mitgliedern wirksame Umsetzungsstrategien. Der Plan beinhaltet etwa die Verpflichtung, Bio-Produkte in den Beschaffungsprozess öffentlicher Einrichtungen einzubeziehen. Außerdem sollen mindestens 30 Prozent des Forschungsbudgets im Bereich Land- und Forstwirtschaft für den Öko-Sektor bereitgestellt werden.

Von Bio-Kaninchen zur ersten Ökoregion

Ein optimistischeres Bild als bei der GAP-Diskussion ergab sich, als das Gastgeberland Portugal seine Anstrengungen und Fortschritte im Bio-Bereich vorstellte. Vom ersten Aktionsplan für die Nationale Strategie für den ökologischen Landbau, die sich für den Zeitraum von 2017 bis 2027 zehn Ziele gesetzt hat, sei bereits ein knappes Drittel umgesetzt worden. Geplant ist unter anderem, den Bio-Konsum um 50 Prozent zu erhöhen, das Weiterbildungsangebot um 20 Prozent aufzustocken und die Bio-Fläche auf zwölf Prozent zu bringen. Dazu soll der Getreide- und Gemüse-Anbau verdreifacht und die Viehhaltung reduziert werden.

Die NGO Agrobio, eine Tochterorganisation der IFOAM und Mitorganisatorin des diesjährigen Kongresses, hat die Mission, den ökologischen Landbau in Portugal voranzutreiben und Bio zu allen zu bringen. Wie sie berichtete, nehme in Portugal aktuell wie vielerorts die Bio-Nachfrage zu – aber ohne dass die Produktion ausreichend mitziehe. Um das zu ändern, müsse der Zugang zu Land und der Marktzugang für Bio-Produkte erleichtert werden.

Erzeugerzusammenschlüsse sollten entwickelt werden und die Bauern technische Unterstützung erfahren. Außerdem wäre es logistisch gut, mehr Produktionsstätten an den Rändern von Ortschaften aufzubauen.

Viele verschiedene Projekte zeigten, was sich im Ökolandbau in Portugal bewegt. Im Projekt GMÓVEL werden Hühner zur Unkrautbekämpfung im Wein-, Obst- und Gemüseanbau eingesetzt. Mit EspumaBio soll die Produktion von Bio-Schaumweinen wirtschaftlich tragfähiger werden.

Coelhos Bio will in Portugal eine regulatorische Grundlage für die Zucht von Bio-Kaninchen schaffen und Züchtern Wissen für die Umstellung an die Hand geben. In den Grundschulen der Gemeinde Olivais bauen Kinder in eigenen Gärten Gemüse an, stellen Kompost her und lernen so, worum es bei Bio geht.

Bürgermeister Armindo Jacinto stellte abschließend Portugals erste Ökoregion Idanha-a-Nova vor. Seit 1950 habe seine aktuell etwa 8.000 Einwohner starke Gemeinde, die sich in Ostportugal an der spanischen Grenze befindet, 70 Prozent ihrer Bevölkerung durch Landflucht verloren, so erzählte Jacinto. Mit der Strategie ‚recomeçar‘ (neu anfangen) will Idanha das Landleben wieder attraktiv machen, Unternehmen anziehen und die Gemeinde neu beleben – mit Erfolg. Aushängeschilder sind heute etwa das Unternehmen ‚Sementes Vivas‘, das die Erzeugung und Vermehrung von traditionellem portugiesischen Bio-Saatgut erforscht, oder das prämierte Start-up ‚Aromas do Valado‘, das für seine biologischen Körperpflege- und Kosmetikprodukte bereits internationale Anerkennung gefunden hat. Im Februar 2018 wurde Idanha offiziell zur Ökoregion.

Ländliche Regionen mit Ökolandbau beleben

Dem Thema ländliche Entwicklung wurde auf dem Kongress auch ein eigenes Panel gewidmet. Fast 50 Prozent des EU-Gebiets werde durch ländliche Regionen ausgemacht, erklärte Eva Berckmans von IFOAM. Sie spielten daher eine elementare Rolle für die Agrarwende und die Umsetzung des Green Deals. Silvia Michelini, die bei der DG AGRI für die ländliche Entwicklung zuständig ist, berichtete von der neuen Vision der Kommission für den ländlichen Raum bis 2040. Schwerpunkte wurden darin auf verbesserte öffentliche Verkehrsverbindungen und Transportmöglichkeiten sowie den Ausbau der digitalen Infrastruktur gelegt, aber auch der Ökolandbau soll vorangetrieben werden.

Als ganz im „Geiste des Green Deals“ bezeichnete Michelini die Ökoregionen (oder Bio-Distrikte), von deren Entwicklung Salvatore Basile, Präsident des Internationalen Netzwerks der Ökoregionen, erzählte. Nachdem 2004 mit dem italienischen Cilento die erste Ökoregion etabliert wurde, gebe es heute europaweit bereits 48 Mitstreiter. Grundlage einer Ökoregion sei eine formelle Vereinbarung zwischen Landwirten, öffentlichen Behörden und anderen lokalen Akteuren für eine nachhaltige Ressourcennutzung nach den Prinzipien des Ökolandbaus – nicht nur zugunsten der ökologischen, sondern auch der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung. So sollen neue Arbeitsplätze geschaffen, Frauen und junge Leute gefördert und die Lebensqualität in ländlichen Gebieten verbessert werden. Für den Ausbau der Ökoregionen wünscht sich Basile noch mehr Unterstützung von der EU.

Zwischen Harmonisierung und Flexibilität

Viele Änderungen erwarten den Öko-Sektor mit der neuen EU-Öko-Verordnung, die ab 2022 verpflichtend in Kraft treten wird. Als ihre größte Herausforderung identifizierten die Referenten die Balance zwischen einer EU-weiten Harmonisierung und der regionalen Anpassung. Ersteres sei nötig, um gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle zu schaffen und den Betrieben eine klare Struktur zu geben, machte Elena Panichi aus der DG AGRI klar. Die Standards von Bio müssten zudem gewahrt werden und den Konsumenten Sicherheit über die Integrität eines Produkts gewährleisten. Andererseits habe man es in der EU mit 27 verschiedenen Realitäten zu tun, denen man durch die Möglichkeit einer an die regionalen Gegebenheiten angepassten Umsetzung gerecht werden müsse.

Marian Blom, Vizepräsidentin von IFOAM Europe, warnte davor, die Änderungen durch die neue Verordnung zu unterschätzen. Ein anderes Wort im Gesetz könne große und vielleicht unvorhergesehene Auswirkungen für die Akteure im Bio-Sektor haben. So müssten etwa Schweinehalter große Summen investieren, um die neuen Vorgaben zum Innenraum der Ställe umzusetzen. Mit Blick auf die stärkere Einschränkung von Geschmacksverstärkern müssten die Rezepturen vieler Produkte neu formuliert werden. Auch was die Pestizidrückstände angeht, sei Vorsicht geboten. Die Vorsorgemaßnahmen, die nach der neuen Verordnung auch Landwirte treffen müssen, um Kontaminationen zu vermeiden, sollten verhältnismäßig sein, um die Produktion nicht zu sehr zu erschweren.

Feuer verhindern statt Feuerlöscher bauen

Christian Holzleitner von der DG CLIMA gab einen Einblick in die Bestrebungen der Europäischen Kommission im Bereich von Carbon Farming, al-so der CO2-Reduzierung durch Kohlenstoffbindung in landwirtschaftlichen Böden. Bis Ende 2021 will die Kommission ein Rahmenwerk für einen EU-weiten Standard beim Kohlenstoffabbau schaffen und Carbon Farming dann als neues Geschäftsmodell für Landwirte und Förster bewerben.

Shefali Sharma vom Institut für Agrar- und Handelspolitik (IATP) wies auf die Gefahren von Kompensationszahlungen hin, die Großkonzernen das Signal gäben, die Umwelt in Ruhe weiter verschmutzen zu können. Am Beispiel des ‚Kenya Agricultural Carbon Projects‘ zeigte sie zudem, wie gering die Einnahmen der Landwirte am Kohlenstoffmarkt sein können. Um das zu vermeiden, sollte Klimafinanzierung aus öffentlichen Geldern den Landwirten die nötige Planungssicherheit geben.

Die anderen Panel-Teilnehmer warnten davor, sich beim Klimaschutz lediglich auf CO2 zu fokussieren. Man müsse alle Emissionen der Landwirtschaft betrachten und daher etwa auch die Milchwirtschaft reduzieren, meinte Thomas Legge von der European Climate Foundation „Was wir für die Biodiversität tun, tun wir auch fürs Klima“, fügte Pierre-Marie Aubert vom Institut für Nachhaltige Entwicklung und Internationale Beziehungen (IDDRI) hinzu. Beim Carbon Farming sei zu beachten, dass Böden nicht endlos Kohlenstoff speichern können, sondern irgendwann gesättigt sind. Außerdem könne der gespeicherte Kohlenstoff auch wieder freigesetzt werden.

„Entfernen ist eben nicht das Gleiche wie reduzieren“, bestätigte Legge. Die Landwirtschaft solle nicht weiter ‚business as usual‘ betreiben und die entstandenen Emissionen dann entfernen. „Anstatt nur in Feuerlöscher zu investieren, müssen wir es schaffen, dass keine neuen Feuer entstehen“, brachte Kurt Sannen von IFOAM Europe das Problem auf den Punkt. Der Biolandbau könne das leisten und solle daher von der Kommission als Ganzes beworben werden. Dagegen sei es schwierig, die stets variierenden Tonnen von gebundenem Kohlenstoff genau zu messen und dann zu entlohnen. „Statt Schadensbegrenzung brauchen wir systemische Lösungen“, forderte Sannen.

Zum Abschluss drückte Jan Plagge seine Wertschätzung für das Engagement der Europäischen Kommission im Bio-Bereich aus. „Wir nehmen Bio sehr ernst“, erwiderte Janusz Wojciechowski, EU-Kommissar für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung. Er versicherte, die Ziele auf dem Papier sollten nun Realität werden. Damit der Öko-Aktionsplan erfolgreich umgesetzt werden kann, sei die Mithilfe der europäischen Bio-Gemeinschaft gefragt.

Lena Renner


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