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Kongress

European Organic Congress 2020 mit Fokus auf Farm-to-Fork und GAP

Bio als Treiber der notwendigen ökologischen Transformation

European Organic Congress 2020 mit Fokus auf Farm-to-Fork und GAP

Rund 1.000 Teilnehmer aus ganz Europa und weltweit nahmen Anfang Juli am European Organic Congress (EOC) 2020 teil – in diesem Jahr digital abgehalten. Thema war vor allem die Gemeinsame Agrar- und Lebensmittelpolitik Europas und die gerade erst Ende Mai von der EU-Kommission vorgelegte Strategie Farm-to-Fork (Vom Hof auf den Tisch). In einem waren sich die Teilnehmer einig: Im Angesicht der aktuellen Herausforderungen führe kein Weg an Bio vorbei und die europäischen Regierungen könnten und müssten das Potenzial von Bio für die Transformation in eine nachhaltige Landwirtschaft nutzen.

Nach den neuen Plänen soll bis 2030 ein Viertel des Landbaus ökologisch sein. Außerdem soll der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln – von den Bio-Vertretern als Ackergifte tituliert- um die Hälfte reduziert werden und der von Düngemitteln um ein Fünftel. Für BÖLW-Vorsitzenden Felix, Prinz zu Löwenstein, bestätigt dies, das „Bio ein wichtiges Instrument ist, um Landwirtschaft und Ernährung wirksam umzubauen“ und Jan Plagge, Präsident IFOAM Organics Europe und V, zeigt sich sicher: „Die Politik meint es ernst“.

„Sehr ambitioniert“ nannten unter anderen die EU-Kommissarin für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Stella Kyriakides, und ihr Kollege Norbert Lins, EU-Abgeordneter und Vorsitzender des EU-Agrarausschusses im europäischen Parlament die Farm-to-Fork-Strategie der EU. Doch ohne Ambition gebe es auch keine Transformation. Aktuell lägen einige Staaten weit unter dem EU-Schnitt von acht Prozent, hingegen wären andere Staaten wie Österreich gute Beispiele, wie das Öko-Ziel erreicht werden könne.

Das Ziel ist definiert, der Weg wird jetzt geklärt: Mitglieder der Generaldirektion Landwirtschaft (DG AGRI) in der EU-Kommission betonten, der europäische Öko-Aktionsplan spiele eine bedeutende Rolle bei der Umsetzung der Farm-to-Fork-Strategie und die Zeit sei genau richtig für ein Update des Aktionsplans. Er war schon im Jahre 2004 in seiner ersten Fassung aufgesetzt worden und das letzte Mal 2014 überarbeitet. Vorliegen solle die neue Aktualisierung Ende dieses Jahres, wie sie und andere in Brüssel tätigen Kongressteilnehmer ankündigten.

Unterstützung der Nachhaltigkeit durch GAP

Um das in der Biodiversitäts- und der Farm to Fork-Strategie festgelegte EU-Ziel von 25 Prozent Öko-Flächen in Europa zu erreichen, sollte die Gemeinsame EU-Agrarpolitik (GAP) verpflichtende Maßnahmen für die Mitgliedstaaten vorsehen: Nationale Ziele für den Ökolandbau in ihren GAP-Strategieplänen festlegen, ausreichende Mittel für die Umstellung auf und Beibehaltung von Öko-Landbau bereitstellen und eine gerechte Entlohnung derjenigen Landwirte gewährleisten, die Gemeinwohlleistungen erbringen.

Jan Plagge, hob die GAP als eines der wichtigsten politischen Instrumente Europas hervor, das direkte Auswirkungen auf die täglichen Entscheidungen der Landwirte hätte. Die GAP müsse einen fairen Wettbewerb gewährleisten und in nationalen Strategieplänen müssten nicht nur Bio-Ziele verankert werden, sondern auch definiert sein, wie Bio-Produktion und -Nachfrage angekurbelt werden. Für Plagge sind Öko-Prämien eines der günstigsten und wirksamsten Instrumente für mehr Nachhaltigkeit. Die Flächenprämien der GAP müssten durch die Honorierung von Gemeinwohlleistungen ersetzt werden. Dazu brauche es ein gesichertes Umweltbudget, eine Forderung, in der er direkt von Norbert Lins, EU-Abgeordneter und Vorsitzender des EU–Agrarausschusses, unterstützt wurde.

Die stärkere Umschichtung von Geldmitteln von der ersten Säule, aus der die Flächenzahlungen kommen, in die zweite Säule, deren Leistungen die Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft zum Ziel haben, ist schon lange Diskussionspunkt: 2019 war dann der Umschichtungsanteil der Gelder von der ersten in die zweite Säule für das Jahr 2020 von 4,5 auf sechs Prozent erhöht worden, für das nächste Jahr sind ebenfalls sechs Prozent geplant. Von der EU zugelassen ist eine Umschichtung bis 15 Prozent.

GAP nicht grün genug

Alexander Gerber, BÖLW-Vorstand für Landwirtschaft und Vorstand Demeter-Verband, ist der Meinung zwischen den Öko-Aktionsplänen und der GAP fehle es an Abstimmung - die EU-Agrarpolitik steuere aktuell den Bio-Zielen eher entgegen. Auch Thomas Waitz, Abgeordneter im Europäischen Parlament (EP) und Co-Vorsitzender der Europäischen Grünen Partei, war der Meinung, die GAP stimme aktuell nur teilweise mit den Zielen der Farm to Fork- und Biodiversitätsstrategie überein und es müsse noch viel getan werden, damit die Nachhaltigkeitsziele nicht umgangen würden. Er verwies aber auch auf eine zunehmende Unterstützung für eine grünere EU-

Agrarpolitik – auch aus Industrie-Kreisen.

Alle Kongressteilnehmer waren sich einig, wie wichtig die nationale Umsetzung des europäischen Aktionsplans sei: Die EU-Staaten müssten in ihren auf die eigenen Länder bezogenen Strategieplänen Bio-Ziele verankern und definieren, wie sie die Bio-Produktion und -Nachfrage ankurbeln.
Für die Bundesrepublik erklärte Walter Dübner vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Deutschland stehe dazu, 20 Prozent Bio bis 2030 erreichen zu wollen. Den Weg dahin weise der deutsche Bio-Aktionsplan – die Zukunftsstrategie Ökologischer Landbau (ZöL). In diesem ist ein Zeitplan für die nächsten fünf bis zehn Jahre festgeschrieben.

Deutschlands Zukunftsstrategie Ökologischer Landbau

In dem bei uns entwickelten nationalen Bio-Aktionsplan, der Zukunftsstrategie Ökologischer Landbau (ZöL), sind für den Weg zu 20 Prozent Bio fünf Handlungsfelder definiert: Rechtsrahmen zukunftsfähig und kohärent gestalten, Zugänge zur ökologischen Landwirtschaft erleich- tern, Nachfragepotenziale voll ausnutzen und weiter ausbauen, Leistungsfähigkeit ökologischer Agrarsysteme verbessern und Umweltleistungen angemessen honorieren.

Dazu merkte der geschäftsführende Vorstand der Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AöL) Alexander Beck an, als Flaschenhals müsse die Herstellung stärker in einer nachhaltig ausgerichteten Wirtschaftsförderung und auch der Forschung berücksichtigt werden. Da war er sich einig mit Alexander Gerber, der den Bedarf über die ganze Wertschöpfungskette sah, etwa auch für die Beratung für Verarbeiter oder neue Möglichkeiten für Kantinen, um auf mehr Bio zu setzen.

Nachfrage nach Bio erhöhen

Stella Kyriakides kündigte an, die EU möchte die Nachfrage nach Bio unter anderem dadurch anregen, dass sie den Anteil von Bio in öffentlichen Kantinen erhöhe. Die große Bedeutung von Bio in der Gemeinschaftsverpflegung wurde im Kongress auch durch zwei Praxisberichte belegt.

So berichtete François Jégou, leitender Experte des Projekts URBACT BioCanteens, über das europaweite Netzwerk, das zum Ziel hat, Bio-Essen in die Schulen zu bringen – von Portugal über Frankreich bis nach Rumänien. Er ist der Überzeugung, für die Regierenden sei die Bio-Gemeinschaftsverpflegung der ideale Ansatzpunkt, um für eine nachhaltige Verpflegung zu sorgen. Finnland hat dies nach einem Bericht von Anu Aarolaakso vom finnischen Savo Consortium for Education bereits erkannt. Aktuell seien schon etwa 1.400 Küchen in das Projekt der finnischen Regierung eingebunden, mehr Bio in die Schulverpflegung zu bringen.

Die neue EU-Ökoverordnung

Weiteres wichtiges Thema des Kongresses war die Frage nach der neuen EU-Öko-Verordnung. Georg Eckert, Präsident des European Organic Certifiers Council (EOCC), sah für die neuen Kontrollregeln noch einige Herausforderungen, wie etwa den Umgang mit nicht zugelassenen Stoffen, die Regeln für Einfuhren aus Drittländern oder die neu eingeführte Gruppenzertifizierung. Eckert begrüßte, dass die jährliche Kontrolle Teil des Bio-Rechts bleibt, aber eine stärkere Risikoorientierung bei der Kontrolle ermöglicht wird: Auch Kontrollstellen und Behörden seien zu einer ersten Prüfung von Verdachtsfällen verpflichtet und nicht jede Kontamination werde als Auslöser für eine amtliche Untersuchung und eine Warensperrung angesehen.

Michel Reynaud, IFOAM Organics Europe-Repräsentant für Zertifizierung, kommentierte den anstehenden Paradigmenwechsel bei den Importregeln von der Gleichwertigkeit zur Gleichheit. Dies bedeutet, dass das Bio-Recht künftig auch in Drittländern eins zu eins angewendet werden müsse und bringe für Europa eine noch höhere Verantwortung für Bäuerinnen und Bauern im globalen Süden mit sich. Vorteil sei, dass es weniger unterschiedliche Standards in den einzelnen Ländern geben werde. Marian Blom, Vizepräsidentin von IFOAM Organics Europe, zeigte sich sehr zufrieden darüber, dass auch weiterhin keine Pflanzen aus Hydrokultur Bio-zertifiziert werden können.

Und wann kommen die neuen Regelungen?

Es ging nicht nur um die Ausgestaltung, sondern auch darum, wann die Regelungen überhaupt in Kraft treten. Schon seit Mai gibt es immer mehr Stimmen für eine Verschiebung des Termins vom 1. Januar 2021 auf den 1. Januar 2022. Unterstützt wird die Forderung unter anderem vom BÖLW, der IFOAM Organics Europe und anderen EU-Agrar- und Lebensmittelverbänden: Die Corona-Krise und ihre Folgen hätten die Einhaltung des ohnehin knappen und in Verzug geratenen Zeitplans der EU-Kommission vollends unmöglich gemacht. Bio-Betrieben, -Unternehmen, -Kontrollstellen und zuständigen -Behörden müsse es ermöglicht werden, sich angemessen auf die Veränderungen einzustellen und vorzubereiten.

Zu eindeutigen Aussagen ließen sich die zugeschalteten EU-Vertreter aber während des EOC nicht bewegen. Nicolas Verlet, Leiter der Öko-Abteilung der EU-Kommission, bestätigte lediglich, dass der EU-Gesetzgeber eine mögliche Verschiebung aktuell prüfe. Erst am 4. September schlug die EU-Kommission vor, das Inkrafttreten der neuen Öko-Verordnung um ein Jahr, auf den 1. Januar 2022, zu verschieben.

Elke Reinecke

 

Nationale Bio-Aktionspläne
Die meisten europäischen Länder haben in den letzten 15 Jahren Aktionspläne für den ökologischen Landbau oder ähnliche Förderprogramme ins Leben gerufen. In manchen EU-Ländern wie etwa Österreich wurden die Aktionspläne immer wieder aktualisiert und fortgeführt. Aber es gab auch Länder wie zum Beispiel Portugal, in denen zwar Pläne erarbeitet aber nie wirklich umgesetzt wurden. Neun EU-Mitgliedsstaaten konnten im Juni 2020 nationale Bio-Aktionspläne vorweisen, in Belgien, Spanien und Deutschland kommen regionale Pläne dazu. 
In Europa gibt es unterschiedliche Förderstrategien. Manche Aktionspläne schaffen eher die Rahmenbedingungen zur Entwicklung des Ökolandbaus, andere enthalten Listen mit konkreten Maßnahmen, legen teilweise Zeitrahmen dafür fest und verteilen Verantwortlichkeiten. Auch die finanzielle Ausstattung ist sehr verschieden. Während in einigen Ländern ein eigenes Budget zur Finanzierung von Forschungs- und Informationsmaßnahmen zur Verfügung steht, müssen anderswo die finanziellen Mittel durch die jeweils beteiligten Akteure zur Verfügung gestellt oder die Kosten aus den Budgets anderer laufender Programme gedeckt werden.

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