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Ein Ghetto für exklusives Bio?

Zehnter Donnerstag-Talk im bioPress Square & Fair Table, jede Woche ab 15 Uhr

1.400 Depots mit Fachhandelsmarken will Edeka einrichten. Ist das jetzt der Weg für Bio in den Mainstream? Oder eher eine Marketingfalle? Hat der Fachhandel Recht mit seiner Angst vor Preisverfall bei Öffnung für den LEH? Und wären die Fachhandelsmarken dann nicht besser in den Regalen neben den konventionellen Wettbewerbern aufgehoben? Sind hohe Preise überhaupt wünschenswert, wenn nachher doch nur alles beim Handel landet? Darüber diskutierte die Bio-Branche beim gestrigen Donnerstagstalk.

„Ein Depot – ein Ghetto für Fachhandelsmarken? Das klingt nach einem letzten Ausweg, um etwas zu bekommen, an das man sonst nur schwer – und wenn dann eher unter dem Ladentisch – herankommt“, kommentierte Margrander die Idee des Einzelhändlers. Edeka könne mit solchen Depots das Thema Bio besetzen und für Marketingzwecke ausnutzen. „Und wer hat etwas davon? Die Fachhandelsmarken bestimmt nicht!“ Wie lange würde es dauern, bis die Edeka-Zentrale den Marken den Preis diktierte?

Mit Kaufleuten, so Margrander, würde das ganz anders laufen. Die seien in ihre Gemeinden eingebunden, könnten Kundenbedürfnisse erspüren und teilten das Interesse an Bio mit ihren Kunden. Viele gingen das Thema Bio mit einer Intensität an, die dem Fachhandel nicht nachstünde. Warum also wolle man keine gemeinsamen Wege gehen? Warum die Feindbilder? Warum ein Kulturkampf darüber, wer wo Bio anbieten darf? Wichtig sei es doch, Bio für das Klima und die Umwelt voranzubringen, und das erreiche man nur mit einem flächendeckenden Angebot.

Fachhandel als Bio-Bremse

„Der Fachhandel ist eine der stärksten Bremsen für die Verbreitung von Bio“, bedauerte Margrander. Außerhalb von Städten sei das ein echtes Problem. „Es kann nicht überall Bio-Supermärkte geben!“ Die ersten Bioläden Anfang der 1970er Jahre seien absolut notwendig gewesen, um Bio unter die Leute zu bringen. Damals hätten die Bauern Angst um ihre Hofläden gehabt, heute fürchte sich der Fachhandel vor billigeren Preisen. Dabei stünden etwa gerade Alnatura und denn’s für billige Bio-Produkte. Was also wolle die Schutzgemeinschaft für „echtes“ Bio genau schützen?

„Egal auf welchem Weg – wenn Bio verkauft wird, find ich das erstmal gut“, meinte Bio-Experte und Autor Bernward Geier. Die Strategie der Depot-Platzierung sei vielleicht nicht ganz sinnvoll und das exklusive Verhalten des Fachhandels nicht förderlich – „aber ich sehe auch das Dilemma.“ Die Economies of Scale im LEH mit ihren günstigeren Preisen könnten Fachhandelsmarken vor gigantische Herausforderungen stellen und einen Rattenschwanz an Folgen mit sich bringen. Andererseits sei der Unterschied zwischen LEH und Alnatura oder denn’s tatsächlich nicht mehr allzu groß, räumte er ein. Und mehr Effizienz sei für Erzeuger und Kunden prinzipiell nicht schlecht.

Hohe Preise für den Handel

Margrander macht sich um den Preisverfall keine Sorgen. Als Jan Plagge Bioland mit Lidl zusammengebracht hat, sei der Aufschrei auch groß gewesen. Im Endeffekt hätten aber alle profitiert und niemand sei untergegangen. „Der Fachhandel wird deshalb nicht überflüssig, er wird sich nur verändern.“ Und der Preis werde ohnehin nur bei Discountern billiger, der LEH nehme so viel wie der Fachhandel und zu viel vom Ertrag fließe dabei in die falschen Kassen.

„Den prozentualen Aufschlag kreide ich allen Händlern an“, sagte dazu Gerlinde Wagner, Geschäftsleiterin der Biohennen AG. Warum könne etwa der Aufschlag für Bruderhahnprodukte nicht direkt beim Bauern landen? Warum müssten die Händler abkassieren und das Produkt so noch teurer machen?

Viele vergäßen, dass Bauern auch Wirtschaftsunternehmen seien – mit enorm hohen Investitionskosten und einem großen unternehmerischen Risiko. Millionen Euro würden für Hühnerställe investiert und es dauere Jahre, bis die Einnahmen die Kosten deckten. „Deshalb wollen wir die Bauern unterstützen und nicht den Fachhandel“, folgerte Wagner. So könne man möglichst vielen die Chance geben, Bio zu machen.

Lena Renner


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