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Editorial

Editorial Ausgabe 105/Oktober 2020, 4. Quartal

Liebe Leserinnen, liebe Leser.

Im Jahr von Covid-19 bewegt sich der Biomarkt nicht nur weiter in den Mainstream hinein, auch die Marktordnung scheint sich neu aufzustellen. Nachdem Bioland und auch Demeter mit Big-Playern im LEH neue Verträge geschlossen haben, wachen Biomarken-Hersteller auf. Sie wollen ihre Bio-Marktstellung behalten und nicht zum Privat Label-Produzenten degenerieren.

Bio-Umsatz Nr. 1 ist Aldi mit einem kompakten, aber kleinen Biosortiment. Es folgt Rewe, und man könnte glauben, als Vollsortimenter gäbe es, anders als beim Discounter, ein vollständiges Bioangebot. Es mag umfangreicher erscheinen, ist jedoch für Bio-Wunschkäufer zu marginal.

Wer größten Wert auf Bio legt und viel davon kaufen will, muss weiterhin in den Biosupermarkt. Dort gibt es auch Brot und Käse. Oft allerdings Wurst und Fleisch eher eingeschränkt. Das lockt dann einen klassischen qualitätsbewussten Verbraucher eher nicht hinter dem Ofen hervor. Natürlich Genießen mit Lust auf gesunde Lebensmittel ist nach wie vor kein Selbstläufer.

Auch Sortimentsbreiten von mehreren tausend Artikeln können lückenhaft und einseitig sein. Zuviel vom Gleichen und zu wenig Vielfalt scheinen oft mehr als es ist. Fehlt da Durchsetzungskraft oder einfach der Zugang zu vorhandenen Angeboten? Oder soll die Sortimentsgestaltung die Eigenmarke bedienen anstatt die Wünsche der Kunden nach Auswahl und Abwechslung?

Klar scheint, dass Bio-Vollsortimente sich nicht von alleine einstellen. Wo auch im Fachhandel schon Lücken bestehen, weil die Vorstufen nicht immer so wollen wie die Kaufleute und Selbstbeschaffung anstrengend ist, sind Experten gefragt. Sind die nicht zu finden? Oder können die nicht, weil sie vom Mythos Fachhandel oder von der Abhängigkeit der zentralen Auftraggeber abhängen?

Tatsache ist, wenn in Outlets mit jährlich mehreren Millionen Kundenkontakten mehr als nur durchschnittliche Biosortimente angeboten werden, kommt der Bioabsatz in Schwung. Neben Frische hat dann Markenvielfalt die größte Zugkraft.

Wer mit Schwerpunkt Bio-Eigenmarke sein Geschäft machen will, fällt am Ende negativ auf. Nachhaltigkeit nur durch die eigenen Taschen dient nicht der Sache, nur dem eigenen Ruf. Und wenn etablierte Biomarken den Kaufleuten aus ideologischen Gründen vorenthalten werden, füllen andere die Lücke.

Der Konsument streckt sich dankbar nach dem Bioangebot. Das ist der Grund für zwei Jahrzehnte lang ungebrochene Steigerungsraten. Die haben jetzt sogar die Politiker aller Fraktionen in Bewegung gebracht. Es scheint, dass ein mittelfristig erreichbares 30 Milliarden-Umsatz Geschäft jeden noch so rückständigen und verschlafenen Geist aufweckt.

Die Alternative der 70er und 80er Jahre zeigt Wirkung. Gutes und gesundes Lebensgefühl, gepaart mit Friedfertigkeit und Naturverbundenheit hat einen langen Arm. Was einmal mit Selbstgestricktem und verzichtserklärendem Essensalltag begonnen hat und einerseits belächelt wurde, andererseits jedoch damals schon Ängste herauf beschwor, hat heute das Zeug zu ungeahnten Veränderungen in der Esskultur und Wirtschaft.

Nein, Bio ist nicht vom Fachhandel gemacht. Und ja, alle später dazu Gekommenen sind keine Trittbrettfahrer. Bio für Alle braucht Brücken in alle Winkel und muss auskommen mit jedem, der Bio in die Hand nehmen und in seine Regale stellen will. Unterstützung für alle Akteure ohne Ausnahme bringt Bio über die Schwelle des never fall back.

Und, das sei allen Nachhaltigkeitsadepten gesagt, einfacher als damit, Bio in die Esskulturen zu tragen, lässt sich der Klimawandel nicht verbessern. Was hier der Natur hilft, schafft auch Auskommen für Bauern, Verarbeiter und den Handel sowie, und das ist das Beste daran, Wohlbefinden, Gesundheit und Zufriedenheit für die Verbraucher. Wäre das nicht der beste Kunde?

Erich Margrander
Herausgeber


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