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Chile mit Bio-Vorteil

Das südamerikanische Land ist eine phytosanitäre Insel zum Nutzen der Bauern

Chile mit Bio-Vorteil © ESMITURNO.CLD@GMAIL.COM
Chile bietet der biologischen Landwirtschaft mit seiner geschützten Lage hervoragende Entfaltungsmöglichkeiten.

Chile geht in die Offensive im Export von Bio-Produkten. Das südamerikanische Land kommuniziert verstärkt das grüne Chile. Pro Chile lädt Einkäufer, Importeure und Großhändler zur Messe Food & Service nach Santiago ein, organisiert Touren zu Bio-Erzeugern in dem langgestreckten Land und unterstützt die Unternehmen bei Messen im Ausland.

Chile bezeichnet sich selbst als hintersten Winkel der Welt. Das hat weniger etwas mit der Erreichbarkeit zu tun: Das Land ist per Luftweg bestens zugänglich und intern durch Straßen erschlossen.

Das hat mehr mit der geografischen Lage zu tun. Von Osten ist es vom Nachbarn Argentinien durch die Anden getrennt. Einen westlichen Nachbarn gibt es nicht. Da begrenzt die pazifische Küste das Land. Im Norden bildet die Atacama Wüste eine natürliche Barriere. Nach Süden endet der Staat an der Antarktis. Diese geschützte Lage sorgt für prima Voraussetzungen für biologische Landwirtschaft. Pilze und Insekten können nur schwer von außen eindringen. So ist die Reblaus vor 100 Jahren den chilenischen Weinbergen fern geblieben. Peranospera, im deutschen Weinbau gefürchtet, kennen viele Winzer nicht einmal dem Namen nach. Das ist ein Vorteil für das Land.

Und an der Grenze wacht die Polizei mit Spürhunden darüber, dass keine frischen Lebensmittel ins Land kommen und die quasi Insel von unerwünschten Eindringlingen erobert wird. Selbst Honig-Importe sind nicht erlaubt. Chile ist bei diesem tierischen Produkt nur Exporteur. Die Chilenen können nur heimischen Honig verzehren.

Phytosanitär betrachtet ist Chile eine Insel. Für die Landwirtschaft, speziell im Bio-Anbau, ist das hilfreich. Das erlaubt Chile den Bio-Anbau anzukurbeln, um sich zu einem weltweit bedeutenden Anbieter zu entwickeln. Das Land strebt eine nachhaltige Entwicklung an, und da ist Bio eine tragende Säule.

Nächster Vorteil des Landes: Es erstreckt sich über 8.000 Kilometer in Nord-Süd-Richtung. Umso schmaler ist die Ost-West-Ausdehnung, nur 80 bis 200 Kilometer. Chile ist schlank und lang. So lang, dass es 18 der 26 Vegetationszonen auf seinem Territorium vereint. Darunter das mediterrane Klima, das beste Voraussetzungen für Gemüse- und Obst-Anbau schafft. Spitzenweine gedeihen hier rund um die Hauptstadt Santiago ebenfalls.

Bio ein unbekanntes Wesen

Bio steckt in Chile nach Anbaufläche und Verbrauch noch in den Kinderschuhen. 27.000 Hektar sind biozertifiziert. Das entspricht einem Anteil von ein Prozent der Anbaufläche. Auf 51.000 Hektar ist zertifizierte Wildsammlung möglich. Seit 2006 gibt es in Chile ein Bio-Gesetz. Für den Binnenmarkt hat der Staat eigene Richtlinien erlassen, die weniger streng sind als das amerikanische NOP und die EU-Bio-Verordnung.  Auf diese Weise soll ein Binnenmarkt entstehen, ohne den auf  Dauer auch der Export nicht erfolgreich ist. Für den chilenischen Verbraucher ist Bio noch ein unbekanntes Wesen.

„Wir haben uns in Chile an den strengen US-Regeln orientiert, um weltweit äquivalent zu sein,“ erläutert Pilar Eguillor, von der Bio-Abteilung des Agrarministerium. So beträgt die Umstellungszeit in Chile drei Jahre, dauert also länger als die in Europa üblichen zwei Jahre. 2015 hat Chile die Möglichkeit der Zertifizierung von Erzeugergemeinschaften eingeführt. Zuvor gab es nur Einzel-Zertifizierungen. Seitdem ist die Zahl der EZG von fünf auf 19 angestiegen. Ein richtiger Schritt, um den Bio-Anbau voranzubringen.

Mit der EU gibt es seit Januar 2019 ein Äquivalenz-Abkommen, mit der Schweiz seit 1. Mai 2019 und mit Brasilien seit 1. August 2019. Die Bio-Richtlinien werden wechselseitig anerkannt und der Warenaustausch vereinfacht. Mit dem Hauptabnehmer USA wird seit Jahren über ein Äquivalenz-Abkommen verhandelt. Es genießt allerdings nicht Prioritätsstufe Eins, weil viele chilenische Hersteller und Lieferanten eine US-Zertifizierung haben. In den Äquivalenz-Abkommen ist der tierische Bereich ausgeklammert, außer Honig.

Chile geht mit Bio-Fleischprodukten nicht in den Export. Die Tierhaltung leidet aktuell unter der dramatischen Trockenheit. „Wir hatten vier Jahre keinen Regen. Bauern haben ihr Vieh geschlachtet und Dörfer verlassen. Wasser wird zum Teil mit LKW transportiert“, berichtet Eguillor vom Klimawandel in dem südamerikanischen Land. Manche Landwirte siedeln um in südlichere, feuchtere Landesteile.

Agrarpolitik ist auch Strukturpolitik. Die Regierung will die Dörfer attraktiver machen, um zu verhindern, dass die Flucht in die Stadt weitergeht. Bio-Produkte, die auf dem Weltmarkt gefragt sind, sollen den Bauern eine Existenzgrundlage bieten; moderne Infrastruktur mit Mobilfunk,  schnelles Internet und Freizeiteinrichtungen sind Elemente, die chilenische Dörfer lebenswerter machen sollen für die jungen Leute.

Erntefenster von Oktober bis Mai

Bio-Produkte im Wert von 276 Millionen Dollar exportierte Chile 2018. Mit 43 Prozent war Frischfrucht der größte Batzen, dicht gefolgt von verarbeiteten Lebensmitteln mit 40 Prozent und Wein mit 17 Prozent, wie die die Zahlen von Chilealimentos, dem Verband der Lebensmittelhersteller zeigen. Der Verband, dem Moises Leiva Riffo vorsteht, hat ein Bio-Komitee, dem 18 Unternehmen angehören. Die 18 zählen zu den wichtigsten Bio-Herstellern des Landes. Bio ist in dem Verband mehr als ein Wort. Es wird praktiziert.

Auf der Südhalbkugel reicht das Erntefenster von November bis Mai. Chile versorgt in dieser Zeit die Nordhalbkugel mit Frischfrucht, in bescheidenem Umfang auch Bio. Die Frucht-Großhändler haben mit der ASOEX einen eigenen Verband. Für ASOEX-Präsident Ronald Bown steht Nachhaltigkeit ganz vorn: „Das ist nicht allein Bio-Anbau. Wir schauen auf die ganze Kette mit Verpackung und Transport.“ Der CO2-Fußabdruck soll möglichst klein gehalten werden.

Biologisch angebaut wurden vergangene Saison 62.000 Tonnen Obst. Bei der Blaubeere war der Bio-Anteil mit zehn Prozent sogar zweistellig. Erdbeeren, Himbeeren, Johannisbeeren, Brombeeren sind weitere Arten, die in Chile kultiviert werden. Kernobst in Form von Äpfeln und Birnen und Steinobst in Form von Pflaumen und Kirschen sind ebenfalls im Anbau. Weiter gehören Tafeltrauben, Kiwi und Avocados zum Programm der chilenischen Frischfrucht-Lieferanten.

Bio-Äpfel aus Chile sind auch in Deutschland bekannt. Die waren bis vor einigen Jahren auf dem deutschen Markt vertreten, wenn die einheimische Ware vermarktet war. Seit in den großen Anbau-Gebieten für Bio-Äpfel in Europa bis zur neuen Ernte durchgelagert wird, kommen kaum noch chilenische Bio-Äpfel hier an.

USA ist der Hauptmarkt

„Wir haben in Chile ein spezielles Klima und sind in der Südhemisphäre der wichtigste Frucht-Exporteur“, macht Bown die Position von Chile deutlich. Bei Trauben, Blaubeeren, Pflaumen und Kirschen sind die Chilenen weltweit führend. Hauptmarkt für chilenische Bio-Exporte sind die USA mit einem Anteil von 60 Prozent vor Europa mit 22 Prozent. In Europa sind die Niederlande, Großbritannien und Deutschland die Hauptabnehmer. Insgesamt gehen die Bio-Produkte in 84 Länder.

Die Lebensmittelmesse Food & Service in Santiago gibt es seit 2011. Sie soll die größte in Südamerika werden. In den Messehallen tummeln sich Verbraucher und Fachbesucher. Insgesamt kommen mehr als 20.000 Besucher, darunter Besucher aus den Nachbarländern. Vereinzelt sind Bio-Hersteller wie Native for Life zu sehen. Das Unternehmen stellt Nahrungsergänzung aus Beeren her, zum Beispiel aus Maqui, Hagebutte oder Murta, einer Beere aus Patagonien in Süd-Chile. Die Früchte werden gefriergetrocknet und pulverisiert. Das Unternehmen führt eine Bio-Linie. Abgepackt wird in 2-Gramm-Portionstüten, die in Getränke, Müsli oder Jogurt gegeben werden.

Purefruit  verarbeitet Früchte zu Püree und führt auch eine Bio-Linie mit Apfel, Brombeere, Himbeere, Erdbeere und Kirsche. Sie gibt es in Portionspackungen für Kinder. Ähnliche Produkte von anderen Herstellern gibt es seit Jahren auf dem deutschen Markt. Großgebinde für Verarbeiter sind ebenfalls erhältlich.

Surfruit verarbeitet Früchte und bietet Bio-Apfelprodukte an. Die Sorten Granny Smith und Fuji, auch hierzulande bestens bekannt, werden getrocknet und geschnitten in mehreren Kalibrierungen. Müsli und Riegelhersteller finden hier einen Lieferanten.

Bio aus Chile ist auf europäischen Messen wie Biofach und Anuga vertreten. So wird versucht, die Erzeugnisse in die Welt zu tragen.

Anton Großkinsky


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