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Phosphonsäure – ein Dauerbrenner auch und gerade für Bio-Lebensmittel?

Wer den Beitrag in der letzten Ausgabe zum Thema Glyphosat gelesen hat, mag sich fragen: „Hört das denn nie auf?“ Im Gegensatz zu dem klassischen „Unkrautvernichter“ Glyphosat, blickt die Phosphonsäure, die heute Thema sein soll, auf eine lange Karriere als „Pflanzenstärkungsmittel“ zurück und kommt – im Rahmen der Reduktion des nicht minder umstrittenen Schwermetalls Kupfer – auf den ersten Blick eher als Segen denn als Fluch daher.

Dazu hat sich der BNN in seinem Fact Sheet zuletzt im Mai dieses Jahres umfassend geäußert und versucht sich dabei unter anderem an der folgenden stofflichen Definition:
„Kaliumphosphonat ist das Kaliumsalz der Phosphonsäure (KH2PO3, veraltet auch Phosphorige Säure). Kaliumphosphonat ist ein anorganisches Phosphonat, das deshalb früher Kaliumphosphit genannt wurde (heute veraltet), was den Vorteil hatte, es begrifflich leichter von organischen Phosphonaten unterscheiden zu können, zu denen Kaliumphosphonat nicht zählt. […] [1]“

Alles klar?! Klingt von weitem zumindest nach viel Chemie, doch tatsächlich war ‚Phosphonsäure‘ (diesen Begriff wird der Autor der Einfachheit halber im Folgenden verwenden) vor 2013 weder rechtlich noch analytisch ein Thema. Warum auch? Bislang in dem von der behördlichen Regelungswut eher verschonten Pflanzenstärkungsmittelbereich im Einsatz und irgendwie auch nach EU-Verordnung für Düngemittel zugelassen, spielte der Stoff in der Welt der Pflanzenschutzmittel oder gar Rückstandsregelungen bis 2013 keine Rolle. Das sollte sich am 22. April 2013 dramatisch ändern, was allerdings zu diesem Zeitpunkt noch nicht spürbar war:

Die europaweit geltende Verordnung 369/2013 verkündet die Zulassung des Stoffes als Pflanzenschutzmittel. Wirksam ab Oktober 2013. Dass die Welt davon erst einmal keine Notiz nimmt, überrascht nicht, gibt es doch zugegebenermaßen spannendere Lektüre als das Amtsblatt der Europäischen Union und außerdem ist Oktober weit weg.

Doch was sind die Folgen aus dieser Entscheidung? Phosphonsäure ist damit über Nacht unweigerlich als Pflanzenschutzmittel zu bewerten, was zunächst die konsequente Anwendung der bestehenden Rückstandshöchstmengenregelung bedeutet. Für Säuglingsnahrung und Co (sog. ‚Baby-Food‘) gilt die generelle Anwendung der allgemeinen Höchstmenge von 0,01 mg/kg für jeden Stoff, der als Pflanzenschutzmittel zugelassen ist oder eingesetzt wird, theoretisch damit auch für Phosphonsäure.

Spannend handzuhaben vor dem Hintergrund, dass zu dem Zeitpunkt praktisch keine analytischen Daten vorliegen. Findige Rückstandsrechtler entdecken dann doch tatsächlich im Regelwerk die Phosphonsäure als Abbauprodukt eines definitiv zugelassenen Fungizid wirksamen Pflanzenschutzmittelwirkstoffs namens Fosetyl-Aluminium eines rheinländischen Herstellers. Für die hiermit erfassten – und im Übrigen mit sehr üppigen Höchstmengen um 75 mg/kg ausgestatteten – Kulturen wie Erdbeeren kein Problem. Produkte, für die diese (auch vorher bereits konventionelle) Anwendung nicht vorgesehen ist, wie beispielsweise Himbeeren, fallen auf eine „analytisch bedingte“ Höchstmenge von 2 mg/kg zurück. Chemische Details zu den stofflichen Zusammenhängen finden sich im eingangs zitierten Fact-Sheet des BNN.

Was seinerzeit nicht vorherzusehen war, ist das weitläufige Vorkommen von Phosphonsäurerückständen in allen erdenklichen Lebensmitteln wie beispielsweise Nüssen und Mandeln. Oberhalb der 2 mg/kg. Deutlich oberhalb. Nicht verkehrsfähig. Nicht einmal konventionell. No way.

Die Behörden untersuchen, beanstanden, nehmen vom Markt, Lieferanten sind ratlos, die Richtigkeit der Analytik wird zunächst bezweifelt; Fosetyl, Phosphonat, Phosphit – die Begriffe wild durcheinander gewirbelt. Gesundheitliche Bedenklichkeit – so recht fix die EFSA – sei dabei allerdings zu keinem Zeitpunkt gegeben.

Im Übrigen ist Phosphonsäure als Pflanzenschutzmittel vom Regulatorischen grundsätzlich gleich zu behandeln wie Klassiker wie DDT oder Glyphosat: im Rahmen des ökologischen Landbaus nicht zugelassen und dürfte somit – abgesehen von unvermeidlichen bzw. erklärbaren Spuren – auch nicht in Bio-Lebensmitteln nachzuweisen sein.

Während die Bio-Welt für mein Empfinden historisch nachvollziehbar die ersten auftretenden Befunde gelassen zur Kenntnis nimmt, rotiert die Welt der Höchstmengengestalter und -anwender.

Es ist die Quittung dafür, dass ein Stoff als Pflanzenschutzmittel zugelassen wurde, ohne für die Etablierung entsprechender Höchstmengen zu sorgen. Demgegenüber sind die Eintragsquellen der Phosphonsäure so diffus, dass ein sofortiges „Abstellen“ der Rückstände nicht erfolgen kann: Düngemittel, Pflanzenstärkungsmittel, undeklarierte Zusätze. Verunreinigungen, etc. (siehe auch Fact Sheet BNN).

Erschwerend kommt eine gewisse Langlebigkeit in der Umwelt dazu (verglichen mit einem recht raschen Abbau des zitierten Fosetyl). Der schnelle Abbau hat jedoch zur Folge, dass bei genauer Betrachtung aus der Abwesenheit von Fosetyl nur eingeschränkt Schlüsse abzuleiten sind.
In Rekordzeit verabschiedet die EU Übergangshöchstgehalte für Rückstände an Phosphonsäure mit einem Haltbarkeitsdatum von gut einem Jahr, um den Sachverhalt aufklären zu können und die Produkte im Markt zu halten. Nach Ablauf der Frist Ende 2015 wurde es nochmal kurz hektisch. Inzwischen wurde die Geltungsdauer für den Übergang für einzelne Produkte, beispielsweise Mandeln, Pistazien und Walnüsse bis zum März 2019 verlängert.

Aktuell schreiben wir das Jahr 2017: Analytik entwickelt sich bekanntermaßen rasant. Lag die „politische“ Bestimmungsgrenze ursprünglich bei 2 mg/kg und die reale analytische Empfindlichkeit bei 0,1-0,5 mg/kg, werden mittlerweile von den Laboren Bestimmungsgrenzen von 0,01 bis 0,05 mg/kg gefordert und von diesen auch seriös angeboten. Unabhängig davon scheinen noch nicht alle Eintragswege restlos aufgeklärt und beherrschbar zu sein, um wirklich garantiert phosphonsäurefreie Ware auf diesem Niveau garantieren zu können.

Es stellt sich sogar noch mehr als im Falle des Glyphosats, vor dem Hintergrund sich stets verbessernder Analytik aber auch der skizzierten Historie des Stoffes, die Frage, inwieweit die Gesellschaft und auch die Fachwelt bereit dazu sind, Rückstände möglicherweise noch nicht einmal gesundheitsbeeinträchtigender Stoffe oder auch nur das Wissen darum, zu akzeptieren. Die Abkehr von einer geregelten Höchstmenge für Bio-Produkte wäre ganz allgemein möglicherweise ein wichtiger Schritt in diese Richtung.
Eine Illusion dagegen hege ich nicht mehr: Die Hoffnung, dass Rechtsvorschriften, die sich im Endeffekt als schwierig oder unpraktikabel erweisen, mit einer Art „Rückgängig“-Button ausgestattet werden wie ein Word-Dokument, der dann im Einzelfall auch betätigt wird.

Grundsätzlich ist somit vor dem Hintergrund der Entwicklung auch der Welt der ökologisch produzierten Lebensmittel zu empfehlen, den Nachweis von Phosphonsäure auf entsprechendem Niveau bis auf weiteres als integralen Bestandteil des Prüfplans mit aufzunehmen, sofern das bereits nicht schon lange passiert ist.

Der vage Hinweis auf eine „eben zu akzeptierende Langlebigkeit“ von Phosphonsäurerückständen, die sich seit grauer Urzeit auf dem Feld befinden, wird dagegen im Laufe der Zeit ohne entsprechende Daten immer schwerer haltbar sein.

Ein letztes Mal sei abschließend im Hinblick auf BNN und BÖLW hingewiesen, die sich höchstwahrscheinlich ausgiebiger als ursprünglich geplant und sehr tief mit dem Themenkomplex beschäftigt haben.

Für den Autor tun sich rückwirkend betrachtet – und angesichts der nachgewiesenermaßen gesundheitlichen Folgen sicherlich weit hergeholte – Parallelen zur Wahrnehmung des Rauchens auf, welches früher einmal Inbegriff von „Lebensgefühl“ war und nun hauptsächlich als „Lebensgefahr“ wahrgenommen wird. Man darf gespannt sein, wie sich dieses Thema weiter entwickeln wird.

Jo Riehle, Pestizidexperte
Eurofins Dr. Specht Laboratorien


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