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Editorial

Editorial Ausgabe 88/Juli 2016, 3. Quartal

Liebe Leserin, lieber Leser!

Über das Ranking der Gründe Bio-Lebensmittel zu kaufen, gehen die Meinungen auseinander. Für die meisten bleibt die Bio-Erfolgsstory so oder so ein Rätsel. Vor 20 Jahren war die Frage: Ist Bio ein Trend, ein Boom oder kommt der Big Bang? Heute wissen wir, es war und ist weder ein Trend noch ein Boom. Bleibt der Big Bang.

Woher kommt das? Von der Tierliebe? Von der ökologischen Verantwortung? Von der Abkehr vom Überfluss? Ist Ethik allein die Antriebsfeder? Oder ist es am Ende doch der profane Egoismus, die Sorge um die eigene Gesundheit?

Vieles weist auf Letzteres hin. Regelmäßig wird über die Mütter geschrieben, die Bio für ihre Kinder kaufen. Auch wenn Bio so teuer sei, würden sie sich die Entscheidung für die Vermeidung von Gesundheitsschäden an den Kindern einiges kosten lassen.

Der Blick auf die Ess-Trends, die Vegetarier, Veganer, neue Küche und einiges mehr, macht immer wieder deutlich, die Menschen werden informierter und achten dabei auf, ja!, ihre Gesundheit. Natur ist überzeugend stark, sie schmeckt und sie dient der Gesundheit.

Die aktuellen Glyphosat- und Gen-Diskussionen werden von dem gleichen Grund befeuert: die Sorge um die Gesundheit. Im gesunden Körper steckt ein gesunder Geist, warum sollte diese alte Volksweisheit heute nicht mehr stimmen? Die Information, dass Glyphosatrückstände in jedem Bürger der industrialisierten Welt nachweisbar ist, rüttelt auf.

Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden haben ihre Basis im energiereichen Essen. Nahrungsaufnahme allein reicht nicht, sagt der Chefarzt der ersten deutschen Klinik für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM). Bei seinen Patienten sei immer die Mitte im Ungleichgewicht. Und er sucht die Zusammenarbeit mit dem Supermarkt im Ort, weil dort die Grundlagen für gute oder schlechte Ernährung zu finden sind und auch Bio angeboten werden. Mit Lebensmitteln lässt sich das Gleichgewicht herstellen, so die chinesische Ernährungslehre.

bioPress hat sich aufgemacht, dieses Verhältnis zu beleuchten und eine Geschichte darüber zu schreiben. Sie soll Kaufleuten helfen, den Big Bang besser zu verstehen. Es gibt ihn, den Unterschied zwischen Nahrungsmittel und Lebensmittel. Gesunde Ernährung ist für jeden machbar. Auch wenn der Verpflegungs-Tagessatz von acht Euro um zirka das Doppelte über dem Üblichen liegt.

Fast alle Achsen in der Bio-Vermarktung wurden in den letzten Monaten verschoben. dm will nicht mehr mit Alnatura zusammenarbeiten. Beide streiten sich um die Markenrechte. Alnatura-Produkte werden jetzt neben Veganz-Produkten beim Edekaner angeboten. Und Veganz ergänzt die Markenvielfalt im Bio-veganen dm-Sortiment. Auch die Rewe steckt natürlich in nichts zurück. Die Rewe-Großhandlung Wiesloch zeigt sich aktuell mit 2.500 bis 3.000 Bioprodukten und einem breiten Vegan-Sortiment in ihrem Testmarkt.

Nachhaltigkeit wird nicht mehr nur vom Handel und von Verbänden dekliniert. Sie wird von der internationalen Politik in feste Ziele gegossen und zur Grundlage der Entwicklung weltweiter Lebensstandards. Dazu gehören auch gesunde und dennoch bezahlbare Lebensmittel. In der Schweiz steht die Thematik Welternährung im Zentrum. Dort diskutieren Handel und Biofachleute auf Augenhöhe und verabreden höchste Standards. Niemand will Abkommen wie TTIP, die unsere guten Standards aushöhlen und aus dem Freihandel eine Bedrohung für die menschliche Gesundheit machen.

Die Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller AöL geht mit ihren Mitgliedern diesen Weg der hohen Standards. Im Zentrum ihrer Arbeit steht die politische Interessenvertretung auf nationaler und europäischer Ebene. Sie diskutieren aktuell die Anforderungen an die Sicherheitsmaßnahmen, die nicht selten Vorrang haben sollen vor der Qualität. In bioPress wird ab dieser Ausgabe regelmäßig von der AöL berichtet.

Die Erfolgsgeschichte Bio lief hierzulande auch ohne EU-Einmischungen dank Renate Künast bereits auf Hochtouren. Man hat in Brüssel den Glanz am Horizont gesehen und schnell den Ball aufgegriffen. Jetzt, gerade einmal zehn Jahre später, wollen sie alles auf den Kopf stellen. Das einzige Lebensmittelkontroll-System, das Vorsorge für alle ökologischen Aspekte trifft, soll auf das untaugliche Prinzip Nachweisgrenzen zurück bzw. umgestellt werden. Noch fauler kann eine Absicht nicht daherkommen.

In diesen Tagen gipfelt ein schwelender Biobranchen-Machtkampf in der Okkupation von Bio-Marken. Einige Akteure des Naturkostfachhandels wollen erfolgreiche Marken für sich allein vereinnahmen und zu Fachhandelsmarken versteinern lassen. Das Ziel Bio für ALLE wird nach deren Vorstellung nur erreicht, indem immer mehr Bio-Supermärkte die Supermärkte ersetzen. Alle anderen können es angeblich nicht. So sehen wir uns dann im Jahr 2122?

Erich Margrander
Herausgeber


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