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NIedersachsen

Mehr Bio-Schweine braucht das Land

Tagung mit Landwirten, Verarbeitern und Händlern in Verden

Mehr Bio-Schweine braucht das Land © bio2030 / Conrad Thimm

Unter dem kritischen Titel „Jetzt mal ehrlich: Wo und wie bietet Ökolandbau Chancen in Niedersachsen?“ trafen sich in Verden am 18. März 30 Landwirte, zehn Verarbeiter, zehn Händler, fünf Berater und zwei Landtagsabgeordnete zu einer sogenannten Mitmach-Tagung. Im Mittelpunkt standen dabei die aktuelle Situation und die Zukunftsperspektiven der Betriebszweige Bio-Milch, Bio-Schweine, Bio-Futter und Bio-Kartoffeln, die in verschiedenen Arbeitskreisen leidenschaftlich diskutiert wurden.

Die Erzeugerpreise für konventionelle Milch sind im Keller. Die Umstellung auf Bio in diesem Bereich ist derzeit besonders attraktiv. Wer die Kühe auf die Weide lassen kann und nicht 10.000 Liter Milch oder mehr pro Hektar erwartet, der ist heute meist an der Umstellung auf Bio interessiert. Es lockt ein Erzeugerpreis, der mit rund 50 Cent pro Liter etwa doppelt so hoch ist wie der konventionelle Preis.

Doch die Sache hat einen Haken: Noch Anfang des Jahres waren zwar verschiedene Molkereien sehr an der Abnahme von mehr Bio-Milch interessiert. Dazu gehörten auch die Molkerei Ammerland  in Wiefelstede bei Oldenburg und die Hofmolkerei Dehlwes in Lilienthal bei Bremen, die beide auf der Tagung vertreten waren. Inzwischen haben die Molkereien durch Landwirte, die neu auf Bio umgestellt haben und durch Aufstockung bestehender Bio-Milchviehhalter so viel mehr Bio-Milch unter Vertrag, dass sie einen Aufnahmestopp für neue Bio-Milch-Lieferanten verfügt haben. Für mehr Bio-Milch als sie jetzt für den Herbst 2017 unter Vertrag haben, können sie den Absatz nicht garantieren.   

Ganz anders die Situation bei den Bio-Schweinen. Wie der Bio-Berater der Landwirtschaftskammer Niedersachsen Jan Hempler zeigte, sind die Preise für Bio-Schweine in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Seitens des Handels waren die beiden größten Bio-Schweine-Vermarkter Europas auf der Tagung vertreten, Friland J. Hansen, eine Tochter von Danish Crown mit seinem Geschäftsführer Jürgen Hansen aus Kiel, sowie De Groene Weg, einer Tochter von Vion mit dem Direktor Landwirtschaft Deutschland, Dr. Heinz Schweer. Auch die Vermarkter bestätigten, dass sie weit mehr Bio-Schweine verkaufen könnten – wenn sie denn hinreichend viele geliefert bekämen. Allerdings scheitert der Umbau von konventionellen Schweine-Mastställen meist an der Baugenehmigung.

Für Unruhe sorgt in diesem Markt der konventionelle Marktführer Tönnies, der den Bio- Schweinemästern seit geraumer Zeit Spitzenpreise mit Fünf-Jahresverträgen anbietet. Es wurde die Sorge laut, dass Tönnies mit einer solchen Preispolitik versucht, eine Marktdominanz zu erreichen, um anschließend niedrigere Preise diktieren zu können.  Aber derzeit geht es allen Händlern gleich, sie suchen händeringend mehr Bio-Schweine.

Bio-Futter für Hühner und Schweine und auch Bio-Kraftfutter für Milchkühe wird ebenso gesucht. Es muss daher zu einem erheblichen Teil aus der Ukraine, Rumänien und dem Baltikum eingeführt werden. Dort betragen die Pachtpreise für Anbauflächen nur einen Bruchteil der in Niedersachsen üblichen Preise. Dagegen sind die natürlichen Wachstumsbedingungen für Getreide und Eiweißpflanzen wie Soja und Lupinen dort oft besser. So kommen diese Komponenten mit gutem Futterwert, aber manchmal aus unsicheren Herkünften, preisgünstig ins Land.

Verschiedene Futtermühlen wie Reudink und Gut Rosenkrantz würden gerne den Importanteil zugunsten heimischer Herkünfte reduzieren. Sie können die Bio-Bauern aber nur wettbewerbsfähig beliefern, wenn gleiche Bedingungen für alle gelten. Dies könnte über eine Anpassung der Richtlinien für den Ökolandbau geschehen. Eine Erhöhung des Pflichtanteils an heimischen Komponenten auf 40 Prozent im Bio-Mischfutter und ein Bio-Futter-Getreidepreis von 35 Euro je Dezitonne würde den Bio-Getreideanbau im maritimen Klima Nord­deutschlands deutlich rentabler machen.

Der erfahrene Bio-Ackerbauberater Gustav Alvermann vom Ökoring Schleswig-Holstein wies darauf hin, dass es in Norddeutschland im Mai für Bio-Getreide meist zu trocken ist. Dadurch ließen sich hier nur 40 Prozent der konventionellen Erträge erreichen. Ganz anders beim Körnermais, der die Feuchtigkeit erst später braucht und im Bio-Anbau häufig die gleichen Erträge wie im konventionellen Anbau erreicht. Im Übrigen propagierte Alvermann die Kombination von Bio-Ackerbau mit Milchvieh, Biogas, Hühner- oder Schweinehaltung – und wenn nicht im eigenen Betrieb, dann als überbetriebliche Kooperation.              

Das Thema Kooperation lag auch dem Leiter des Referats Ökolandbau beim Deutschen Bauernverband, Dr. Wolfram Dienel, am Herzen. Er stellte dar, wie Kooperationen unter Landwirten, ebenso wie unter Verarbeitern und Händlern, in der Lage seien, „Hand in Hand für mehr heimisches Bio“ zu sorgen. Das große Interesse an mehr heimischem Bio bestätigten auch die beiden anwesenden Vertreter der Edeka Minden Hannover.

Ein eindrückliches Beispiel dazu lieferte Monika Tietke vom Bio Kartoffel Erzeuger Verein aus dem Wendland. Der Verein startete gleich mehrere Initiativen: Einen Runden Tisch Bio-Kartoffel mit Kartoffelpackern und Ketten des Lebensmitteleinzelhandels, die Initiative „300 Tage im Jahr deutsche Bio-Kartoffeln“ und schließlich „mehrbio.de“ als Struktur, in der die vier größten Bio-Kartoffel Erzeugergruppen, die beiden mit Abstand größten Kartoffelpacker Deutschlands, bio wie konventionell, die Böhm-Gruppe und Hans-Willi Böhmer sowie die Einzelhandels Filialisten Rewe, Tegut und Alnatura vertreten sind.

Mit dabei ist auch die Marktgenossenschaft der Naturland-Bauern, die sich als Hauptlieferant für Bio-Kartoffeln bei Aldi Nord eine Vertrauensstellung aufgebaut hat. Sie sorgt für Transparenz und Glaubwürdigkeit, indem auf jedem ihrer Aldi GutBio-Kartoffelnetze ein Code steht. Wer diesen auf der Website der Genossenschaft eingibt, kann zurückverfolgen, von welchem Bio-Betrieb die Kartoffeln kommen.

Transparenz und Verbraucheraufklärung war dann auch das zentrale Thema bei der gemeinsamen Suche von Bauern, Verarbeitern und Handel nach Lösungen für die Zukunft des Biolandbaus. Immer weniger Verbraucher haben noch einen Bezug zur Landwirtschaft, wissen noch wo ihre Lebensmittel herkommen und wie sie erzeugt werden. Das ist der Raum, in dem sich Ideen wie der Vegan-Hype ausbreiten. Ideen, die oft in einem Atemzug mit Bio genannt werden und doch in krassem Gegensatz zu einem Ökolandbau stehen, der die Tierhaltung für eine erfolgreiche Kreislaufwirtschaft braucht.    

Wie Bürokratie und Kontrollen Bio-Landwirten das Leben schwer machen können, schilderte anschaulich der Naturland Bauer Everhard Hüseman aus  der Grafschaft Bentheim.  Die eigentlich erwünschte Vielfalt der Betriebe, so Hüsemans Fazit, sei unter den Bedingungen von immer mehr staatlichen Auflagen und Kontrollen, aber auch seitens des Handels und der Verarbeitung, immer schwieriger aufrecht zu erhalten. Auch in dieser Erfahrung trafen sich die anwesenden konventionellen und Bio-Bauern, die in der freundlichen Atmosphäre dieser Mitmach-Tagung gut zusammenarbeiteten. Es müsse mehr Dialogveranstaltungen dieser Art geben, waren sich die Teilnehmer am Ende einig.

Mehr zu der Tagung unter www.bio2030.de 


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