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Zeit für Veränderungen

SinnBIOse Netzwerk übernimmt Berliner Großhändler Midgard

Florian Gerull, Gesellschafter und Geschäftsführer von Ökofrost, hat Anfang des Jahres die Firma SinnBIOse Netzwerk gegründet. Mit ihr kaufte er im April den Berliner Großhändler Midgard Naturkost und Reformwaren. Die Geschäftsführung teilt er sich mit dem Vertriebsexperten Felix Wasmuth.

Noch ist es eine Vision ohne fertiges Konzept. Aber das Prinzip steht: Mit der Gründung von SinnBIOse soll ein Netzwerk nachhaltig und ökologisch orientierter Unternehmen entstehen, die synergetisch zusammenarbeiten.

„Während sich etwa eine Firma um die Buchhaltung aller Unternehmen kümmert, würde eine andere das Marketing übernehmen. Gäste eines Seminarzentrums könnten im zugehörigen Bio-Hotel untergebracht werden. Das Netzwerk lässt sich beliebig ausweiten, zum Beispiel mit einer Reinigungsfirma, einer Autovermietung oder einem Kindergarten“, erklärt Gerull.

Zusätzlich zur Grundauslastung des Netzwerks könnten die Unternehmen freie Aufträge übernehmen. Gerull geht es bei seiner Idee um Kooperation und Synergie.

Mit der Übernahme von Midgard ist der erste Schritt für ein solches Netzwerk, das sich nach und nach entwickeln soll, gemacht. „Es gibt viele Synergie-Möglichkeiten, die wir nutzen möchten. Zunächst wird die Buchhaltung bei Ökofrost eingelagert. Auch die EDV und das Marketing werden in Zukunft zusammengeführt“, erklärt Gerull.

Wasmuth kümmert sich um die rund 60 Midgard-Angestellten vor Ort in Charlottenburg. Seit April wurden 14 neue Mitarbeiter eingestellt. Die beiden Geschäftsführer wollen eine neue Unternehmenskultur einbringen, die sich an der von Ökofrost orientiert und mehr auf Eigenverantwortung und Teilhabe ausgerichtet ist. „Es ist Zeit für Veränderungen“, sagt Gerull. „Wir setzen auf eine angenehme und produktive Weiterentwicklung. Bei uns gibt es regelmäßig Meetings mit allen Mitarbeitern. Da geht es zum Beispiel um unsere Ziele, wie wir sie umsetzen und optimieren können. Jeder kann seine Meinung einbringen. Das gab es vorher nicht“, erklärt Wasmuth.

Midgard führt rund 6.000 Artikel, darunter hauptsächlich Mopro, Obst, Gemüse und Trockenprodukte. Ein Schwerpunkt liegt dabei traditionell auf Demeter-Erzeugnissen. Kosmetik- und Reinigungsprodukte machen einen kleineren Teil aus.

Pro Tag werden durchschnittlich 200 Rollis kommissioniert und mit eigenen Kühl-Lkw nach Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Berlin ausgeliefert. „Berlin ist ein starker Markt für Naturkostprodukte. Hier gibt es viele frei geführte Unternehmen, die immer  mehr Bio-Produkte anbieten“, sagt Wasmuth.

„Im letzten Jahr hat Midgard etwas über 16 Millionen Euro Umsatz gemacht. Für dieses Jahr erwarten wir eine Steigerung auf ungefähr 19 Millionen Euro. Das Unternehmen wächst somit um fast 20 Prozent“, so Wasmuth.

Midgard solle künftig auch Tiefkühlkost mitausliefern, sagt Gerull. Dann sei das Unternehmen Vollsortimenter. Das wäre auch für die Kunden interessant, denn sie könnten dann bei einem Lieferanten bestellen.

Viel Potenzial sieht Gerull auch im Aufbau eines Außendiensts für die Kundenbetreuung. Bisher habe dieser nur traditionell passiv funktioniert. Durch Produktentwicklung und -gestaltung könne der Verkauf ebenfalls aktiver gestaltet werden. Der bisherige Lieferkreis Berlin und Umgebung solle sich aber nicht ändern.

Hauptkunde von Midgard ist zu 80 Prozent der Biofachhandel. Allein Bio Company macht 50 Prozent aus. 15 Prozent liegen bei Kitas und Gastronomie. Konventionelle Einzelhändler wie Edeka, Rewe und Kaisers Tengelmann kommen auf fünf Prozent. Einzel- und Naturkostfachhändler erhalten die Produkte zu denselben Preisen.

„Wenn wir ernsthaft wollen, dass alle Lebensmittel biologisch produziert werden, dann muss Bio überall verfügbar sein. Das zu unterstützen ist mein Ziel“, sagt Gerull zur Diskrepanz in der Bio-Branche. Eine Abhängigkeit von konventionellen Firmen will er vermeiden, um unter anderem seine Unternehmenskultur nicht zu gefährden.

Midgard schloss sich in den neunziger Jahren mit dem 1931 gegründeten Großhandel Koch & Egner zusammen. Bisheriger Inhaber war Klaus Bartels-Lungwitz, der das Unternehmen nach langen Jahren aus Altersgründen verlassen hat. Nach Terra Naturkosthandel ist Midgard der zweitgrößte Naturkost-Großhändler in Berlin.

Sina Hindersmann

 


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