Start / Ausgaben / BioPress 49 - November 2006 / Editorial Ausgabe 49/November 2006

Editorial

Editorial Ausgabe 49/November 2006

Liebe Leserin, lieber Leser!

In Köln trafen sich im September  unterschiedliche Welten: Die etablierte Biobranche und der herkömmliche Lebensmittelmarkt. Es ist einiges deutlich geworden auf dem 2. Bio Handels-Forum. Der Handel war so stark vertreten wie noch nie. Und die Kaufleute scheinen sich wohlgefühlt zu haben.  Neues, bisher so noch nicht Gehörtes, selten Ausgesprochenes hat sie aufhorchen lassen und begeistert. Viele Reaktionen haben das bestätigt.

Auf der anderen Seite zeigt die Biobranche mehr Ungeduld. Sie hat teilweise andere Erwartungen. Zahlen sind gefragt und Fakten, lernen, wo was genau passiert, was noch niemand so genau weiß, niemand wissen kann, weil Bio-Vollsortimente gerade erst in Bewegung kommen. Was für einen Kaufmann mit „jungfräulichen“ Bioambitionen spannend erscheint, ist für Etablierte ein alter Hut?

Beim genauen Hinschauen reagieren einige auf neue Regungen jedoch latent ablehnend. In Einzelfällen so heftig, dass Prof. Meyer in seiner Tageszusammenfassung das aufgreifen musste und zu „zivilisiertem“ Umgang miteinander ermahnte. Es sei normal, dass die Ansichten unterschiedlich sind, wenn extreme Welten zusammen kommen. Wichtiger sei jedoch, dass die ganzheitliche Auffassung der Biowelten einen positiven und nachhaltigen Einfluss ausübe und sich der Gesamtmarkt für Lebensmittel der Biovermarktung immer weiter öffnet, aus welchen Gründen auch immer.

An etlichen Stellen wurde betont, dass sich der Markt rasant ändert! Die Alles- und Nichts-Distribution der Gleichmacherei stößt plötzlich auf Konkurrenz. Unterscheidbarkeit ist neuerdings gefragt, und die Kraft der Marken kehrt zurück. Mittelmäßigkeit nimmt ab und die Ränder nehmen zu - unten und oben. Der Discountmarktanteil ist noch am Steigen, aber Qualitätsansprüche eben auch. Die Nachfrage nach Genuss und Sicherheit bei Lebensmitteln erlebt einen regelrechten Boom. Das alles begünstigt die Biovermarktung im LEH.

Die etablierte Biobranche muss lernen, dass sie ihre hohen Werte nicht für sich allein beanspruchen und behalten kann. Wie sollten sie sich da flächendeckend durchsetzen können? Das neu erweckte Interesse im Lebensmittelhandel ist doch ein Segen. Niemand muss interessierte Kaufleute als Usurpator empfinden, auch wenn oberflächliche Gewinnabsichten mit wirklichem Interesse einhergeht. Solch Nebeneinander ist überall zu finden, auch die Biobranche ist nicht nur glanzvoll.

Ein Forum wie in Köln deckt das natürliche Bedürfnis Aller, die miteinander reden, die aufeinander zugehen wollen und so den Biomarkt und damit den ökologischen Landbau voran bringen werden. Das vielfältige Interesse der rund 400 Teilnehmer bietet große Chancen. Ob es dabei nur um Business geht? Klar, ohne Gewinnchancen geht es nicht. Das ist auch die tragende Säule bei den Bioproduzenten, im Biofachhandel und nicht zuletzt bei den Erzeugern.

Wer den Kopf weit in die Zukunft streckt, wird hierzulande als Visionär bezeichnet, und das meist im überheblichen, negativen Sinn. Renate Künast hat in Ihrer Grußrede zur BÖLW-Herbsttagung 2006 das Phänomen aufgegriffen: Die dort besprochene These „100 Prozent Bio“ wird heute als Spinnerei betrachtet. Visionäre würden so was denken. Und dass die Vorstellung schwer ist, hat die Tagung gezeigt. Es sei aber oft so, was heute Spinnern zugeschrieben wird, hat, wenn es dann eintritt, plötzlich viele Mütter und Väter.

Das Phänomen kennen die Grünen. Anfang der 80-er Jahre nahm sie keiner Ernst. Aktuell erleben wir mit der Schaffung regenerativer Energiegewinnung eine starke Stütze des Aufschwungs, nicht nur wegen des Exports. In den Baumärkten werden Dämmmaterialien knapp. Heute stürzen sich alle auf Energiesparmaßnahmen am Haus und es wird Gesetze geben, die solche Maßnahmen für Mietwohnungen vorschreiben. Ganz nebenbei sorgt das für Beschäftigung und sichert Einkommen.

Der Erfolg von Bio hat viele Gründe. Neben dem guten „Ökologie“-Gewissen verbinden die Menschen Gesundheit und Leistungsfähigkeit mit unbelastetem Essen. Auch Fitness und Wohlergehen. Nicht zuletzt hat sich herumgesprochen, dass Naturbelassenes besser schmeckt. Wo Ess-Genuss  gepredigt wird, geht die Empfehlung für den Bioeinkauf mit einher.

Im Lebensmittelmarkt wird sich im Wettbewerb behaupten können, wer es versteht, Antworten auf damit zusammenhängende Fragen zu geben und entsprechende Sortimente bereit zu stellen. Bleibt die Frage offen, wer die Aufgabe bewältigt, den Kaufleuten die entsprechende Beschaffung und Logistik zu organisieren. Bisherige Ansätze lassen hoffen. Sie sind jedoch noch weit entfernt von flächendeckender Vollversorgung.

Erich Margrander
Herausgeber


Ticker Anzeigen

Das könnte Sie auch interessieren