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Editorial

Editorial Ausgabe 72/August 2012, 3. Quartal

Liebe Leserin, lieber Leser

Bio ist populärer denn je, und der Markt entwickelt sich entgegen allen Unkenrufen ständig weiter. Auch wenn das Wachstum in kleinen Bioläden gering ausfällt oder auch leicht rückläufig ist, die Verbraucher kaufen anderswo im­mer mehr Bio. Seit mehr als einem Jahrzehnt wächst der Biomarkt überproportional während der allgemeine Lebensmittelmarkt eher stagniert oder sich mit kleinsten Wachstumsraten begnügen muss, die dann der Preisentwicklung und nicht einer Ausweitung des Marktes geschuldet sind.

Was liegt da näher, als dass sich selbstbewusste Kaufleute auf die Kundenwünsche einlassen und anbieten, was erwartet wird? Seit Jahren ist zu beobachten, wie sich die Besten unter den Kaufleuten in das Thema einarbeiten, die Jungen Bio gar in den Fokus stellen. Während die ältere Garde Bio in ihre Sortimente mühsam integrieren, machen es die Jungen umgekehrt, sie bauen ihre Sortimente um Bio herum. Und sie sind erfolgreich damit. Fünf bis zehn Prozent Bioanteil von acht bis zehn Millionen Euro Umsatz sind dann ebenso viel oder viel mehr als ein Bioladen oder Bio-Supermarkt absetzen kann.

Die Einkaufsstätten der Lebensmittelkaufleute haben den Vorteil der Standorte. Sie sind nicht auf die Zentren konzentriert, sondern auch in der Fläche vertreten. Sie versorgen ihr gewachsenes Umfeld und das bedeutet Biowachstum pur. Neukunden schaffen mehr Volumen für den Ökolandbau und sie können in allen urbanen Bereichen zugreifen.

Was fehlt, sind mehr ehrgeizige Großhändler, die den Kaufleuten eine Vorstufe bieten. Wo das nämlich funktioniert, strahlen die Bio-Sortimente ein Vertrauen aus, dass das Einkaufen Spaß macht. Professionelle Verkäufer gepaart mit extraklasse Bioangeboten lassen viel Frust der Verknappung gewohnten Ökokäufer vergessen.

Da kommt dann schon mal ein Bio-Broccoli aus der Region für 2,99 € ins Regal, wo um die Ecke beim Bio-Supermarkt 4,49 € oder bei der REWE 5,29 € zu berappen ist. Man fühlt sich dann wirklich nah am Produzenten. Die Bio-Branche muss sich anstrengen. Eine Versorgung durch einen bundesweiten Großhändler allein ohne Ergänzungen vom Großmarkt und Produkten aus der Region oder weitere Streckenlieferanten, die Vielfalt ins Sortiment bringen und auch kleinen Manufakturen eine Chance bieten, widerspricht doch dem ursprünglichen Anspruch!

Und wenn sich dann Kaufleute ins Zeug legen und ihr Können in die Waagschale werfen, dürfen die nicht blockiert werden mit Fachhandelstreue-Verlangen. Den Konsumenten dürfte jede experimentelle Anstrengung recht sein. Niemand wartet auf ein Zertifikat der Bioladner. Bioprodukte, die neben anderen Lebensmitteln angeboten werden, stehen im echten Wettbewerb. Das bringt Entspannung in die Jahrzehnte lange Verzichtserklärung, wo nicht nach dem Preis gefragt wurde und auch nicht nach dem Verbleib der Margen.

Die Bio-Handels-Eigenmarken bringen den besten Ertrag, das hat die REWE vor Jahren schon in ihrem Geschäftsbericht geschrieben. Und das wundert nicht bei den Vorgaben der Biobranche, die für das Kilo Bananen flächendeckend wieder 1,99 € verlangt, nach einer Periode des echten Preises von 1,79 €. Da satteln die Handelsriesen dann eher noch eines drauf, wissen sie doch, dass die Biokunden leidensfähig sind.  Nichts von den (Zusatz-)Aufschlägen kommt beim Bauern an, wie sie alle unisono behaupten.

Wir wollen Bio nicht billig. Die Preise sollten sich jedoch an Faktoren orientieren, die nicht die Kassen des Handels an erster Stelle sehen, sondern die Erzeuger und die Kunden. Das Preisgefüge bleibt ungestört, wenn saisonale Angebote einen Salat- oder Apfelpreis nach unten verändern. Oder der Broccoli nicht aus Italien heran gekarrt werden muss und daher 50 Prozent günstiger angeboten werden kann. Wer Bio liebt, soll deshalb nicht gleich jeden Preis bezahlen müssen.

Erich Margrander
Herausgeber

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