Editorial
Editorial Ausgabe 71 / 2. Quartal 2012
Liebe Leserin, lieber Leser!
Im Biomarkt ist wieder kräftige Bewegung zu spüren. Nicht, dass vorher Stillstand geherrscht hätte. Aber nach einer Zeit der ruhigen Entwicklung kommen jetzt wieder kreative Kräfte an die Oberfläche. Bei Demeter regt sich das Selbstbewusstsein. Wie vor Jahrzehnten, als Neuform eine Alleinstellung für die Demeter-Vermarktung einforderte, wollen jetzt die Naturkostfachhändler anderswo den Verkauf von Demeter-Produkten verhindern.
Vor zwölf Jahren lag der Demter-Anteil am Bioladen-Umsatz bei zehn Prozent. Nach Jahren der Anstrengung stieg der Umsatzanteil mithilfe des Demeter-Partner-Programms um zwei auf zwölf Prozent im Jahr 2007/2008. Kein großer Sprung. Woher dann der Anspruch kommt, dass Demeter nur „bei mir“ vermarktet werden soll, ist schleierhaft.
Ähnliche Ungereimtheiten stoßen auf beim Betrachten der Regionalen mit ihrem Werbespruch „Echt Bio“! Was ist denn unecht an Bio? Wo Bio drauf steht muss auch Bio drin sein. Sich den Bio-Begriff derart dem eigenen Marketing zu vereinnahmen und im gleichen Atemzug andere damit auszugrenzen, sollte dringend hinterfragt werden! Schließlich sitzen wir alle im gleichen Boot und wollen möglichst viel Bio. Oder geht es bei manchen nur um die Bio-Teile, die durch die eigene Tasche fließen?
Seit einem Dutzend Jahren grenzen nicht wenige Biovermarkter Lebensmittel-Vertriebsschienen neben dem Naturkostfachhandel auf katastrophale Weise aus. Mit Unterstellungen, dass alle, die nicht der Öko-Gemeinde entstammen, Trittbrettfahrer seien. Natürlich sind Aldi und Lidl nicht mit Herz und Seele dabei. Und dennoch vermarktet Aldi den Löwenanteil an Kartoffeln und Karotten der deutschen Biobauern. Beim ehrlichen Hinschauen stellt sich die Frage, wo schlägt denn das Herz nur für die Seele? Auch das Fleisch - der Geldbeutel - spielt immer mit eine Rolle!
Da stellen seit mehr als einem Jahrzehnt Bio-Produzenten auf der Anuga aus. Und wenn denen Fragen nach den Supermarkt-Kaufleuten als mögliche Bio-Vermarkter gestellt werden, reagieren die Mitarbeiter verständnislos. Die sind nicht unsere Zielgruppe! Die werden nicht von uns beliefert. In Deutschland nur der Fachhandel. Aber der Rest der Welt wird dort auf der Anuga angesprochen. Auch die BioFach hat sich zu einem ähnlichen Marktplatz der gespaltenen Zunge entwickelt. Alle exportieren gerne, die einen mehr, die anderen weniger. Das ist alleine von der Nachfrage bestimmt. Und wo das dann im Ausland angeboten wird, sieht hier keiner.
Unter dem Ladentisch wurden in den letzten zwölf Jahren die Supermärkte dennoch versorgt. Dieses zwiespältige Verhalten verursacht einen großen Imageschaden. Vor allem die Bauern sind so nur schwer zur Umstellung zu gewinnen. Die wollen ehrliche, offene Märkte. Sie stürzen sich nicht in eine unsichere Zukunft und Abhängigkeit.
Immer mehr Hersteller fragen sich, wie lange noch? Viele Kaufleute haben unter großen Mühen gezeigt, dass trotz der Widerstände des Fachhandels genügend interessante Sortimente lieferbar sind. Der Damm hat Löcher. So viele, dass er am Zerbrechen ist. Und das ist gut so!
Wer genau hinschaut, kann erleben, dass unter den Lebensmittelkaufleuten viele überzeugende Kooperationen mit Bio-Produzenten existieren. Es funktionieren auch regionale und faire Partnerschaften. Kaufleute mit 2.500 Kunden pro Tag in einem Supermarkt können mehr leisten als ein Bioladner mit 250 Kunden. Das leuchtet jedem ein.
Das war schon in den Neunziger Jahren abzusehen. Damals hat bioPress in einem Artikel darauf hingewiesen, dass ein Fachhandel sich immer eine Nische suchen und sich dort behaupten muss. Die Strategie, Bio in anderen Vertriebsschienen zu verhindern, darf nicht aufgehen. Das schulden wir der Gesamtbevölkerung und der Natur selbst. Der Weg zu 100 Prozent Bio ist lang, er beginnt jedoch immer im Hier und Jetzt.
Erich Margrander
Herausgeber







