Editorial
Editorial Ausgabe 70 / Februar 2012
Liebe Leserin, Lieber Leser!
Der Ausblick ins weiterhin krisenbedrohte Wirtschaftsjahr zeigt eine optimistische Stimmung. Von der Aussicht auf zunehmendes Ernährungsbewusstsein getrieben, setzen Kaufleute auf Events im Markt mit Lerneffekten. Die Markt-Präsentation unterscheidet nicht mehr nur nach Einstieg und Marke. Flächendeckend ist eine dritte Ebene angekommen: Bio!
„Die Kaufleute sind so gut wie ihre Vorstufe“, so der damalige Edeka-Aufsichtsratsvorsitzende Jörg Hieber vor zwölf Jahren angesichts der Bioangebote aus seiner Zentrale. Seitdem hat sich in den Verkaufsregalen eine neue Welt etabliert. Hiebers Kritik greift jedoch auch heute noch.
Kaufleute wünschen sich mehr Unterstützung von Seiten der Hersteller. Geschichten und Erlebniswelten sind beim Einkaufen gefragt. Das Biosegment kann hier viel beitragen. Ob das auf Dauer handels-systemkonform funktioniert, wird immer fraglicher. Ein System, das sich weniger an Qualitätseigenschaften als vielmehr am Preis orientiert, ist und bleibt flach und überholt. Bio muss sich abheben, will anders sein.
Die kleinen Nahversorger wehren sich gegen große Konkurrenz mit klaren Bekenntnissen. Angst machen die Zusatzstoffe, weniger der Wettbewerb und das nutzen sie zu ihrem Vorteil. Sie schaffen mit der Ausweitung ihrer Bio-Angebote eine größere Nähe zu den aktuellen Fragen der Verbraucher. Das sorgt für starke Kundenbindung. Bio und Regional gehen erfolgreiche Symbiosen ein.
Die breite Kampagne um Antibiotikarückstände in Fleisch- und Geflügelprodukten kratzt weiter am Image der Landwirtschaftsminister im Bund und den Ländern. Vom Bund fehlen wirklich nachhaltige Regeln, die Länderminister setzen zu zaghaft um. Die Verbraucher treffen ihre Entscheidungen und greifen noch mehr zu Bioalternativen.
Vor 13 Jahren hatte Bremke & Hörster das erste Bio-Leitsystem eingeführt. Ein Bio-Siegel auf dem Preisschild diente als Wegweiser zu den noch wenigen Bio-Produkten im sonst riesigen Angebot. Heute finden die Kunden durch klare Kennzeichnung am Preisschild leicht zu den Bioprodukten. Der Handel hat ein Jahrzehnt benötigt für die Einführung von Kennzeichnungstechniken, die mit entsprechender Automation Fehler vermeiden helfen.
Viele kleine und große Faktoren unterstützen heute die Ausweitung der Bio-Sortimente. Die Verbraucher können dennoch nur kaufen, was in den Regalen steht. Die herkömmlichen Vorstufen sind auf breite Bioangebote nicht nur nicht eingerichtet, die Systeme behindern und verhindern den zur Nachfrage passenden Sortimentsaus- und umbau.
Bio-Vollsortimente brauchen mehr als eine Regalpflege der Streckenlieferanten. Den Kaufleuten fehlt hier der geeignete Großhandel. Wo Naturkostgroßhändler ihre Auswahl aus vielen Tausend Bio-Produkten in den Supermarkt liefern, schnellt das Angebot hoch und der Absatz. Frische ist dann tagesaktuell verfügbar. Eine flächendeckende Versorgung käme in greifbare Nähe.
Ein Haushalt mit 100 Prozent Bioeinkäufen, 25 Kilometer von der nächsten Großstadt entfernt, leistet sich einen wöchentlichen Einkauf. In zehn Jahren muss er dafür mindestens 26.000 Kilometer zurücklegen, meist mit dem Auto! Geht die Milch aus oder die Butter, bleibt nur ein Weg: zu Aldi. Die gibt es flächendeckend. Das Bioangebot ist zwar nicht üppig, aber von allem ist ein wenig zu kriegen - eher und besser gepflegt als bei Rewe auf dem flachen Land.
Die Dämme brechen! Das kann voraus gesagt werden. Die Konzentration und Dichte im Naturkostfachhandel zwingt immer mehr alte und neue Marktakteure in vorhandene Regale der Lebensmittelkaufleute. Nicht alle sind Lidl.
Naturkosthändler, die sich dagegen stellen, anstatt ihre Nische zu finden und auszubauen, kämpfen in die falsche Richtung. 100 Prozent Bioanbau geht nur mit allen zusammen.
Erich Margrander
Herausgeber







