Start / Ausgaben / BioPress 66 - Februar 2011 / Viel Potenzial für Bio-Mopro im Supermarkt

Viel Potenzial für Bio-Mopro im Supermarkt

Hersteller von Bio-Molkereiprodukten (Mopro) und konventionelle Kaufleute gehen auffällig vorsichtig miteinander um. Sie verlieren sich aber nicht aus dem Blick! Eine größere Annäherung ist durchaus denkbar und möglich, schließlich interessieren sich immer mehr Verbraucher für die Produkte. Sie verbinden diese zu Recht mit den aktuellen Themen dieser Tage: Sicherheit, Regionalität, Gesundheit, Transparenz, Fairness und  Gentechnikfreiheit.


Ziegenherde aus dem Projekt der Andechser Molkerei Scheitz.{_umbruch_}Foto: Andechser
 

Milcherzeuger und -verarbeiter stehen bekanntermaßen großen Herausforderungen gegenüber. Letztere müssen mit einem hohen Konkurrenzdruck fertig werden, wobei die Situation bei austauschbaren Basisprodukten besonders schwer ist. Bezogen auf Bio-Produkte gilt, dass die Verbraucher diese auf jeden Fall schätzen.

Der Anteil der Bio-Milch an der gesamten Milch lag in Deutschland Ende 2010 zwischen 2,1 und 2,5 Prozent, also nur halb so viel wie bei Bio-Lebensmitteln insgesamt. Nach Analysen der AMI auf Basis des Gfk-Haushaltspanels kauften die deutschen Privathaushalte im dritten Quartal 2010 aber immerhin schon 13 Prozent mehr Bio-Konsummilch gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Bei Bio-Vollmilch, die beim Bio-Käufer ohnehin die beliebteste ist, waren es sogar 18 Prozent mehr. Bio-Joghurt, Käse gesamt und Butter verzeichneten ebenfalls Zuwächse.

Bei Produkten wie Milch und Quark müssen sich Markenhersteller gegen die Bio-Eigenmarken des Handels behaupten. Viele der konventionellen Ketten sind bei den Mopro-Basisprodukten streng organisiert und berücksichtigen fast nur ihre Bio-Eigenmarken – zum Nachteil der Verbraucher. Ein Marktleiter mit Herz für seine bioaffinen Kunden hat es schwer, Ware in die Regale zu bekommen, es fehlt am Willen, Warenströme neben den eigenen Beschaffungsstrukturen zuzulassen. Besser sieht die Situation bei den selbstständigen Einzelhandelskaufleuten aus, die vermehrt auch Markenartikel listen und dabei mit kooperierenden Frischediensten wie Innstolz oder den Allgäuland Käsereien zusammenarbeiten.

Fachmessen wie die BioFach sind da eine ideale Plattform, wo Hersteller und Abnehmer in Sachen Frischeabsatz miteinander ins Gespräch kommen können. Als Anknüpfungspunkt bieten sich dabei die zahlreichen Produktneuheiten an. Schließlich befindet sich durch wechselnde Geschmacksvorlieben der Konsumenten auch die Produktnachfrage in stetem Wandel.

Mehrwert Gesundheit und Ernährung

„Das Angebot an unterschiedlichen Bio-Molkereiprodukten ist sehr umfangreich. Wir sehen aber noch ein großes Entwicklungspotenzial des Handels“, schätzt Stefanie Miller von der Andechser Molkerei Scheitz den Markt ein. Dabei wachse die Anzahl der Menschen, die über die Ernährung zum Schutz ihrer Gesundheit und der Umwelt beitragen wollten. Die Bio-Molkerei konzentriert sich aktuell auf die Kernsegmente Joghurt und Milchgetränke.

Viel Aufmerksamkeit dürften hier zwei neue Joghurts in den Geschmacksrichtungen Orange-Sanddorn und Maracuja-Banane erregen, denn sie verdanken ihre feinherbe Süße der Kombination von kalorienfreier Stevia und etwas Bio-Rübenzucker. Dem Bewusstsein für eine ausgewogene Ernährung kommt Andechser außerdem mit dem neuen fettreduzierten Trink-Joghurt Natur und einem fruchtigen Cerealien Joghurtdrink entgegen. Abgerundet wird der Neuheitenreigen durch neue Geschmacksrichtungen, unter anderem bei den Lassis die Sorten Sweetie, eine aromatische Zitrusfrucht, und Guave.


Foto: Andechser
Ebenso wie die Andechser Molkerei Scheitz bietet Söbbeke sowohl Basisprodukte als auch Spezialitäten der weißen und gelben Linie an und ist im LEH / SEH zu finden. Beide Hersteller verzichten generell auf den Zusatz von Aromen, wobei Söbbeke selbst zugelassene Bio-Aromen ausschließt.

Ob die Bio-Molkerei aus NRW bei der zur Messe angekündigten neuen Joghurtlinie den Gesundheits- oder den Genussaspekt in den Vordergrund stellt, muss abgewartet werden. Schließlich sind Bio-Käufer äußerst genussfreudig. Dafür spricht bei Söbbeke nicht zuletzt der Erfolg der zahlreichen Desserts, etwa der fruchtigen Sahne-Kefir-Varianten.

Einen Demeter Fettarmer Kefir mild im 400g Tetra Top werden auch die Milchwerke Berchtesgadener Land (BGL) neu zur BioFach präsentieren. Ergänzt wird damit ein großes Sortiment an Milch, Joghurts, diverse Quarksorten, Fruchtbuttermilch und anderen Sauermilch- und Sahneprodukten.

Marketingleiterin Barbara Steiner-Hainz weist beim Punkt Gesundheit auf die inhaltliche Qualität der bei ihnen eingesetzten Alpenmilch hin. Die wertvollen Omega-3-Fettsäu­ren und CLAs seien dabei nicht nur ernährungsphysiologisch wichtig, sondern verbesserten bei Schlagsahne und Butter auch eindeutig die Verarbeitungseigenschaften.

Kuhmilchallergiker, genauso wie aufgeschlossene Genießer, werden bei der Schweizer Molkerei Biedermann und Leeb Biomilch aus Österreich fündig. Letztere bieten Frischmilch, Haltbarmilch, Natur- und Fruchtjoghurts sowie Frischkäse aus Schaf- und Ziegenmilch an. Schon recht umfangreich, wird die Auswahl für die Kunden durch stolze zehn Messeneuheiten noch größer werden. Die Biomolkerei Biedermann führt gleichfalls eine Reihe an Schafmilchprodukten, die von Natur aus reich an ernährungsphysiologisch wertvollen Inhaltsstoffen sind.

Der Erfolg der Linie hat dazu geführt, dass sich bei dem eigens initiierten Schafmilchprojekt immer mehr Vertragslandwirte engagieren. Daneben umfasst das Sortiment moderne Kuhmilchprodukte, darunter Lassis, Desserts und funktionelle Joghurts mit probiotischen Bakterien. Um der steigenden Nachfrage nach lactosefreien Produkten entgegenzukommen, erweitert Biedermann jetzt zudem die entsprechende Joghurtlinie um lactosefreien Lassi, Butter und Kaffeesahne. Überhaupt wächst das Angebot an lactosefreien Bio-Milchprodukten, die es anfangs fast nur im Reformhaus gab, rasant.

Mehrwert Regionalität und Rückverfolgbarkeit

Bio-Molkereien, unter anderem die Andechser Molkerei Scheitz, die Milchwerke Berchtesgadener Land, Lobetaler oder die Upländer Bauernmolkerei, beziehen ihre Milch fast immer regional. Das kommt nicht nur der Frische zugute, sondern vermindert zugleich eine unnötige Umweltbelastung durch den Transport und unterstützt die heimische Landwirtschaft. So betont zum Beispiel Lobetaler: „Wir verwenden ausschließlich Milch aus der unmittelbaren Region. Einheimische Früchte für unsere Fruchtjoghurts werden in der Region Berlin/Brandenburg und Meck­lenburg-Vorpom­mern angebaut und verarbeitet.“

Die schon 1927 als Molkereigenossenschaft gegründete Molkerei BGL sammelt die Bio-Milch für ihr umfassendes weißes Sortiment von eigenen Mitgliedern entlang der Alpenkette. Damit wolle man die extensiv wirtschaftenden Bergbauern in einer wertvollen Kulturlandschaft unterstützen, sagt Barbara Steiner-Hainz.

Als Herkunftsgarantie der echten „Alpenmilch“, die ausschließlich am Standort in Piding verarbeitet werden, setzt die Molkerei auf den Identitätsstempel (DE–BY–110). Wesentlich aufmerksamkeitsstärker und bekannter sind die Verbandssiegel von Demeter und vor allem Naturland. Hier tragen immer mehr ihrer Bio-Produkte sogar das Naturland-Fair-Label für geprüftes faires Handeln. 

Bei der Andechser Molkerei stammt die Milch von Höfen aus dem Alpenvorland, also ebenfalls aus der direkten Umgebung. Die regionale Position der einzelnen Landwirte lässt sich dabei seit ein paar Jahren auch auf der Homepage des Unternehmens nachvollziehen. Vor kurzem haben sie außerdem einen Kurzfilm vorgestellt, in dem über den Kreislauf ihrer Bio-Produkte entlang der Wertschöpfungskette informiert wird (zu sehen auf der Homepage und auf You Tube: www.youtube.com/AndechserNatur).

Elke Winkels von Söbbeke meint, als national distribuierende Molkerei seien sie nicht mehr in einer regionalen Nische zu Hause. Da ließe sich ihr Volumen nicht absetzen. „Wir geben dafür mehr als 150 Milchbauern aus Nord- und Westdeutschland eine Existenzgrundlage. Natürlich ist Söbbeke in unserer Heimatregion auch zugleich die starke regionale Marke“, ergänzt sie.

Mehrwert Tierschutz und Fairness

Eine artgerechte Tierhaltung ist für Bio-Betriebe obligatorisch und selbstverständlich. Dabei gehen die Regeln für Landwirte, die einem Bioverband angehören deutlich über die EU-Vorschriften hinaus. Die Markenhersteller setzen überwiegend solche Verbandsware ein und erhöhen durch das entsprechende Siegel ihre Glaubwürdigkeit bei den Verbrauchern.

In diesem Zusammenhang kann man unter anderem das sogenannte KUH-M-System von Söbbeke nennen (www.kuh-m.eu). Dieses gemeinsam mit Bioland erarbeitete Qualitätsmanagementsystem für Erzeuger setzt in erster Linie an der Gesundheit und dem Wohl der Milchkühe an. Dahinter steht das Bewusstsein, dass trotz der bestehenden umfassenden und strengen Vorgaben eine ständige Weiterentwicklung sinnvoll ist. Faire und partnerschaftliche Handelsbeziehungen gehören gleichfalls zu den Grundprinzipien der Bio-Molkereibetriebe, was sich schon in den hohen Anlieferungspreisen für die Milch widerspiegelt.

Teilweise gehen die Betriebe noch darüber hinaus. So nennt Lobetaler Hoffnungstaler Werkstätten ihre Produktion „Soziale Milchwirtschaft“, weil sie in ihrer Molkerei ne­ben Molkerei-Facharbeitern zwölf Menschen mit Behinderung beschäftigen.

Mehrwert Story telling und soziale Projekte

Bio-Käse hat den Sprung in die Theken mittlerweile geschafft, wobei sicher die Bereitschaft des Käse-Großhandels eine Rolle spielt. Die bisher genannten Mehrwerte finden sich bei der gelben Linie natürlich genauso wieder. So stammt die zum Käsen eingesetzte Milch fast ausschließlich aus der Umgebung des jeweiligen Betriebes, sei es etwa die Bodenseeregion bei Bergpracht oder das Allgäu bei den Regionalspezialitäten der ÖMA. Außerdem sind bei immer mehr Anbietern die gefragten Ziegenkäsespezialitäten und oft auch Schafskäse zu bekommen, zum Beispiel bei Andechser, Bergpracht, Bastiaansen und anderen. Gleiches gilt für Light-Versionen mit weniger Fett.

Dazu kommt der Verzicht auf Zusatzstoffe bei der Verarbeitung. Dies betonen vor allem die Käsereien aus Österreich und dem Allgäu wie der Käsehof und Schönegger Käserebellen. Für die Hartkäsesorten verarbeiten sie Heumilch, das heißt frische Milch von Tieren, die kein vergorenes Silagefutter bekommen haben. Basierend auf dem Mehraufwand der Heuwirtschaft erhalten Heumilch Biobauern vom Käsehof einen Zuschlag zum Milchgeld.

Sämtliche Nachhaltigkeitsthemen seien mittlerweile in den Fokus der Menschen gerückt, heißt es bei Söbbeke. Es sei daher nötig, auch alle genannten Themen umzusetzen und zwar dauerhaft. Die Geschich­te hinter den Produkten kommuniziert Söbbeke vor allem im Käsesegment, wo sie Münsterländische Tradition mit al­ten Münsterländer Sa­gen verbin­den. Jüngstes Beispiel für das erfolgreiche Konzept ist der „Wilden Bernd“, ein mit Bu­chen­holz geräucherter Schnitt­käse. Außerdem engagiert sich das Unternehmen immer wieder für soziale Projekte, etwa dem Straßenkinder-Projekt beim African Cheese Kick.

Von herzhaft bis zartcremig dank echter Handwerkskunst

Ein weiterer Mehrwert macht sich bei Bio-Käse besonders bemerkbar und zwar das traditionelle Handwerk. Viele Schritte in dem anspruchsvollen Metier führen die erfahrenen Käser nach wie vor von Hand durch. Sie kennen sich mit den wenigen erlaubten Zutaten Bio-Milch, Salz, Käsereikultur und Lab bestens aus. Bei eingesetzten Gewürzen, Kräutern und anderen Zutaten achten sie auf unbedingte Bio-Qualität.

Die Käser wissen auch, womit die jungen Laibe affiniert werden können, damit edle Käse entstehen. Die ÖMA verwendet zum Beispiel für ihr Weißbierfondue Bier von der Neumarkter Lammsbräu und für die Alm-Schnitte Würzmischungen von Lebensbaum. Und schließlich bekommt Bio-Käse die Zeit, die er zum natürlichen Reifen braucht. Das Resultat ist ein voller Geschmack und eine erstaunliche Vielfalt an Klassikern, saisonalen Highlights oder naturbelassenen Convenience- produkten, die auch Bio-Neulinge überzeugen.
Bettina Pabel

 


 

Was erwarten die Verbraucher von Bio

In einer groß angelegten Verbraucherstudie der DLG zum Thema: „Nachhaltige Lebensmittel – was erwartet der Verbraucher?“ zeigte sich, dass Nachhaltigkeit den Menschen sehr wichtig ist. Allerdings lässt sich das Thema aufgrund seiner Komplexität auch nur schwer transportieren.
Außerdem ergab die Studie, dass Kommunikationskonzepte über mehrere Kanäle am effektivsten sind. In diesem Zusammenhang sollten die Teilnehmer mehrere TV-Werbespots hinsichtlich ihr­er Glaubwürdigkeit in punkto Nachhaltigkeit bewerten. Am besten schnitt der Film von Hofer (Aldi Österreich, Bio-Marke Zurück zum Ursprung) mit dem Bio-Pionier Werner Lampert in der Hauptrolle ab.
Die darin vorgebrachten Fakten, die die Zuschauer überzeugten, waren: Ein vertrauenswürdiger Darsteller und die Verwendung ausschließlich heimischen Getreides sowie Einsparung von LKW-Kilometern.

 


Bio-Mehrwerte

Sowohl Basisartikel als auch die vielen Mopro-Spezialitäten weisen echten Mehrwert und Alleinstellungsmerkmale auf, mit denen überzeugte Kaufleute bei ihren Kunden Punkte sammeln können. Vor allem ethische Mehrwerte werden diesen immer wichtiger. Das hat unter anderem das aktuelle Europäische Core Organic Pilotprojekt „Erfolgreiche Kommunikation von Werten ökologischer Lebensmittel“ unter der Federführung von Prof. Dr. Ulrich Hamm gezeigt. Der Studie zufolge spielen für die deutschen Verbraucher vor allem artgerechte Tierhaltung, ge­nau definierte regionale Erzeugung und faire Preise für die Landwirte eine entscheidende Rol­le. Und das sind Mehrwerte, die gerade für Bio-Milch- und Milchprodukte zutreffen.


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