Start / Editorial Ausgabe 61 / November 2009

Editorial

Editorial Ausgabe 61 / November 2009

Liebe Leserin, lieber Leser!

Die Anuga-Sonderschau Voll-Bio hat in den letzten Jahren gezeigt, wie es gehen kann. Teile des dort gezeigten Potpourries spiegeln sich heute in den Märkten. In diesem Herbst waren es die internationalen Besucher, die sich elektrisieren ließen von dem bunten Angebot. Sie kamen in Scharen und brachten größtes Interesse mit. Sie schlichen geradezu an den Regalen entlang, schrieben, fotografierten und stellten viele Fragen. Von den Teilnehmern kam die Nachricht von ausgesprochen guten Resonanzen.

Es gab diese Situation vor rund zehn Jahren schon einmal. In Deutschland schien das Interesse verhalten. Der Druck kam dann von außen. So auch jetzt wieder. Besucher aus dem Ausland berichten auf der Anuga davon, dass in ihrer Heimat die Ansicht vorherrscht, Bio sei hier bei uns in allen Supermärkten breit im Angebot. Die Wirklichkeit stellt sich in der Fläche, wie wir wissen, noch anders dar. Im Fachhandel ja. Nur ist auch der nicht flächendeckend vertreten.

Die Politik ist ein Spiegel der Interessen. Das hat die Anuga-Sonderschau Voll-Bio gezeigt. Zwei Staatsminister der Landwirtschaft – aus Kanada und Dänemark – kamen mit großer Neugierde zu Besuch und auch die EU-Kommissionarin Mariann Fischer-Boel brachte ihre Überraschung zum Ausdruck: So viel Bio im Supermarkt? Im Zentrum standen die Fragen nach Lebensmittelsicherheit und Gesundheit.  So großes offizielles Interesse für Bio ist neu in Köln.

Genuss, Wohlbefinden und Sicherheit: Das waren in den Gesprächen die wichtigsten Stichworte zum Thema, was ist anders an Bio? So wie Doping im Sport verpönt ist, sollten Lebensmittel ungedopt produziert werden und schadstofffrei auf den Markt kommen. Die Zusammenhänge von Umwelt und Geschmacksausbildung sowie Gesundheitsaspekten sind in den Köpfen angekommen.

Das ändert auch eine wild gewordene Reporterin nicht, die aufgeregt nachweist, dass auch bei Bio gespritzt wird und dabei den Unterschied zwischen chemisch-synthetischen und natürlichen Mitteln unterschlägt. In einem hat sie Recht, die Biobranche muss offener werden und sich auch den Fragen der Gesellschaft stellen. Es gibt den Unterschied zwischen einem Landwirt, der zum Beispiel homöopathische Behandlung beim Anbau gelernt hat und einem Produzenten, der beim Umstellen seiner Flächen auf Bio noch mit Pilz-Befall kämpfen muss.
Das Edaphon - die Lehre vom Erdboden - birgt mindestens so viele Geheimnisse wie die Ozeanographie oder die Kommunikationswissenschaft. Der Öko-Anbau zielt nicht auf Schnellwachstum der Pflanzen. Es wird der Boden bereitet für kräftiges und gesundes Wachstum! Und sagen wir es einmal so, dass die Erde alles Tote verschluckt und wieder als Leben an die Oberfläche bringt, ist ein größeres Mysterium als die einfache Tatsache des Vorhandenseins von Wasser auf dem Mars.

Die Anstrengungen in der Entwicklung der Biovermarktung haben zu einem Mehr an Bio-Sortimenten geführt. Es geht bunter zu im Bio-Angebot. Und der Bio-Block ist out! Das Vorbild von Edeka-Kirchner mit vielen kleineren Blöcken bei den Warengruppen setzt sich durch. Und wer seine Bio-Sortimente wirklich integrieren will, ordnet konsequent zu und ergänzt allenfalls noch mit Kopfgondeln oder Displays in Sonderplatzierung um Aufmerksamkeit auf die Bio-Angebote zu lenken.

Vielleicht setzt sich das neue Denken nun auch in der Obst- und Gemüseabteilung fort. Frisches Obst, das grundsätzlich vorverpackt angeboten wird, findet nicht den gleichen Zuspruch wie offene Angebote. Verpackt drehen sie sich nicht genügend, und die Abteilungsleiter verharren weiter in der Ansicht, dass Bio-Obst und -gemüse nur zurückhaltend in kleinen Mengen angeboten werden kann. Wo Bio-Gemüse breit in die Schütten kommt, ändert sich der Abverkauf schlagartig. Das muss noch gelernt werden.

Die Handelskultur - Listungsgebühren, Jahresgespräche und vieles mehr - zwingt die Bio-Anbieter zu rückwärtsgewandtem Verhalten. Was ist anders bei Bio? Kurze Wege, Vielfalt, der Verbraucher mit seinen Qualitäts-, Fairness- und Nachhaltigkeits-Ansprüchen im Zentrum des Geschehens lassen sich nicht in das Korsett der Einkäufer zwängen. Zwischen den althergebrachten Vorgaben der Chefetagen und den Realitäten der Kaufleute liegen Welten. Rewe-Chef Alain Capparos hat das erkannt, wenn er verkündet, dass ein „weiter so“ nicht länger Bestand hat, aber für eine Änderung mindestens eine „kleine?Revolution“ nötig sei.

Erich Margrander
Herausgeber

[ Artikel drucken ]

Ticker

Das könnte Sie auch interessieren

Editorial Ausgabe 127/April 2026, 2. Quartal

Liebe Leserinnen, liebe Leser.

Der Rückblick auf die Biofach-Messe zeigt: Die Frage nach der Neugestaltung – dem ‚Reframing Organic‘ – bewegt die Branche sehr unterschiedlich. Deutlich zu spüren ist, wer hinterherhinkt, seinen Status quo als zukunftsweisend ausgibt – und wer klare Vorstellungen einer übergeordneten Entwicklung hat.

16.04.2026mehr...
Stichwörter: Editorial