Editorial
Editorial Ausgabe 129/Oktober 2026, 4. Quartal
Liebe Leserinnen, liebe Leser.
Bio braucht Platz – und Zugang zum Markt. Wird unser Essen ökologischer, gesünder und naturnäher, wenn Verbraucher ihren Lebensmittelhandel selbst organisieren? Welche Antworten liefern Bio, Regionalität und regenerative Landwirtschaft? Was bleibt von Longevity und Vegan, was lernen wir von der vegetarischen Tradition der Reformhäuser? Dahinter steht eine praktische Frage: Wie kommen gute Lebensmittel verlässlich und bezahlbar in die Küchen der Menschen?
An Ideen mangelt es kaum, an Hindernissen ebenso wenig. Preise, Vertriebswege und Handelsvorgaben bestimmen, was auf den Tisch kommt. Mehr Gastronomie im Supermarkt soll den Einkauf zum Erlebnis machen. Doch reicht das, wenn Lebensmittel fehlen, die Kunden im Alltag suchen?
Die Zeichen stehen auf Bio-Wachstum. Gleichzeitig wirkt der Biomarkt wie ein Verschiebebahnhof. Zusätzlicher Umsatz in Drogeriemärkten ist nicht automatisch zusätzliche Bio-Nachfrage. Ein Teil dürfte anderen Einkaufsstätten verloren gehen. Entscheidend ist, ob Bio insgesamt mehr Menschen erreicht und einen größeren Anteil ihrer Ernährung ausmacht.
Auch die Einlistung von Alnatura-Produkten bei Rewe wirft diese Frage auf. Erweitert sie das Bio-Angebot? Oder geraten die wenigen anderen Bio-Marken weiter unter Druck? Die auf der vergangenen Biofach aus Rewe-Kreisen geäußerte Einschätzung, Markenartikler und insbesondere Start-ups würden es schwer haben, lässt wenig Raum für Zuversicht.
Wer seine Küche auf Bio ausrichten will, braucht ein Vollsortiment. Im Mainstream fehlt vor allem Frische: Brot, Fleisch und Wurst, Schinken, eine breite Käseauswahl sowie bezahlbares Bio-Obst und -Gemüse. Noch mehr Auswahl in gut besetzten Warengruppen schließt diese Lücken nicht.
Irritation entsteht zudem, wenn Bio-Produkte im Supermarkt deutlich teurer sind als im spezialisierten Bio-Markt. Außerhalb der Ballungszentren ist der Weg zum Bio-Vollsortiment häufig weit. Drogeriemärkte schaffen wichtige Zugänge, bieten jedoch keine vollständige Frischeversorgung. Viel vom Gleichen macht Masse, aber noch keine alltagstaugliche Bio-Versorgung.
Regionale Versorgung könnte helfen. Doch ein Ansatz, über den bioPress in dieser Ausgabe schreibt, richtet sich bislang eher an Erzeugnisse von konventionellen Bauern und Gärtnern. Die Rewe-Initiative für regionale Frische bleibt zudem den eigenen Kaufleuten vorbehalten. Das stärkt das Handelssystem. Aber wie weit bringt es Bio voran?
Überhaupt: Wie offen ist dieser Markt? Zur Begründung bestehender Sortimente hören wir regelmäßig, die Kunden verlangten danach – oder eben nicht. Doch wie soll sich Nachfrage zeigen, wenn das Angebot fehlt? Wer vor allem anbietet, was sich zentral organisieren und in großen Mengen bewegen lässt, erfährt wenig über weitergehende Kundenwünsche. Selbst Regionalität muss in bestehende Ertrags- und Entscheidungsstrukturen passen.
Zugleich erhalten Regional-Festivals und regenerative Projekte viel Aufmerksamkeit und politische Unterstützung. Doch regionale Herkunft ist kein ökologischer Standard. Und regenerative Landwirtschaft wird nicht durch ihren Namen zu Bio. Wo mineralische Stickstoffdünger und chemisch-synthetische Pestizide nicht verbindlich begrenzt oder ausgeschlossen werden, bleibt die Frage: Wie tief reicht der angekündigte Wandel?
Ein gangbarer Weg zu mehr Bio im Lebensmittelhandel liegt nahe: Bio-Großhändler können Erzeugnisse bündeln, Sortimente zusammenstellen und die Versorgung organisieren. Genau das brauchen Kaufleute, die ein breites Bio-Angebot aufbauen wollen.
Dafür müssen beide Seiten zusammenfinden. Handelszentralen wollen koordinieren, mitentscheiden und mitverdienen. Bio-Großhändler wollen Kompetenz und Lieferbeziehungen einbringen, ohne ihre Eigenständigkeit abzugeben. An diesem Konflikt scheitert manches Sortiment bereits im Ansatz.
Eine zweite, auf Bio spezialisierte Großhandelsstufe kann sinnvoll sein. Voraussetzung ist ein Angebot aus einer Hand: gebündelte Lieferungen, übersichtliche Abrechnungen und verlässliche Dienstleistungen. Zahlreiche einzelne Erzeugerbeziehungen neben dem Tagesgeschäft zu organisieren, ist für viele Märkte kaum leistbar.
Hier liegt eine wichtige Innovation, auf die Bio wartet: Zusammenarbeit, die vollständige Sortimente ermöglicht. Pionierleistungen allein öffnen keine Vertriebswege. Und Verbraucher gewöhnen sich schwerlich an Bio, solange sie ihren täglichen Bedarf nur vereinzelt in Bio-Qualität finden.
Mit Inseln guter Bio-Versorgung sollten wir uns nicht zufriedengeben. Der Lebensmittelhandel muss seine Zugänge öffnen und die Bio-Branche breite und tiefe Sortimente auch außerhalb ihrer vertrauten Absatzwege konsequent mitgestalten.
Wer Bio zum Alltag machen will, muss den Alltag mit Bio versorgen.
Erich Margrander
Herausgeber







